Herta Martinelli

Unser idyllisches Leben, das wir während der deutschen Besatzungszeit geführt hatten, nahm mit der Revolution am 4. November 1918 ein jähes, unerwartetes Ende. Wir Balten hatten uns fest darauf verlassen, dass unser Land nach dem Kriege Deutschland einverleibt werden würde, denn Kaiser Wilhelm hatte bei einem Besuch der Ostfront in Mitau gesagt: “Wir stehen hier auf deutschem Boden“. Dieses Wort des Kaisers war von uns mit Jubel aufgenommen worden und es war für uns unvorstellbar, dass diese Hoffnung nun zusammenbrechen sollte!
Die deutsche Besatzungstruppe, die wir nur als korrekte und disziplinierte Truppe kannten, verwandelte sich über Nacht in eine betrunkene grölende Horde, die anstelle ihrer Abzeichen rote Papierblumen angesteckt hatte und auf dem Bahnhof lärmend auf ihren Abtransport wartete. Es war für uns erschütternd, dieses zu erleben, wo wir immer mit Sympathie und Achtung auf das deutsche Militär gesehen hatten. Für mich selbst war das ein so schweres Erlebnis, das ich erst allein in der Stille überdenken musste. Daher rannte ich allein in den Wald, wo ich auf der Erde lag und alles zu verarbeiten suchte. Was für Zeiten kommen jetzt auf uns zu, sind wir Deutschbalten ganz dem Hass der Letten preisgegeben? Im März 1917 war die russische Revolution mit der Abdankung des Zaren Nikolaus II. gewesen, der dann am 17. Juli 1918 mit seiner Familie in Jekaterinenburg ermordet wurde. Am 18. November 1918 wurde der lettische selbstständige Staat proklamiert und eine lettische Regierung eingesetzt. Mein Vater übergab die Geschäfte der Stadtverwaltung einem lettischen Bürgermeister, konnte aber noch in den letzten Tagen seiner Amtszeit eine wichtige Fürsorge für die Ernährung der Stadtbevölkerung abschließen. Das deutsche Wirtschaftsamt schlug meinem Vater vor, die gesamten Getreidevorräte, die in der Stadt lagerten, zu kaufen. Mein Vater sagte sofort zu, ohne zu wissen, wo er die große Summe Geldes dafür hernehmen sollte, denn das Brotgetreide musste sofort bezahlt werden. Als einzige Hilfe konnten nur die wohlhabenden Bürger der Stadt angesprochen werden und so schrieb mein Vater eine Zahl von Quittungen aus, die er mit dem Stempel des Bürgermeisteramtes und seiner Unterschrift versah und schickte mich zu den wohlhabenden Leuten der Stadt, um von ihnen das Geld zu erbitten. Ich möchte hier bemerken, dass meine ältere Schwester Alice im Herbst zu ihrem Verlobten nach Kiel gefahren war, wo ihre Trauung am 18. Dezember stattfand. Daher war ich noch die einzige zuverlässige Hilfskraft meines Vaters. Zu meiner Freude übergaben mir alle angesprochenen Personen große Summen Geldes, so dass ich mit einer prall gefüllten Aktentasche zu meinem Vater zurückkehren und das Brotgetreide gekauft werden konnte.

Das Elternhaus

Die politische Lage gestaltete sich nach dem Abzug der deutschen Besatzung immer bedrohlicher, denn man erkannte, dass uns die rote Welle überfluten würde, die aus dem Osten nicht mehr aufzuhalten war. Es war ein trauriges Weihnachtsfest, das wir unter diesem Druck 1918 feierten. Anfang Januar 1919 versuchten begüterte deutsche Familien, besonders der Adel, nach Deutschland zu fliehen, was auch einigen gelang. Am Morgen des 1. Januar kam mein Vater sehr erregt von einer Nachtsitzung der Stadtverwaltung nach Hause und übergab mir die mit Geldscheinen prall gefüllte Aktentasche mit dem Befehl, sofort zu den Personen zu gehen, die der Stadt das Geld geliehen hatten. Sie könnten ja die Absicht haben, die Stadt zu verlassen und sollten ihr geliehenes Geld, für das mein Vater gebürgt hatte, zurück erhalten. Die Stadtverwaltung sei in der Nacht von der roten Regierung übernommen worden und meinem Vater war es noch gelungen, das Geld in Sicherheit zu bringen.

Unser Elternhaus von der Gartenseite

Hier muss ich bemerken, dass mein Vater auch in der kurzen lettischen Regierungszeit Bürgermeister in Talsen geblieben war. Nun war er endgültig abgesetzt, musste aber noch in der Nacht die Geschäfte abwickeln und den neuen Machthabern übergeben. Nun zog ich klopfenden Herzens los. Die Straßen waren menschenleer, nur hin und wieder zeigte sich eine bewaffnete Miliz, die Zivilpersonen wagten nicht, auf die Straße zu gehen. Ich konnte mein Geld glücklich den erstaunten und erfreuten Leuten übergeben, bis ich an das Haus eines Arztes kam, der Hausarrest hatte und überwacht wurde, was ich nicht ahnte. Ich klingelte und konnte unbemerkt ins Haus schlüpfen und wurde voller Freude wegen des Geldes begrüßt, denn die Familie bereitete sich auf die Flucht vor und war in großer Erregung. Als ich das Haus verlassen wollte, stand eine bewaffnete Miliz vor der Tür und fragte in barschem Ton, wie ich in das Haus gekommen wäre und was ich da gewollte hätte. Ich versuchte mich stotternd herauszureden, sagte, ich käme von der Stadtverwaltung, worauf er mich gehen ließ. Ich musste nur noch zu einer Familie gehen und hatte damit meine Aufgabe erledigt. Aber ich zog es vor, die menschenleere Stadt zu meiden und lief außerhalb derselben über den Mühlenberg und konnte durch ein kleines Pförtchen in unseren Garten schlüpfen. Kaum war ich zu Hause angelangt, als es an der Haustür energisch klingelte und mich vier bewaffnete Männer von der Miliz abholen wollten. Zum Glück war mein Vater gerade zu Hause, der nun seine ganze Beredsamkeit einsetzte, um mich vor der Verhaftung zu bewahren. Ich erinnere mich noch deutlich, dass er sagte, ich hätte ganz eigenmächtig gehandelt, er hätte es nie gestattet, dass ich das geliehene Geld den Leuten zurückbringen durfte. Schließlich zogen die vier verwegen aussehenden Männer ab und ich blieb voller Angst zurück und zuckte immer zusammen, wenn es an der Haustür klingelte.

