„Aber dem HERRN, eurem GOTT, sollt ihr dienen, 
so wird er dein Brot und dein Wasser segnen, 
und ich will alle Krankheit von dir wenden“ 
2.Mose 23:25

Erinnerungen

für meine Kinder geschrieben von

Elisabeth Burmeister
geb. Rohde

Eldena 1966

 

Lebensdaten

Elisabeth Elfriede Burmeister, geb. Rohde, wurde am 20. März (julianisch) / 2. April 1904 (gregorianisch) in Talsen/Kurland als Tochter des Gärtners Boris Georg Wilhelm Rohde und Elisabeth Ernestine, geb. Reichard, geboren.
Sie erlernte den Beruf der Gärtnerin in dem Betrieb ihres Vaters (1922-1925), absolvierte ein mehrmonatiges Volontariat in Kiel (1925/26) und übernahm die elterliche Gärtnerei nach dem Tode ihres Vaters im Jahre 1932.

Sie heiratet 1939 in Talsen den Gärtner Robert Alexander Burmeister aus Ligat/Livland. Im November 1939 folgten beide – wie fast alle Deutschbalten – der Aussiedlungsaufforderung (Ausbürgerung) aus Lettland, im Januar 1940 wurden sie in Posen (Poznań) ins nationalsozialistische Deutsche Reich eingebürgert, wo ihre Kinder geboren wurden.
Beide hatten in der Nähe Posens eine Gärtnerei übernommen, die Elisabeth bald allein weiterführen musste, während ihr Ehemann seit 1943 zum Kriegsdienst eingezogen worden war.

Im Januar 1945 floh die Familie in Richtung Mecklenburg und die Flucht fand ihren Abschluss im Dorf Warlow bei Ludwigslust. Nachdem der Ehemann im Juni 1946 verwundet zur Familie zurückgekehrt war, sich zwischen 1948 und 1949 zum landwirtschaftlichen Berufsschullehrer hatte ausbilden lassen und eine Anstellung als Lehrer und Außenstellenleiter der landwirtschaftlichen Berufsschule in Eldena bei Ludwigslust übernehmen konnte, wurde die Familie dort ansässig.

Zwischen 1956 und 1964 arbeitet sie in einer Gärtnerei im Ort und erhielt danach ihre Rente.

Sie starb am 27. Juni 1975 in Ludwigslust und liegt in Eldena begraben.

 

Elisabeth als Konfirmandin

Meine Kinder bitten mich seit einiger Zeit immer wieder, aus der Erinnerung etwas über unser Leben aufzuschreiben. So will ich es denn versuchen. Wo ich anfangen soll und wie ich das fertig bringe, weiß ich noch nicht, denn wenn ich ausführlich sein wollte, könnte ich Bücher füllen. Die Zeit, in der Euer Vater und ich herangewachsen sind und jetzt leben, beginnt mit den Unruhen der russischen Revolution 1905, geht über zwei Weltkriege bis in unsere unruhige Welt und die Zeit der Raumflüge und Atomkraft. Als wir klein waren, wusste man von diesen letzten Kräften noch nichts, nicht einmal das Radio war bekannt, aber trotzdem oder vielleicht gerade darum haben wir eine so schöne Kindheit und Jugend verbracht.

Elisabeth Rohde 1932

Es ist ein Jammer, dass Ihr unsere baltische Heimat nicht kanntet! Wie gern hätte ich Euch eine Kindheit in unserem großen Garten in Talsen gewünscht, abgeschlossen vom Straßenlärm und dem Toben wilder Kinder. Wir lebten dort wie auf einer Insel, die Lauben aus Flieder und Jasmin, das Moos aus dem Garten, und zwischen den Wurzeln der Obstbäume war Heimlichkeit und Märchenwelt, belebt von einem Völkchen imaginärer Gestalten, die jahrelang noch mit mir weiterlebten. Wir sind in unserer schönen stillen Kindheit verwurzelt, so sehr, dass wir innerlich nicht loskommen davon und heute noch, nach 26 Jahren des Fernseins in mir eine schmerzhafte Sehnsucht nach der Heimat.

 

Talsen


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Talsen ist eine der vielen kurischen Kleinstädte, damals ca. 5000 Einwohner. Eine fruchtbare Landschaft umschließt das Städtchen. Wohlhabende Bauern, auch Adlige auf ihren Gütern wohnten in der Gegend. Das Gelände ist hügelig mit vielen kleinen und größeren Seen, ringsherum schöner Mischwald mit Unterholz. Das war es, was wir auf unseren Spaziergängen sahen. Wir liebten die Natur, die Vögel, die Blumen. Und wenn ich am Morgen ganz zeitig vom Ruf des Kuckucks erwachte – eigentlich nicht erwähnenswert – war es mir ein starkes Erlebnis, das mich für den Tag froh machte. Mein Vater kannte Vogelstimmen. Oft rief er mich, um mir einen seltenen Vogel zu zeigen, etwa den Kreuzschnabel, dem ich später nie wieder begegnet bin.
Unsere Gärtnerei lag auf einem Abhang in drei Abstufungen, sehr ungünstig, denn die Nord-Ost-Winde fegten darüber hin und es waren wenige gerade Flächen, die zum Anbau des Gemüses nötig waren.

Carl August Rohde (1832-1893)
Susanne Charlotte Sürzkober (1835-1908)

Mein Großvater Carl August Rohde mag wenig an diese Dinge gedacht haben, als er den alten Obstgarten in Talsen pachtete. Er war wohl froh, seinen Wunsch, eine eigene Gärtnerei zu gründen, erfüllt zu sehen. Er war als junger Mensch aus Deutschland nach Kurland als Gutsgärtner gekommen und zwar hatte ihn ein Baron Korff dazu bewogen, aus Wildberg bei Neuruppin nach Preekuln bei Libau, damals Russland, zu gehen. So verließ August Rohde seine Eltern und die zahlreichen Geschwister und suchte sein Glück im Auslande. Es war eine Zeit, in der Deutschland für seine Jugend nicht genug Verdienstmöglichkeiten hatte und aus dem Schwarzwald und auch aus Mecklenburg die Leute nach Amerika auswanderten (Vergleiche „Jürnjakob Swehn, der Amerikafahrer“ von Johannes Gillhoff, eine Geschichte über die Problematik deutscher Auswanderer in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts).

