Herta Martinelli

Holzfuhren im Winter von der Villa Heyking aus gesehen. Links oben unser Elternhaus, davor die Gärtnerei

Durch den Einzug der deutschen Truppen im Mai 1919 begann auch für die Bevölkerung wieder ein normales Leben in Ordnung und Frieden. Allerdings gelang es der Kommandantur nicht gleich im ersten Sommer, die bolschewistischen Banden, die sich in unseren Wäldern festgesetzt hatten, in ihren Verstecken auszuheben. So geschahen oft nächtliche Überfälle auf einzelne Güter mit der Ermordung der deutschen Besitzer. Auf dem Gute Dursruppen im Talsenschen Kreise wurden z.B. die Bewohner in einer Nacht durch heftiges Klopfen geweckt und auf ihre Frage, wer so stürmisch Einlass begehre, wurde in deutscher Sprache geantwortet, es sei deutsches Militär aus Talsen. Als dann die Tür geöffnet wurde, drang eine bolschewistische Bande ein, die alle Familienglieder bis auf einen Sohn ermordete. Dieser junge Mann hatte sein Zimmer im ersten Stock. Als er die Schüsse im unteren Strockwerk hörte, sprang er aus dem Fenster und rannte durch die Nacht bis nach Talsen, wo er der Kommandantur Bericht erstattete.
Später erzählte mir mein Mann eine Episode aus dieser Zeit. Wir heirateten erst im Jahre 1928, so dass ich diese Begebenheit nicht selbst erlebt habe. Das Pastorat, in dem mein Mann wohnte, lag drei Kilometer von Talsen entfernt. Eines Tages erschien ein Trupp Reiter, angeführt von dem Bolschewiken Gritzmann, der für seine Bande ein warmes Essen verlangte. Mein Mann ordnete an, dass schnell eine Suppe gekocht werden sollte, worauf die Mägde in aller Eile im Waschkessel eine Milchsuppe mit Mehlklößen kochten, dazu gab es gebratenen Speck und Schwarzbrot. Der Tisch für die Männer wurde im Esszimmer gedeckt und da es in der Küche nicht so viel Aluminiumlöffel gab, mussten die silbernen Essbestecke aus dem Speisezimmer genommen werden. Als die Männer dieselben mit Kennermiene betrachteten, sagte der Anführer Gritzmann in befehlendem Ton: “auf dem Tisch bleibt alles so liegen, wie wir es vorgefunden haben!” Die Landstraße, die nach Talsen führte und an welcher das Pastorat lag, wurde von mehreren bolschewistischen Wachposten abgesperrt, so dass die Durchreisenden sich allmählich in der Pastoratsküche sammelten und Zeugen dieser Mahlzeit wurden. Inzwischen wanderte der Anführer Gritzmann mit dem Pastor durch die weiträumige Wohnung und äußerte sein Erstaunen und Befremden darüber, dass sie so spärlich möbliert war, denn er hatte wohl ein elegant eingerichtetes Pastorat erwartet. Hier möchte ich bemerken, dass in meiner baltischen Heimat die gesellschaftliche Stellung des Pastors mit der eines Barons nach Meinung der Leute auf einer Ebene lag. So war es zu verstehen, dass Gritzmann erstaunt war, ein so schlicht eingerichtetes Pastorat vorzufinden, was er aber durchaus zu Gunsten des Pastors verbuchte. Als die Bande genügend gesättigt war, verabschiedete sich Gritzmann mit den Worten: ” Jetzt können sie gleich einen Reiter nach Talsen schicken und Bericht erstatten, bis von dort jemand erscheint, sind wir über alle Berge.

Blick von unserem Garten auf die Stadt, im Vordergrund die blühenden kleinen Kirschbäume und ein Narzissenbeet un unserm Garten

Allmählich stabilisierten sich die Verhältnisse im lettländischen Staat und für die Bevölkerung begann ein normales Leben. Meine Mutter und ich reisten im August 1919 nach Kiel zu meiner Schwester Alice und dem Schwager, wo am 13. September das erste Kind, Wolfgang, geboren wurde. Wir hatten die Absicht, vor Weihnachten wieder heimzureisen, wurden aber daran gehindert, weil sich inzwischen “weiße Armeen” gebildet hatten, die es versuchten, die von der “roten Armee” eroberten Gebiete zurück zu erobern. So kämpfte in Kurland die weiße freiwillige Armee des russischen Fürsten Awaloff-Bermondt, allerdings ohne Erfolg, verhinderte aber unsere Heimreise, die nachher noch durch den Kapp-Putsch in Deutschland verzögert wurde. Endlich, im Frühjahr 1920, konnten meine Mutter und ich nach Hause zurückkehren, wo wir schon sehnsüchtig vom Vater und Elly erwartet wurden. Wir waren glücklich, wieder in der Heimat zu sein und den engen, ungewohnten Stadtverhältnissen entflohen, den Frühling in unserem großen Garten erleben zu können: das Blühen der vielen Obstbäume und darunter der blaue Blumenteppich der unzähligen Vergissmeinnicht. Dazu kam die bessere Wirtschaftslage in der Heimat, denn in Deutschland dauerte auch noch nach dem Kriege die schwierige Ernährungszeit der Bevölkerung an. So erschien es uns, als ob wir in ein Schlaraffenland heimgekehrt seien.