Die nächsten Wochen und Monate waren eine Zeit des Terrors, von Schrecken erfüllt. Täglich wurden vom Lande adlige Gutsbesitzer und Pastoren verhaftet und in die Stadt gebracht, wo sie vor ein Tribunal gestellt und meistens gleich abgeurteilt und erschossen wurden. Man lebte in einer ständigen Angst. Ab sechs Uhr abends durfte man die Straße nicht mehr betreten. Mit diesem Verbot hing es zusammen, dass ich noch mit zwanzig Jahren von meiner Mutter die einzige, gepfefferte Ohrfeige bekam. Und das kam so: ein kleiner Junge von etwa fünf Jahren, Alf von Schmidt, kam öfter zu uns, weil wir uns mit ihm beschäftigten und spielten. Seine Eltern waren aus dem damaligen Petersburg nach der Revolution geflohen, denn Herr von Schmidt, der Vater des Jungen, war Direktor einer großen Fabrik gewesen. Hier konnte er mit seiner Familie untertauchen. Als nun der kleine Alf eines Nachmittags bei uns war und die Zeit immer weiter vorrückte, ohne dass seine ältere Schwester ihn abholen kam, entschloss ich mich nach fünf Uhr den Jungen nach Hause zu bringen. Unsere Eltern waren von einem Besuch noch nicht zurückgekehrt. Auf der Straße wurden wir beide mehrmals von Milizen angehalten, aber es gelang mir, den kleinen Alf zu Hause bei seinen schon beunruhigten Eltern abzuliefern. Darauf beeilte ich mich, rechtzeitig vor sechs Uhr noch nach Hause zu komen. Als ich ins Zimmer trat, knallte auf meine Backe eine Ohrfeige, die ich mein Leben lang nicht vergessen kann. Meine gute Mutter hatte sich meinetwegen sehr geängstigt und musste auf diese Weise den Schreck abreagieren

Die Schreckensherrschaft währte in Lettland vom November 1918 bis zum Mai 1919. Im Herbst1918 war die Baltische Landeswehr entstanden, eine Freiwilligentruppe der baltischen deutschen Jugend, die zusammen mit einigen lettischen Regimentern und der Eisernen Division den Kampf gegen den Bolschewismus aufnahm. Am 22. Mai wurde Riga durch die Baltische Landeswehr und andere antibolschewistische Truppen befreit. Leider fiel beim Übergang über die Dünabrücke in Riga der Leiter des Stoßtrupps, Baron Hans von Manteuffel. Im Zentralgefängnis in Riga waren mehrere Hundert Personen festgesetzt, von denen 32 beim Herannahen der Befreiungstruppe erschossen oder durch Handgranaten, die in die Zellen geworfen wurden, ermordet wurden. Darunter war auch ein lieber Freund meines späteren Mannes, der Pastor Döbler aus Riga und die Baronesse Marion von Kloth, die jeden Abend durch ihren Gesang die Gefangenen getröstet hatte.

Dann geschah es an einem Tag im Mai, dass auch für uns die Stunde der Befreiung schlug. Es rückten deutsche Truppen ein, die die Stadt besetzten und wieder die normale Ordnung einführten. Unser Bruder Willy Rohde war auch in die Baltische Landeswehr eingetreten, denn es galt als Ehrensache, sich zur Befreiung der Heimat zu melden. Meine Eltern ließen ihren einzigen Sohn schweren Herzens gehen. Im Frühling 1919 kam er noch einmal in Urlaub nach Hause und am 21. Juni 1919 fiel er schon, achtzehn Jahre alt in der Schlacht bei Wenden. Dieser Verlust meines geliebten Bruders war das schwerste Erlebnis meiner Jugend, das ich gar nicht verwinden konnte. Ich verstand mich mit meinem 1½ Jahre jüngeren Bruder am besten von meinen Geschwistern. Er hatte ein stilles, bescheidenes Wesen, liebte vor allem die Musik und auch die Literatur und hatte viel geistige Interessen. Jeden Sonnabend Abend begleitete ich ihn zum Geigenspiel auf dem Klavier. Sein Tod bedeutete eine große Lücke in meinem Leben. Ein Jahr nach seinem Tode fuhren meine Mutter und ich nach Wenden in Livland und suchten sein Grab in der Nähe des Gutes Wesselshof auf. Später wurden die Gefallenen der Baltischen Landeswehr von der Deutschen Gräberfürsorge nach Riga überführt und auf dem Heldenfriedhof beigesetzt.