Das Elternhaus

In Preekuln, lernte August Rohde seine spätere Frau kennen, Susanne Charlotte Stürzkober, die Tochter eines deutschen Webers. Es wurde ihnen dort 1863 mein Vater, Boris Georg Wilhelm geboren, schon ein Jahr später im Gute Balgalen in der Nähe Talsens der zweite Sohn Carl Friedrich. Nun galt es, bei der wachsenden Familie, eine feste Grundlage zu schaffen und so pachtete mein Großvater, August Rohde, einen größeren Obstgarten in Talsen vom Kaufmann Heinz und konnte ihn später mit Hilfe einiger Adliger käuflich erwerben. Es waren schwere Jahre für meine Großeltern, die nur durch Fleiß weiterkommen konnten. Um 4 Uhr früh mussten sie aufstehen. Der Großvater veredelte Bäumchen oder arbeitete an den Mistbeeten, denn am Tage musste er für die Kundschaft da sein. Großmutter webte oder spann früh, um für die Kinder Kleidung zu haben, – es waren mittlerweile acht geworden, von denen aber vier starben, davon drei innerhalb von zwei Wochen an Diphtherie. Als mein Vater ca. 12 Jahre alt war, musste er im Winter die Ziegel zum Bau des Wohnhauses auffahren, wobei er einmal seine Handschuhe verlor und jämmerlich frieren musste.
Als das Haus fertig war, konnten die Großeltern mit den Kindern aus der Mietwohnung in die eigene ziehen.  Es war ein karges Leben, das sie führten. Die Kopeke musste geachtet werden, wurde sie doch schwer genug verdient. Mein Vater erzählte, dass er einmal als kleines Kind zum Bäcker geschickt wurde und dabei drei Kopeken verlor und dafür gewaltige Schläge bekam, weil er nicht genug Ehrfurcht vor dem Gelde gezeigt hatte. Als die Brüder Wilhelm und Carl die Realschule beendet hatten, kamen sie nach Riga in die Lehre, Wilhelm – mein Vater – in die Gärtnerei von Kressler und Bruder Carl zu einem Schlosser. Es gab damals noch keine Eisenbahn von Talsen aus, so dass man mit Pferden (meistens von jüdischen Unternehmern) nach Tuckum zur Bahnstation fahren musste, ca. 35 Werst (38 km). Nun gab es damals noch sehr viel Schnee, auch noch in unserer Kindheit, so dass auch gern mit dem Pferdeschlitten gefahren wurde. So kam es auch vor, dass der Pferdeschlitten mit dem Coupé samt Insassen steckenblieb oder umfiel. Einmal, als beide Brüder von Talsen kommend diese Tour machten, geschah letzteres, und zwar fiel der geschlossene Schlitten so unglücklich, dass die Tür unten war. Die Jungen wussten sich zu helfen: Ungeachtet der Schreie des mitgefahrenen adligen Fräuleins, auf die sie treten mussten, öffneten sie das kleine Fenster, halfen einander heraus und konnten den Schlitten aufrichten, auch buddelten sie den ächzenden Kutscher aus dem Schnee und fuhren mit der schimpfenden alten Dame weiter bis Tuckum.

Mein Vater beendete seine Lehre, ging dann ins estnische Dorpat, wo er sich weiter ausbildete, musste dann aber mit seinem Bruder nach Neuruppin zum Militärdienst, denn sie hatten noch die preußische Staatsangehörigkeit des Vaters. Von dieser Zeit hat mein Vater viel und gerne erzählt, alle seine Erlebnisse als Gärtner, – auch wie er als Flügelmann beim Kaisermanöver immer weiter auf eine Gruppe Mädchen losmarschierte, weil er das Wendekommando nicht gehört hatte und erst durch den Ruf: „Adieu, Gefreiter Rohde“ die Situation begriff. Es waren in Neuruppin ja die Verwandten seines Vaters, die alte Großmutter Rohde (also Eure UrUrgroßmutter), geb. Pieper, Sophie Wilhelmine (1811-1897), die Onkel und Tanten und deren Kinder. Und es mögen seine Cousinen gewesen sein, auf die er zustrebte!

Nach seiner Militärzeit arbeitete mein Vater in seinem Fach noch in Spandau, wurde dann aber nach Hause gerufen, weil sein Vater erkrankt war und im Jahre 1893 starb. So übernahm mein Vater als Ältester die Gärtnerei in Talsen, während sein Bruder Carl beim Militär blieb und dort als Waffenmeister arbeitete. Erst nach 30 Jahren haben sich die Brüder wiedergesehen, als mein Vater sich entschloss, eine Reise nach Torgau zu ihm zu wagen.

Die Eltern: Elisabeth Ernestine Reichardt (1868-1949) und Boris Georg Wilhelm Rohde (1863-1932)

1895 heirateten meine Eltern. Meine Mutter, Elisabeth Ernestine Reichardt, war Tochter des Tischlermeisters und Ältermanns in Libau, Ferdinand Gottfried Reichardt und der Dorothea Wilhelmine Götze (1831- 1916), Tochter des Posamentiers Friedrich Wilhelm Götze (1778-?), wohl auch aus Libau (Anm.: aus Potsdam), und der Charlotte Dorothea Hatlich (1803-1862), doch ist in der Reihe der Vorfahren einer aus Pressburg/Ungarn eingewandert (Anm.: um genau zu sein, der Vater von Elisabeths Urgroßmutter Hatlich, der Ururgroßvater Johann, ein Bäckergesell aus Pressburg).

Meine Großeltern Reichardt hatten sechs Kinder, vor Mama noch zwei Söhne, Wilhelm und Johann (Jeannot), nach ihr noch Theodor, Edla und Juliane. Die Söhne waren alle in der Heimat gestorben, Tante Edla nach der Flucht 1945 im Dezember in Wismar, wo Tante July (Juliane Grattum) lebte, – unsere alte Tante July, die mit 871/2 Jahren noch vier Tage vor ihrem Tode ihrer Arbeit als Masseuse nachgegangen war und an einem Herzleiden starb. Wir haben sie ihrer Lebensklugheit und Tatkraft wegen alle sehr geliebt.

Elisabeths Großvater: Ferdinand Gottfried Reichardt (1828-1906) mit seinen beiden Söhnen Jeannot und Wilhelm

Aus Mamas Kindheit wissen wir nicht viel. Deren Mutter musste im „Magazin“ die Särge und Möbel verkaufen und ausschmücken. So lag der Haushalt in den Händen einer Tante Annette, die wohl genug zu tun hatte, da die Gesellen und Lehrlinge der Tischlerei alle beköstigt wurden, dazu die sechs Kinder. Mama erzählte, wie diese oft auf den Stufen vor der Türe gesessen haben und die Schnitten mit Schmalz verzehrten und Tante Anette nicht schnell genug für die hungrigen Mäuler die Brote streichen konnte.
Ich könnte mir denken, dass für meine Großmutter Reichardt der große Haushalt und was er an Arbeit auch durch die Tischlerei mitbrachte (es wurde alles mit der Hand bearbeitet), nicht einfach war, denn sie war als einzige Tochter wohl ein anderes Leben gewohnt. Sie spielte Klavier, begleitete den Vater zur Flöte und dessen Freund zur Geige, so dass man auf ihre musische Veranlagung schließen kann. Wir hatten in unserem Elternhause noch handgeschriebene Noten von Großmutter. Meine Mutter hat wohl die große Liebe zur Musik geerbt, wenn auch ihre Musikalität nicht so weit reichte, dass sie beim Singen ganz genau den Ton traf, was wir als Kinder ohne zu lachen hinnahmen. Heute klingt es mir noch im Ohr, wie Mama bei ihren Hantierungen in der Küche sang: „Flieg auf, flieg auf, Frau Schwalbe mein, du sollst mein Liebesbote sein!“, wobei der „Liebesbote“ um einen 1/4 Ton vorbei ging.
Aber die große Liebe zur Musik war da und die wurde an uns Kindern gepflegt! Es geht die Sage, dass meine Schwester Herta zur Taufe des 13/4 Jahre jüngeren Bruders Willy auf dem Tafelklavier sitzend den Taufgästen richtig ein Lied vorgesungen hat, obgleich sie noch nicht ordentlich sprechen konnte. Mama hat mit uns viel gesungen, d. h. sie begleitete unsere Kinderlieder nach Noten auf dem Klavier, hat mit uns Sing- und Rundspiele gemacht, aber was das schönste war, jeden Sonntagmorgen wurden wir durch einen Choral geweckt! Wenn dann hinterher noch ein flotter Walzer gespielt wurde, war es bestimmt Zeit zum Aufstehen. So war die Musik von klein auf für uns selbstverständlich und hat uns immer durch unser Leben begleitet. Auch von der Seite meines Großvaters Rohde sind wir „musikalisch belastet“. Von ihm wurde erzählt, dass er gut sang und man in der Kirche um den Gesang nicht zu bangen brauchte, wenn der alte Herr Rohde da war. Meine Mutter hat dieses Wort abgewandelt, indem sie von ihren Töchtern dasselbe sagte. Großvater Rohde liebte es, wenn seine jüngste Tochter, unsere Tante Marie Hennig, ihm die Loeweschen Balladen vorsang, besonders die „Uhr“ und „Tom der Reimer“. Welch ein Reichtum ist uns durch unsere Freude an der Musik geschenkt! Wir vier Kinder hatten alle Klavierstunden, d. h. unser Bruder Willy spielte Geige, mit wenig Anleitung, aber großer Ausdauer und Freude. Er hat es auch ganz nett weit gebracht, übte sehr regelmäßig, soweit es seine Zeit zuließ.

