Baltikum 2014

Reisebeginn

Wir fahren mit dem Auto.

Christian Georg kam irgendwie voran. Von Crivitz nach Rostock oder Stettin zu Fuß? Auf dem Seeweg von dort nach Riga? Oder auf dem Landweg durch das Königreich Polen? Es ist nicht überliefert.

Zu Beginn unserer Reise ist das Wetter nach einem wundervollen Frühjar kalt und nass. Auf der Ostseeautobahn um fahren wir  Stettin. Ich denke an den ersten Besuch in dieser Stadt in den 70er Jahren, mehr aber noch an meine Eltern, die hier in der Nähe im November 1939 staatenlos abgeladen wurden, um später am Rande Posens eine polnischen Menschen gestohlene Bleibe zu beziehen, Kinder zu bekommen, Bürger Nazideutschlands zu werden.

Hier endete 1939 die mehr als 700jährige Geschichte der Deutschen im Baltikum. Sie sollten die  „Blonde Provinz“ – das eben von Polen  eroberte „Wartheland“ –  in ihre Hände nehmen und sich in geraubtem polnischen oder jüdischen Eigentum einrichteten. Sie taten es, oft im Bewusstsein eines ihen angeblich zustehenden Rechts, selten mit Scham.   Nach dem Inkrafttreten des Hitler-Stalin-Paktes, der Rede Hitlers am 6. Oktober zur Ordnung des gesamten Lebensraums nach Nationalistäten”, wurde die sogenannte “Rückführung der Baltendeutschen”  beschlossen. Dem folgte der Umsiedlungsbeschluss der Deutschen Fraktion im lettischen Parlament. Die meisten Deutschbalten hörten den Ruf „Heim ins Reich“ und gehorchten mehr oder weniger willig.

Daran denke ich und eine Frage verfolgt mich auf der ganzen Reise: Wie kann es geschehen, dass eine ganze Bevölkerungsgruppe geschlossen ihr Heimatland verlässt und ins Ungewisse geht,  trotz ihrer starken emotionalen Bindung an die Heimat alles aufgibt und trotz christlicher Erziehung anderen offensichtliches Unheil bringt? Wie waren sie, die Deutschbalten? ...die behagliche Breitwürfigkeit des Lebenszuschnitts mochte manchen Fremden phäakisch anmuten. Über der breiten Masse eingeborener Bevölkerung stand eine zahlenmäßig geringe, in jedem anderen Betracht aber ausschlaggebende deutsche Oberschicht von aristokratisch-patrizischer Artung, durch Jahrhunderte gewohnt, herrenmäßig sich zu behaupten und, bei aller Festigkeit ihrer Gemeinschaftsfundamente,  großherzig immer wieder Menschen von äußerster Unabhängigkeit und Unbefangenheit, ja Einzelgänger und Eigenbrödler in sich zu dulden und aus sich zu entwickeln “*. So sah es Werner Bergengruen, und so sahen Deutschbalten sich selbst: großherzig, bescheiden, mitmenschlich, patriachalisch-zugewandt und verantwortlich für das Wohlergehen der ihnen Anvertrauten, der mit ihnen lebenden indigenen Mehrheit. Manches davon haben wir Nachkommen an Eltern und Verwandten bemerkt, auch geliebt, vieles jedoch als Wunschbild der Altvorderen erkennen müssen.


* Baltische Köpfe, Baltischer Verlag, Bovenden, 1958, Nachwort “Bekenntnis zur Höhle”