Als wir größer wurden, d. h. meine Schwestern waren schon erwachsen, gab es bei uns an den Sonnabenden oder am Sonntag „Konzert“. Ein feldgrauer Feldwebel, Herr Ahlschläger und Willy spielten Geige, die Schwestern begleiteten vierhändig und wir sangen mit Begeisterung wie uns der Schnabel gewachsen war alte Volkslieder oder wagten uns an Schubert oder Loewe heran. Auf diese Art lernten wir die Komponisten kennen und lieben, und es ist mir heute noch wie ein Gruß aus fernen Tagen, wenn ich diese Lieder höre. Heute wird einem durch das Radio alles „fertig“ vorgesetzt, – aber es war doch schön, die Musik durch eigenes Vertiefen kennen zu lernen.

Familie Rohde: Elisabeth und Wilhelm Rohde mit den Kindern, Elisabeth (Elly) (1904-1975), Alice (1897-1986), Herta (auf dem Schoß ihrer Mutter [1899-1991]), Willy (1900-1919) (vorn) und die Großmutter, Susanne Stürzkober (1835-1908) (Aufnahme: 1908)
Wir waren sechs Kinder, von denen aber die Älteste, Charlotte, mit 11/2 Jahren und unser kleiner Bruder, Theo, mit sieben Monaten starben. Nach ihm bin ich als sechstes Kind geboren Das erste große Ereignis meines Lebens war die russische Revolution 1905, allerdings kann ich davon nur nach Berichten anderer Menschen erzählen, da ich als Einjährige nichts davon begriffen habe. Die Geschwister erzählten viel davon, auch mein Vater. Durch unser Dienstmädchen, die Freunde unter den lettischen Revolutionären hatte, waren in unserem Garten allerlei bewaffnete Männer, die durch die Zwischenräume der Zäune auf die russischen Soldaten schossen. Diese Dragoner hatten sich auf der Höhe des Stadtparks mit ihren Kanonen aufgebaut und schossen auf die Stadt und die Revolutionäre. So natürlich auch auf unseren Garten, und es wäre wohl mit unserem Hause vorbei gewesen, wenn nicht ein Birnbaum den Hauptteil am Schrapnellschuss abgefangen hätte und nur Splitter das Haus und die kleine Friedhofshalle neben unserem Grundstück trafen. Die Eltern und Großmama Rohde waren mit uns Kindern in den Keller geflüchtet, mit Körben voll Essen und dem berühmten Kalbsbraten. Natürlich war nur das Wichtigste mitgenommen worden, für die kleinen Mädchen, meine Schwestern, waren es die Puppen und deren Kleidung.

http://www.europeana.eu/portal/de/record/92085/BibliographicResource_1000126251224.html
Talsen 1905 (http://www.europeana.eu/portal/de/record/92085/BibliographicResource_1000126251224.html)

Die Stadt brannte in dieser Zeit zu einem Teil nieder, unser Haus war verschont geblieben, bis auf einen Verlust von 100 Rubeln, die mein Vater plündernden Soldaten geben musste. Zur gleichen Zeit waren ja auch im ganzen Lande Unruhen und so auch in Livland, wo damals die Taufe Eures Vaters war. Er und auch Omami erzählten, dass während des Taufaktes ein Bote gekommen war, der die Nachricht brachte, dass es auf einem nahe gelegenen Friedhof zu Schießereien gekommen sei und man Hilfe erbitte. So rüsteten sich der Pastor nach der Taufe und alle anderen Herren mit Gewehren aus und eilten zu Hilfe. Ich erwähne dieses Geschehnis, um die Zeit zu charakterisieren, in die unsere Generation hinein geboren war.

Elisabeth als kleines Mädchen (Aufnahme: ca. 1906)

Meine ersten Erinnerungen habe ich im Zusammenhang mit meiner Großmutter Rohde. Ich mag wohl drei Jahre alt gewesen sein, als ich an der Hand von Großmutter zum Kaufmann Ohsoling pilgerte und dort von ihr „Gerstenzucker“ bekam. Auch führte sie mich in ihr oben gelegenes Zimmer, wo auf der Kommode eine Kupferschale stand, in der Stückzucker lag und von dem ich auch essen durfte. Eines Morgens sagte uns Mama, Großmama sei gestorben. Dass sie krank war, wussten wir, aber nicht, dass man davon stirbt. Wir bekamen Maiglöckchen und durften sie Großmama in die Hand geben. An die Beerdigung erinnere ich mich noch gut. Der Sarg stand im Wohnzimmer unter grünen Bäumchen (aus den Treibhäusern). Es waren viele Menschen da, auch Tante Marie Hennig mit dem kleinen Ernst, meinem Altersgenossen. Wir beide weinten viel, ohne wohl die Situation zu begreifen, denn ich sagte später, als nach der Beerdigung Torte und Kaffee gewesen war: „Hoffentlich ist bald wieder einer tot, dann gibt es doch Torte.“

Ehemalige Deutsche Elementarschule

Eines Tages war ich soweit, dass Mama mich in die Schule führte. Scheinbar war ich noch sehr dumm, ich begriff den Ernst der Schule gar nicht, denn als ich einmal wegen Schwatzens nachsitzen musste, fand ich es sehr lustig, bei den größeren Kindern in der Klasse zu sein. Als es mir dann langweilig wurde, erklärte ich dem jungen Lehrer, jetzt würde ich nach Hause gehen, woran er mich auch nicht hinderte. Zu Hause erzählte ich strahlend, ich hätte nachgesessen, was die viel älteren Geschwister voll Entsetzen vernahmen und mir das Schändliche meiner Tat vor Augen führten. Um die Schulaufgaben kümmerte sich niemand, Mama hatte genug mit dem Haushalt und dem Saatverkauf zu tun, so kam es, dass meine Schreibereien bald Anstoß erregten. Neben mir saß ein größeres Mädchen, das mit einer Geschwindigkeit schrieb, die mir imponierte, und so versuchte ich es auch, achtete aber auf keine Reihe mehr, und es wurde ein herrliches Geschmiere, das mir den Namen „Schmierfink“ einbrachte. Für drei Jahre besuchte ich die „Deutsche Elementarschule“, die vom Pastor der deutschen Gemeinde geleitet wurde und die nur wenige Klassen und einen kleinen Schülerkreis hatte. Es waren ja nur wenige Deutsche in unserem Städtchen, von 5000 Einwohnern waren es vielleicht 200-300, also auch wenige deutsche Kinder.

 

Der Erste Weltkrieg

1914 brach der Krieg aus. Das war auch das Jahr, in dem ich ins russische Mädchengymnasium eintrat. Da ich die Sprache noch nicht konnte, kam ich allerdings nur in die 2. Vorbereitungsklasse. Meine Schwestern waren schon längst in dieser Schule, Alice machte 1915 dort eine Abschlussprüfung, Herta war zwei Klassen niedriger. Jetzt begann allerdings der Ernst des Lebens, denn nun hieß es, alle Fächer in russische Sprache zu lernen. Nur Religion war deutsch, außerdem deutsche Sprachstunden. Die Lehrerinnen waren vielfach reine Russinnen, die kein Wort deutsch konnten, aber so lernte man die Sprache am besten. Wir waren alle gleich gekleidet, braune Wollkleider mit weißem Kragen, schwarze Trägerschürzen. Das war wie eine Uniform. In meiner Klasse waren wir 40 Mädchen, ich die einzige Deutsche unter Jüdinnen und Lettinnen. Ich führe dieses an, damit ihr Euch ein Bild von der Isoliertheit der Deutschen im Baltikum überhaupt macht. So war es ungefähr im ganzen Lande. Es ist nur dem starken Nationalgefühl der deutschen Bevölkerung zuzuschreiben, dass sie sich behaupten konnte und nicht von den Andersstämmigen aufgesogen wurde. Allerdings kam es häufig vor, besonders in den letzten Jahren, dass deutsche Mädchen Letten heirateten, weil sie vielfach auf dem Lande keinen deutschen Verkehr hatten. Ich spreche eben allerdings nur von den Handwerkern wie Mühlenbesitzern, kleinen Landpächtern und der gleichen, beim Adel war es anders, die pflegten untereinander Verkehr und heirateten standesgemäß.

Unterdessen waren die deutschen Truppen nähergekommen. Die verletzten und ängstlichen Letten kamen öfters zu Papa, um von ihm, der doch in Deutschland Soldat gewesen war, zu erfahren, ob es wahr sein, dass die Deutschen ihnen Nasen und Ohren abschneiden würden. Papa beruhigte alle. Trotzdem ging eines Tages die Flucht los.

Erst kam ein Befehl, dass alle Juden im Laufe von vierundzwanzig Stunden Kurland zu verlassen hatten, was ein unvorstellbares Chaos hervorrief.

Kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs waren die Behörden laut Kriegsrecht befugt, Untertanen aus unter Militärherrschaft stehenden Gebieten zu deportieren. Diese Bestimmung betraf (nicht nur aufgrund des Frontverlaufs) große Teile des Ansiedlungsrayons. Jede Person, die als politisch verdächtig eingestuft wurde - darunter Deutsche und Polen und vor allem Juden konnte nun Opfer von Deportationen werden. Zwischen Juli 1914 und Januar 1915 waren die Zwangsausweisungen von Juden noch weitgehend willkürlich, sporadisch und unkoordiniert. 
Am 25. Januar 1915 hingegen verwandelten sie sich mit dem Befehl General Januschkewitschs, alle Juden aus grenznahen Gebieten umzusiedeln, in großangelegte Massendeportationen. Bis August 1915 »säuberte« die kaiserliche Armee die Gouvernements Kurland und Kowno sowie einige Provinzen in Kongresspolen von Juden.
Herausgegeber Dan Diner: Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur: Band 1:  S. 112, Springer 2016

Schreiend und jammernd packten sie ihre Sachen und wurden vom Bahnhof Stenden aus ins Innere Russlands transportiert. Es war eine merkwürdige Stille in der Stadt, nur noch wenige Läden waren geöffnet, denn die meisten waren im Besitz von Juden gewesen, besonders die Textilgeschäfte. In diese Zeit fiel Alices Einsegnung. Tante Minchen, Vaters Schwester, war aus Windau gekommen, stand aber am nächsten Morgen vor der Tatsache, dass kein Zug mehr nach Windau verkehrte. Als wir auf die Straße kamen, sahen wir die Pferdewagen in langer Reihe daherkommen: Flüchtlinge aus Bauerngehöften, mit Sack und Pack, oft mit einem quietschenden Schweinchen oder mit Hühnern in einem Korb hoch bepackt und obenauf die Kinder, vermummt und heulend. Es war ein erregender Anblick.
Am Nachmittag hieß es, die Deutschen seien schon ganz nah, man fand keine Ruhe und ging durch die Straßen. Auf dem Letzeberge standen Leute, die in eine Richtung starrten. Als wir dazukamen, sahen wir das Feuer vom Bahnhof Stenden, den die abziehenden russischen Truppen in Brand gesteckt hatten. Tante Minchen hatte später einen Pferdewagen gefunden, der sie mit nach Windau nahm. An einem der nächsten Morgen waren russische Dragoner in Talsen, sattelten aber nicht ab und ritten nach kurzer Zeit weiter. Gegen sechs Uhr abends jagte plötzlich unser Lehrling schreiend in den Hof und rief: „Die Deutschen sind da“, was Papa zu einem „Hurra“ veranlasste. Es war tatsächlich so, dass ein Vortrupp von 16 Dragonern ins Städtchen hineingeritten war, erfuhr dort, dass die russische Polizei noch in einem Lokal säße und jagten dorthin. Wahrscheinlich gewarnt, war die Polizei mit dem Postmeister an der Spitze los geritten, wurden von den Deutschen Soldaten eingeholt und in eine Schießerei verwickelt, sie entkamen aber. Nur die Mütze des Polizeimeisters im Graben zeugte vom Kampf. Mit diesem Tage im Juli 1915 fing eine schöne Zeit für uns alle an.

Das erste Jahr der Kriegszeit 1914/15 war für uns Deutsche schwer gewesen. Unsere Sprache war auf der Straße oder in den Geschäften verboten, man war ängstlich und eingeschüchtert. Allerdings geschahen auch komische Dinge, denn die schlecht russisch sprechenden Deutschen drückten sich oft merkwürdig aus und es kam zu Irrtümern. So wurde von Frau Dr. Wagner erzählt, dass sie telefonisch beim Fleischer einen Свиньский брат (swinski brat) also einen Schweinebruder, bestellte, dabei aber an einen Schweinebraten (жа́реная свини́на ) dachte. Hier möchte ich auch noch die russische Mädchenschule erwähnen, in der wir zu einer Art „Spionagedienst“ erzogen wurden. Diejenige Schülerin, die deutsch oder lettisch sprach, bekam eine kleine Holztafel – Kartotschka – zugesteckt, die sie wiederum derjenigen weitergeben musste, die sie beim Nicht-Russich-Sprechen ertappte. Natürlich war es Ehrensache, diese loszuwerden. Man schlich zu den Kameradinnen, die in Gruppen standen und war froh, wenn eine von ihnen ein falsches Wort sagte und man ihr die Karte geben konnte. Die letzte musste ein russisches Gedicht lernen und es am nächsten Morgen der Lehrerin hersagen.

Dass man sich als deutscher Mensch still verhalten musste, um keinerlei Aufsehen zu erregen, war selbstverständlich. Man wurde immer schief angesehen und oft kam es vor, dass Deutsche denunziert wurden und nach Moskau oder sogar nach Sibirien geschickt wurden. In Lüneburg lebt heute (1966) noch die alte Baronin Heyking, die damals ein Tagebuch geschrieben hatte und alle politischen Ereignisse mit hineinbrachte. Bei einer Hausdurchsuchung wurde das Tagebuch gefunden und Rita von Heyking als Spionin verhaftet und ins Gefängnis nach Moskau gebracht. Auch die Eltern von unseren Freunden Kerpe, die an einem einsamen Ort an der Ostseeküste lebten, wurden auf eine Denunziation hin verschleppt. Es hieß, sie hätten den deutschen Flugzeugen Lichtsignale gegeben. Alle diese Tatsachen bedrückten die Deutschen, und so war es verständlich, dass man die näher rückenden deutschen Truppen wie eine Erlösung von der Bedrückung der russischen Regierung betrachtete.

Und dann waren die deutschen Feldgrauen eines Tages da! Man hatte zu nichts anderem mehr Lust, man lief mit anderen Kindern zu ihnen in den Stall, wo die Pferde standen und war selig, wenn einer der Ulanen erlaubte, einen Augenblick auf dem Pferde zu sitzen. Uns kam jeder deutsche Soldat wie ein Held und Abgott vor, sie wurden bewirtet und eingeladen, man war fröhlich und frei. Alles Bedrückende war plötzlich abgefallen. Späterhin kam die ganze I. Division in die Stadt und Umgebung als Besatzungsmacht. Ich weiß noch, wie wir Schüler in den Fenstern der Schule lagen, keiner dachte ans Lernen, die Lehrer interessierte genau so der stundenlange Marsch der Kolonnen, die vorbeizogen, um in der Gegend Quartier zu beziehen. In Talsen selbst blieb der Stab, – eine Menge Offiziere waren dabei, und wir kleinen Mädchen bestaunten die schönen Uniformen. Allmählich stellten wir mit Ernüchterung fest, dass auch unter deutschen recht gewöhnliche Menschen und sogar schäbige Subjekte dabei waren, was unseren Enthusiasmus abschwächte.

Die Familie mit Herrn Ahlschläger (li.) und Paul Kern (re.) (Aufnahme: ca. 1917/18)

Es war ja so, dass die Soldaten Verkehr suchten, und so kamen auch in unser Haus allerlei Leute, von denen mir einige noch in guter Erinnerung sind. Da war z.B. ein junger Soldat aus Altentreptow an der Tollense, der uns abends aus seinem lieben Reuter vorlas und uns diesen Mecklenburger mit seiner Sprache vertraut machte (wer konnte ahnen, dass wir einmal hier unsere zweite Heimat finden würden und um uns her viel Platt gesprochen wird und wir die Sprache an ihrem Ursprung lernen würden). Auch andere Soldaten erschienen, manche, um mit unserem Bruder Willy Schach zu spielen oder um zu musizieren. Ich erwähnte schon, dass Herr Ahlschläger, der ca. 11/2 Jahre in Talsen bei der Kommandantur tätig war, regelmäßig sonnabends mit seinem Freund Borchert bei uns erschien und mit den Schwestern und Willy musizierte. Er gab Willy auch Geigenstunden. Wir alle haben gute und fröhliche Erinnerungen an diese Abende, die uns immer mehr in die Musik einführten. Ein sehr häufiger Gast war Paul Kern. Er war Proviantmeister der Flugstation Angernsee am Rigaschen Meerbusen und kam mit dem Lastwagen nach Talsen, um hier für die Station einzukaufen. So holte er viel Gemüse aus unserer Gärtnerei, kam oft ein oder zwei Mal die Woche und lernte uns bei dieser Gelegenheit kennen. Es konnte nicht ausbleiben, dass er mit den Schwestern näher bekannt wurde, und Alice, die damals 18 Jahre alt war, hatte es ihm angetan. Sie war ein fröhliches Mädchen, hatte gute frische Farben und war wohl nett anzusehen. Paul Kern war ein hilfsbereiter Mensch, sehr männlich und imponierend, jedenfalls empfanden wir es so, und ich weiß noch, wie beglückt ich war, als die Verlobung von Paul und Alice gefeiert wurde. Allerdings war er an diesem Tage verreist, sollte aber mittags kommen. Es vergingen viele peinliche Stunden, die Gäste waren zur Gratulation erschienen und wurden immer unruhiger, – endlich am Abend erschien der Bräutigam, – ich glaube, er gab den Grund der Verspätung mit der Unzuverlässigkeit der Bahn im Kriege an. Jedenfalls war es für mich sehr interessant, eine Schwester zu haben, die „Braut“ war. Ich war damals noch ein Schulkind.

Die deutsche Regierung hatte überall im Lande Schulen eingerichtet und feldgraue Lehrer eingesetzt, – so hatten wir einen Unteroffizier als Rektor der Schule, Zander, der viele Jahre der Schule vorstand. Die anderen Lehrkräfte waren in Talsen vorhanden, so dass die Schule in vollem Umfange arbeitete. Es wurden die Kinder aller Nationalitäten unterrichtet, zum größten Teil waren es Letten, die nun die deutsche Sprache lernen mussten. In dieser Zeit erschienen auch Kinder aus den benachbarten Kleinstädten, weil dort nur Schulen mit wenigen Klassen geführt wurden. Zu diesen Kindern gehörte auch Hannchen Petrewitz mit ihren beiden Cousinen Osterlads aus Kandau (1916), letztere kamen in meine Klasse, während Hannchen eine Klasse über uns war. Diese beiden Klassen bauten die Mittelschule auf und hielten sehr zusammen. Bald gründeten wir Mädchen ein „Kränzchen“, d. h. einen kleinen Lesekreis, der uns viel Freude bereitete und uns schöne fröhliche Gemeinschaft schenkte. Einmal arrangierten wir sogar ein Fest, zu dem wir ein Theaterstück einübten und es in einem größeren Saale aufführten. Es war ein zahlreiches Publikum erschienen, die Eltern und Geschwister, auch die Lehrer und unsere bekannten Feldgrauen. Ich selbst führte mit einer Kameradin „Und der Hans schleicht umher“ auf, wobei ich der Hans war und die Verse sang. Zu diesem Fest hatte eine Mitschülerin von Hannchen, Anne-Marie von Stromberg, die Programme geschrieben und mit netten kleinen Zeichnungen versehen. Ja, Anne-Marie! Sie war ja drei Jahre älter und kam mir immer so erwachsen vor, aber ich war in den Pausen oft mit ihr zusammen und erzählte ihr etwas. Sie und ihr Bruder Wolfgang waren immer etwas Besonderes für mich, die ich damals leise anstaunte. Durch die Schule waren wir uns näher gekommen und wenn Anne-Maries Geburtstag war, ging ich mit einem Topf Maiglöckchen hin, um zu gratulieren. Zu Weihnachten 1916 fand ich zwischen meinen Geschenken ein Buch von Anne-Marie, über das ich mich sehr freute und später entdeckte ich noch eine große Puppe, – es war eine unbeschreibliche Freude, dass mir Anne-Marie ihre liebe Puppe schenkte!

Der Garten

Wenn ich Euch nun etwas über unser Zuhause erzählen soll, so müsst ihr in erster Linie an den Garten und die damit verbundene Arbeit denken. Die Gärtnerei bestimmt den Tagesablauf und stand im Vordergrund. Auch für uns kleine Kinder gab es da oft Arbeit, – sei es, dass wir Beeren pflücken mussten oder Raupen vom Kohl sammeln, sei es, dass wir beim Begießen der Blumenbeete halfen. Es war ja die Bewässerung äußerst primitiv, und man musste die Gießkanne voll Wasser weit tragen, was eine große Mühe war. D. h. ich habe alle Arbeiten im Garten gerne gemacht, und sie gehörten in unser Leben, wie das Aufstehen und Schlafengehen, – das war ganz selbstverständlich. In der Schulzeit hatten wir wenige Pflichten, dafür umso mehr in den langen Sommerferien.
Herta, die kränklich und nicht so robust wie ich war, kam oft blasser in die Schule zurück, weil sie sich in den Ferien nicht hatte erholen können. Darum wurde sie manchmal nach Pussenieken in die Mühle zu Tante Marie Hennig geschickt, wo sie mit den Kindern Hans, Else und Ernst die Kühe hütete und viel draußen war, was ihrer Lunge gut tat. Ich erinnere mich, dass ich einmal mit Mama dort war und dieses idyllische Fleckchen Erde kennen lernte. Nur die Landstraße trennte die Mühle vom großen See, die Jungs sprangen fast vom Bett ins Wasser und schwammen bis zur Insel oder ruderten über den See.

Die Familie Rohde mit den drei Töchtern Alice, Herta und Elisabeth, dem Sohn Willy und der Großmutter ca. 1912

Für mich hatte dieser Aufenthalt noch eine besondere Bedeutung, denn als Mama und ich mit einer kleinen Leni, die dort zu Besuch war, am See entlang ging, sah ich mich um und entdeckte einen Meter vom Ufer entfernt blonde Härchen und ein Stückchen Kleid auf dem Wasser schwimmen, – Leni war ins Wasser gefallen. Ohne zu überlegen sprang ich hinein und zog das heulende Kind ans Ufer. Dieser kurze Aufenthalt in Pussenieken war außer der Fahrt nach Libau die einzige Erinnerung an eine Reise. Man löste sich nicht so leicht von zu Hause, – es gab eben auch zu viel Arbeit. Wir hatten immer eine lettische Dienstmagd, die für das Vieh sorgte (Kuh und Schweine). Das Pferd betreute der alte Knecht, abends mein Vater. Der Frühling brachte für alle Arbeit genug. Da war der Samenverkauf, den Mama meist allein versah, später halfen wir mit. Die großen Säcke voll Samen kamen aus Quedlinburg, und es hing ihnen der Hauch der „großen“ Welt an, waren sie doch aus „Deutschland“ gekommen und hatten die Ostsee überquert!

Der Frühling kam oft zu uns über Nacht. Wo gestern noch tiefer Schnee lag, rieselten am nächsten Mittag schon Bächlein, die Stare sangen auf der großen Pappel an der Straße und man durfte statt des Mantels ein Jäckchen anziehen. Das war immer ein Zeichen des Frühlings. Am Abend gab es schon Radieschen zum Brot und es war schon so hell, dass man die Petroleumlampe nicht anzuzünden brauchte. Und dann der Garten! Da blühten schon die ersten Schneeglöckchen an der Südwand des Treibhauses. Papa machte Mistbeete und säte Blumensamen hinein, während der Salat schon Köpfe bildete. Das alles war so selbstverständlich und wurde doch jedes Jahr im Frühling mit ganzem Herzen aufgenommen. Im Obstgarten lag noch stellenweise Schnee, aber das Moos duftete schon und es roch überall nach erwärmter Erde. Und horch, da kamen auch schon die Gänse gezogen! In langen Ketten, – ja, dann war wirklich Frühling! O weh, dass man dann wieder ins Zimmer und noch dazu zum nächsten Tag lernen musste! Wir hatten in der Schule für einen Schulgarten zu sorgen, und es wurde jedem von uns größeren Kindern ein Stück zugeteilt, auch die entsprechenden Samen und Pflanzen. Unsere Lehrerin hatte selbst keine Ahnung von Gartenarbeit und fand, dass ich als Gärtnerstochter die Anweisungen geben sollte. Zu Hause informierte ich mich bei Papa über alles Nötige, denn ich mochte nicht eingestehen, dass ich selbst keine Ahnung hatte. Von da ab, ich war zwölf Jahre alt, habe ich allen Vorgängen gegenüber im Garten und Treibhause Interesse gezeigt, und bald war es mir klar, dass ich Gärtnerin werden müsse. Heute bedauere ich alle jungen Menschen, die keine ausgesprochene Neigung zu einem Beruf haben oder durch widrige Umstände in Berufe gezwängt werden, die ihnen nicht liegen. Mein damaliger Wunsch ist in Erfüllung gegangen und ich habe viele glückliche Stunden in meiner Arbeit erlebt, – abgesehen von Mühen und Sorgen, die ja aber in keinem Beruf fehlen und leider in unser menschliches Leben hineingehören. Nur kommt es darauf an, ob wir trotzdem freudigen Herzens an unsere Arbeit gehen können oder sie nur Last bedeutet. Wie sehr wird man durch die heranwachsenden und erblühenden Pflanzen für die Mühe belohnt! Wenn ich im Winter am Morgen ins Treibhaus kam und die Hyazinthen, Tulpen und Maiglöckchen erblüht waren und mir entgegen dufteten, – war es da nicht genug der Freude? Ich kannte jede Blume und ihre Entwicklung, es war, als fühlten sie, dass ich sie liebte und gerne pflegte! Aber soweit war ich ja erst nach vielen Jahren, als ich schon nach Papas Tode die Gärtnerei allein führte.

 

Einschub Herta Martinelli 1978

Herta Martinelli, geb. Rohde

Da Elly hier ihren Bericht unterbrochen hat, um ihn mit der Hochzeit weiterzuführen, will ich versuchen, die Lücke, so gut ich kann, zu schließen und von weiteren Erlebnissen, wie sie auf uns zukamen, zu berichten. Da ich fünf Jahre älter bin als meine Schwester Elly, habe ich gewiss manches anders gesehen und erlebt, als sie.

Doch zuerst möchte ich noch das Bild unserer Eltern erstehen lassen und einige Züge ihrer Charaktere aufzeigen, die für mich besonders einprägsam waren.

 

Da ist zuerst mein Vater, Wilhelm Rohde, der durch seine absolute Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit das Ansehen seiner Mitbürger in Talsen genoss und, soweit ich zurückdenken kann, Stadtverordneter und später in der Okkupationszeit Bürgermeister war. Aus der Zeit meiner frühen Kindheit hat sich da bei mir eine Begebenheit eingeprägt: Nach der Revolution von 1905 sollte das russische Militär mit Bekleidung und Stiefeln versorgt werden und die Stadtverwaltung von Talsen erhielt den Auftrag, eine bestimmte Menge von Stiefeln für die Soldaten zu kaufen. Natürlich waren die Schuhmacher unseres Städtchens bestrebt, diese Lieferung mit bestmöglichem Gewinn für sich auszunutzen. Die meisten Schuhgeschäfte waren in den Händen von Juden, die versuchten, die Stiefel aus billigem und schlechtem Material herzustellen. Mein Vater gehörte als Stadtverordneter der Kommission an, die die Stiefel prüfen und abnehmen oder ablehnen musste. Ich sehe uns Kinder am Silvesterabend am Fenster des Speisezimmers stehen, als zu unserer Überraschung und großer Freude eine herrliche Torte an uns vorüber in die Küche von einer fremden Frau getragen wurde. Hier muss ich bemerken, dass eine Torte nur zu besonders festlichen Anlässen beim Konditor bestellt wurde. Daher war unser Jubel groß, dass wir eine Torte haben sollten! Wie groß aber war gleich darauf unsere Ernüchterung, als wir sehen mussten, dass die Frau mit der Torte wieder an unserem Fenster vorüber ging und verschwand. Bald drauf trat Mama ins Zimmer und erklärte uns, dass es eine Bestechung von einigen Firmen gewesen sei, die Papa veranlassen wollten, durch die Entgegennahme der Torte ihre schlechten Stiefel als gute Ware auszugeben und so die Soldaten mit minderwertigem Schuhwerk zu beliefern. Wir verstanden die Reaktion unseres Vaters und waren stolz darauf, dass er sich nicht bestechen ließ. Eine andere Begebenheit zeigt, dass unser Vater auch bei den lettischen Mitbürgern das volle Vertrauen genoss. Ein altes deutsches Ehepaar hatte der deutschen lutherischen Gemeinde zwei silberne Leuchter vermacht, die an den Festtagen auf den Altar gestellt wurden, aber nur zu den deutschen Gottesdiensten. Wir hatten in Talsen ja nur eine evangelisch-lutherische Kirche, die von der großen lettischen und der kleinen deutschen Gemeinde benutzt wurde. Mehrere Jahre nach dem Tode der Stifter der beiden silbernen Leuchter sollten diese auch zu ihren Gottesdiensten benutzt werden, denn eigentlich gehörten sie der lettischen Gemeinde. So entstand ein Streit um den Besitz der Leuchter. Da traf ich eines Tages eine lettische Lehrerin der lettischen Grundschule, die zu mir sagte: „um einmal Klarheit in dieser Angelegenheit zu erlangen, habe ich im Kirchenrat vorgeschlagen, Herrn Rohde nach seiner Meinung zu fragen und der wird uns die Wahrheit sagen, wer der wirkliche Besitzer der Leuchter ist, und danach wollen wir uns richten.“ So geschah es auch, und der Streit wurde beigelegt.

Bald nach der Okkupation durch die deutschen Truppen wurde mein Vater zum Bürgermeister von Talsen eingesetzt und damit begann ein neuer Abschnitt in unserem Leben. Die Aufsicht und Arbeit in der Gärtnerei wurde in der Hauptsache unserem jungen Gärtner Ahboling übertragen, der gemeinsam mit unserem Bruder Willy die Geschäfte führen musste. Letzterer war noch zu jung, um einen Überblick und eine Einteilung der Arbeiten vorzunehmen, auch wurde er zusammen mit dem Sohn unseres Pastors, Siegfried Bergengruen, einem Vetter des Schriftstellers Werner Bergengruen, von einem Hauslehrer unterrichtet.

Willy Rohde
Willy Rohde

Dieser Unterricht hörte aber auf, als das Deutsche Landesgymnasium in Goldingen von neuem eröffnet wurde und unser Jugendfreund Siegfried dort seine Studien fortsetzen konnte. Nun wurde Willy ganz in die Gärtnerei eingespannt, was ihm bei seinen vielen Interessen gar nicht lag, doch erfüllte er die ihm aufgetragenen Pflichten mit großem Eifer und zuverlässigem Ernst. Er war trotz seiner Jugend der beste Schachspieler des Städtchens, interessierte sich für Literatur und Geschichte und spielte schon gut die Geige. Mit 18 Jahren ist er in der baltischen Landeswehr, Abt. Malmede, in der Schlacht bei Wenden am 21. Juni 1919 gefallen. Das war der größte Schmerz für meine Eltern und auch für mich, die ich sehr an meinem einzigen Bruder hing!

Meine Schwester Alice und ich wurden vom Vater als Schreibhilfen im Bürgermeisteramt angestellt, ebenso Elisabeth Goercke, die baltische Dichterin und ein jüdisches Fräulein Berger, denn mittlerweile waren einige jüdische Familien von ihrer Verbannung nach Russland zurückgekehrt. Da die Ernährung der Bevölkerung immer schwieriger wurde, musste das Kartensystem eingeführt werden, so dass wir alle Hände voll zu tun hatten. Hier möchte ich bemerken, dass mein Vater alle Jahre hindurch ehrenamtlich, ohne einen Pfennig Gehalt, gearbeitet hat, was ihm das Erstaunen und die Hochachtung des bolschewistischen Kommissars Kretul einbrachte, der im Januar 1919 meinen Vater absetzte und die Stadtverwaltung in andere „fortschrittliche“ Hände übergab. Aber vorher erlebten wir Balten im Dezember 1918 die große Erschütterung der Revolution in Deutschland und damit den Rückzug der deutschen Truppen aus unserer Heimat. Ich sehe die deutschen Soldaten noch vor mir auf dem Bahnhof in Talsen vor ihrer Abreise, mit großen roten Abzeichen auf den Uniformröcken, die meisten betrunken und laut grölend. Uns erfasste eine große Enttäuschung und Trauer, denn wir hatten stets voll Achtung zum deutschen Militär aufgeblickt und gehofft, der Krieg würde von Deutschland gewonnen und unser Land würde dem deutschen Reich einverleibt werden. Hatte doch der deutsche Kaiser in Mitau gesagt: „Wir stehen hier auf deutschem Boden“. Darauf hatten wir uns verlassen, und nun war für uns alles aus! Ich rannte an dem Tage, als die Deutschen abgezogen waren, allein in den Wald, um es dort in der Einsamkeit innerlich zu verkraften. Aber zu Hause hatte mein Vater schon einige Tage vorher eine verantwortungsvolle Aufgabe für mich gehabt, da halfen keine sentimentalen Gefühle, man musste den Anforderungen die jetzt jeder Tag an uns stellte, gewachsen sein. Kurz vor der Auflösung des deutschen Wirtschaftsamtes, das bisher für die Ernährung der Bevölkerung geregelt hatte, kamen die Leiter des Amtes zu meinem Vater, als dem Bürgermeister, mit dem Vorschlag, er solle das noch vorhandene Brotgetreide für die Stadt kaufen. Dazu war natürlich eine große Summe nötig, die sofort beschafft werden musste. Die Stadtkasse verfügte nicht über so große Mittel, da gab es nur einen Ausweg: die wohlhabenden Bürger mussten der Stadt das Geld leihen. Und da mein Vater selbst keine Zeit hatte, zu den einzelnen Familien zu gehen, beauftragte er mich, dieses zu tun, denn ich war als einzige Schreibhilfe noch im Bürgermeisteramt tätig. Alice war seit dem Dezember verheiratet und wohnte in Kiel. Mein Vater übergab mir eine Packen von ihm unterschriebenen Quittungen, die ich dann nachher mit den geliehenen Summen und Namen ausfüllen musste und schickte mich los. Und das Wunder geschah: sämtliche Personen, die ich aufsuchte und denen das Angebot der deutschen Behörden klarmachte, gaben große Summen anstandslos, nur eine alte Baronin sagte zu ihrem Sohn, der einen großen Betrag zeichnete: „kannst du denn das machen, hast du dafür eine sichere Garantie?“. Er antwortete kurz: „Ja, die habe ich“ und meinte das Wort meines Vaters. Nun brachte jeder Tag neue Aufregungen und Spannungen. Der neue lettische demokratische Staat, der sich am 18. November 1918 konstituiert hatte, konnte der bolschewistischen herandrängenden Flut keinen Widerstand entgegensetzen und die Baltische Landeswehr und Eiserne Deutsche Division waren zu schwach, um ein nennenswertes Bollwerk zu bilden. So fiel bald der größte Teil Kurlands in die Hände der Bolschewisten. Auch in Talsen tauchte ein Kommissar Kretul auf, der mit einer Schar von Rotarmisten die Regierung des Talsenschen Kreises übernahm und damit auch die Geschäftsführung der Talsenschen Stadtverwaltung. Es war in den ersten Tagen des Januars 1919, als mein Vater von einer Nachtsitzung der Stadtverwaltung nach Hause kam und zu mir sagte: „heute übernimmt der Kommissar Kretul die Geschäftsführung der Stadtverwaltung, ich bin als Bürgermeister abgesetzt, muss aber gleich ins Büro zurückgehen, um alles zu übergeben. Hier in der Aktentasche findest du das für den Getreidekauf von den Bürgern geliehene Geld. Es ist mir noch gelungen, es vor der Übergabe der Stadtkasse an mich zu nehmen. Gehe du jetzt fort zu den Leuten und bringe ihnen ihr Geld zurück, das sie jetzt besonders nötig brauchen werden. Es ist allerdings ein Ausgehverbot verhängt, aber du hast ja einen vom Kommissar Kretul unterschriebenen Ausweis als bisherige Angestellte der Stadtverwaltung und musst selbst sehen, wie du diesen Auftrag erledigst“. Damit ging mein Vater wieder ins Büro, ich ergriff die mit Geldscheinen prall gefüllte Aktentasche und machte mich, allerdings klopfenden Herzens auf den Weg. Die menschenleeren Straßen waren wie ausgestorben, ich traf vorerst keine rote Patrouille und beeilte mich, zu den einzelnen Familien zu kommen, die mir ganz verängstigt aufmachten, aber dann hocherfreut über die Rückzahlung des Geldes waren, das sie in Gedanken schon abgeschrieben hatten. So kam ich auch zum Hause eines Arztes, vor dem ein Rotarmist Wache stand. Letzterer ging an der Häuserfront auf und ab und hatte mich wohl nicht kommen sehen. Als er mir den Rücken kehrte, klingelte ich, wurde auch schnell eingelassen und konnte meinen Auftrag erledigen. Aber als ich das Haus verlassen wollte, stand der Rotarmist vor der Tür und fuhr mich barsch an. Obgleich ich ihm den Ausweis zeigte, ließ es sich nicht beruhigen, er merkte sich meinen Namen und hat mich gleich gemeldet. Mein stolzer Abenteuermut war damit sehr abgekühlt. Ich konnte noch schnell zu den letzten Familien hineinsehen und ihnen die Summe aushändigen. Dann zog ich es vor, über den Mühlenberg zu gehen und durch ein paar lose Zaunbretter unseres Gartens zu kriechen. Zum Glück war der Vater zu Hause, denn kaum hatte ich mich etwas erholt, als sie auch schon kamen, um mich abzuholen. Ich werde den Anblick dieser Gestalten nie vergessen, wie sie auf ihre Gewehre gestützt dastanden und mich wütend anstarrten, mit Gesichtern wie vom Galgen geschnitten, einer von ihnen hatte nur ein Auge, das von einer schwarzen Augenklappe verdeckt war. Nur der Beredsamkeit meines Vaters war es zu verdanken, dass ich frei ausging. Am Tage wurden viele verhaftet, in die Villa Hochheim gebracht und in den kommenden Tagen vor das Tribunal gestellt und erschossen. Ich war damals 19 Jahr alt.

 

Weiter Elisabeth Burmeister

Hochzeit Elisabeth und Robert

Unsere Hochzeit fand am 4. Juni 1939 in Talsen statt. Im lettischen Pastorat Talsen, also bei Oskar und Herta, die großzügiger Weise ihre Räume zur Verfügung stellten, war der festliche Teil und in der Talsenschen Kirche wurden wir von Oskar getraut. Am Abend vorher kamen die Gäste an, meine Schwiegermutter, die Schwestern von Robby Lisi, Inge mit Verlobtem Roland Bosse, Marussa, meine Tanten Ilse, Edla, July Grattum mit Mann, meine Schwester Alice und verschiedene Freunde von Robby, darunter Reinhard Wittram – ein Historiker. Natürlich Baron Nolcken und Mania, auch Georg Heyking und Frau, Baron Brüggen und Frau, Tante Hannchen, Adolf Burmeister und Frau. Der größte Teil der Gäste konnte im Internat der deutschen Schule untergebracht werden, andere Gäste im Hotel und bei uns. Es war ein wunderbarer Frühlingstag, die Obstbäume blühten, es hatte geregnet, aber am Nachmittag schien die Sonne. Wir fuhren im Auto zur Kirche und erlebten dort unsere Trauung. Oskar hatte den Spruch 2. Mos. 23, 25 gewählt: „Aber dem Herren, eurem Gott, sollt ihr dienen, so wird er dein Brot und dein Wasser segnen, und ich will alle Krankheit von dir wenden“. Besonders in den Jahren nach der Flucht habe ich begriffen, was es bedeutete, wenn Gott das Wenige segnete und die Kinder trotz aller Not gediehen.

Im Pastorat war alles festlich hergerichtet, in einem extra Zimmer die „Sakuski“, allerlei kalte Herrlichkeiten, Speckkuchen, Rosoll usw. dazu die nötigen Schnäpse. Sehr viel später ging man zu Tisch, – es wurden Reden gehalten, von denen mir die von Reinhard Wittram besonders gefiel, aber auch die von Oskar. Und nachher erklang ein Walzer, gespielt von Elisabeth Braunz-Goercke und eine Polonaise begann und führte durch die großen Räume bis in den dämmrigen Garten, der von Lampions erleuchtet war. Es war alles so schön. Wer wusste damals, dass es das große Abschiedsfest für uns alle war, der Abschied von der Heimat in einigen Monaten!

Robby und ich machten Ende Juni eine herrliche Deutschlandreise und kamen Ende Juli wieder. Diese Reise führte uns über Berlin nach Dresden, wo wir von der Firma Victor Teschendorff aufgenommen und betreut wurden. Unsere Gärtnerei hatte nämlich Jahre hindurch Rosenbüsche und Baumschulartikel dort bezogen und ich war auf einer früheren Reise persönlich mit dem Direktor der Firma bekannt geworden, der auch einmal auf der Durchreise in Talsen bei uns gewesen war. So kam die Einladung zustande und Pappi und ich verlebten mit Direktor Tiebe schöne Stunden auf der Bastei oder abends im Ratskeller. Nur etwas warf einen Schatten auf diese Zeit: das Gespräch kam immer wieder auf militärische Dinge zurück, Direktor Tiebe, als gew. Offizier erzählte von Übungen, die er mitgemacht hatte. Wir selbst hatten unterwegs Züge mit Soldaten gesehen, – in Berlin war auch schon die Butter rationiert. Vorläufig aber fuhren wir durch das schöne Deutschland, sahen Nürnberg, Dinkelsbühl, Stuttgart, Heidelberg, fuhren über Frankfurt/Main nach Hamburg, Kiel und auch Schwerin, wo wir in beiden letztgenannten Städten die Geschwister besuchten. Das war unsere schöne sorglose Hochzeitsreise gewesen!

Die kurze Zeit nachher, August und September, verging mit Arbeit, – aber unterdessen war schon Krieg im Gange und wir hörten am Rundfunk die „großartigen“ Berichte vom Sieg Hitlers in Polen. Man war beunruhigt und doch wieder stolz auf die deutschen Erfolge, – aber was würde das alles für uns bedeuten? Es kam sehr bald die Antwort: Am 6. Oktober hatte Hitler in einer Rede von der Reichsrückführung aller Deutschen ins Reich gesprochen und am gleichen Tage hatten die Herren der deutschen Fraktion in Riga um die Ausreise aller Deutschen aus Lettland nachgesucht.