Baltikum 2014

Wirtschaftsflüchtling Christian Georg Burmeister

Wir machen den Weg von West nach Ost wie im Jahr 1787 mein Vorfahr Johann Christian Georg Burmeister auf der Suche nach einem besseren Leben in Russlands baltischen Provinzen. Er – 1758 im Siebenjährigen Krieg in Pinnow bei Crivitz (Herzogtum Mecklenburg) geboren – will sein Glück in einem fremden Land finden. Zarin Katharina II. hatte im Jahr 1763 alle Ausländer eingeladen, “ in Unser Reich zu kommen, um sich in allen Gouvernements, wo es einem jeden gefällig, häuslich niederzulassen„.

Warum ging auch Johann Christian? Gründe kann man nur vermuten: Den meisten Mecklenburgern geht es schlecht in dieser Zeit. Es ist Krieg, der eigentliche erste Weltkrieg. Er wird in Portugal, Nordamerika, Indien, in der Karibik auch auf den Weltmeeren ausgefochten. In Preußen nennt man ihn den Dritten Schlesischen Krieg. Es geht um die Vorherrschaft in Mitteleuropa, unmittelbare territoriale Interessen treiben die Kriegführenden an. Preußen hatte Schlesien gewonnen und wollte dort nicht wieder weg, Maria Theresia war jedoch daran gelegen, das Land zurückzuerobern. Zarin Elisabeth begehrte Semgallen und Kurland, Länder, die wie Westpreußen zu Polen gehörten. Auch soll sie durch „eine nachtheilige Aeußerung Friedrichs über ihren Privat-Charakter höchlich beleidigt“* gewesen sein. Man verbündete sich. Der König von Polen und Kurfürst von Sachsen August III. trat dem Bündnis bei. Ludwig XV. von Frankreich kam hinzu, Schweden ebenso. Die Schweden hielten Vorpommern besetzt, ebenso Wismar mit Poel, auch Neukloster. Ein Kriegsgrund wurde gesucht und gefunden. Friedrich II von Preußen stritt sich mit Mecklenburg-Schwerin über die Rekrutierung seiner Truppen. Irgendwie sah man Vereinbarungen des Westfälischen Friedens verletzt. Mecklenburg-Schwerin war selbständiges Herzogtum, Friedrich II. von Preußen hätte es gern für sich. Auch Sachsen zu haben, wäre schön für ihn – schon als Kronprinz träumte er davon. Für Mecklenburg war die Lage beim Ausbruch des Krieges zwischen Preußen, Sachen und Österreich im höchsten Grad gefährlich. Der Regensburger Reichstag konnte jeden Staat zwingen, sich auch ohne eigenen Antrieb aktiv am Kriege zu beteiligen. Herzog Friedrich, sein Volk nannte ihn „den Frommen“, wollte  nicht hineingezogen werden. Nach Meinung von Zeitzeugen verabscheute der fromme Friedrich Gewalt und Unrecht. Ihm widerstrebte Blutvergießen, selbst im gerechtesten Krieg.  Doch Preußen drangsalierte die Mecklenburger. Durch die sogenannte Reichsexekution befanden sich preußische Truppen in Mecklenburg, die ihre Rekruten von der einheimischen Bevölkerung pressten. In Friedrich von Preußen sah Herzog Friedrich von Mecklenburg den Störer des europäischen Friedens und stand ganz auf der Seite Österreichs und seiner Verbündeten. Er versprach sich eine Lösung all seiner Probleme, sollte Preußen unterliegen. Es ging aber für Mecklenburg böse aus: Das Land verarmte, es folgten schlechte Ernten, Hungersnot, Krankheiten, denn auch die Natur wandte sich gegen die Menschen im Lande. Im Juni 1783 brach der Vulkan Lakti auf Island aus. Das Wetter wird verheerend schlecht. Zunächst Hitze mit  „beständigem Rauch in der Luft, so als die Sonne ganz verfinstert aussah“. Früher Winter, grimmige Kälte bis in den April. Kein Futter für die Tiere. Überschwemmungen im Frühjahr an der Elbe. Menschen kamen ums Leben. 1784 und 1785 war es nicht besser. Harte Winter und Hunger: „Der ganze Sommer war traurig; kalt und fast beständiger Regen, zuweilen große Wassergüsse, daher auch allenthalben groß Wasser. An vielen Orten konnte gar nicht gemäht werden, noch weder Gras noch Korn, alles stund unter Wasser. Bei Sukow und Neuhaus an der Suden bei Breeden an der Elbe und so in vielen anderen Gegenden. Die Ernte war nicht nur spät zum teil bis gegen Michaelis und nach Michaelis sondern auch höchst traurig. Der Roggen musste 5 Wochen im Regen liegen und war alles ausgewachsen. Wegen Heu und Kornmangel war die Not allenthalben groß. Der Bach hier ging immer über. Gegen Michaelis war noch nichts herein, ich selbst konnte auch keine Hand voll winden und wenn ja mancher was herausgefahren hatte aufs Trockene, so war doch kein Wetter zum Trocknen und überdem kam auf den 26 ten September ein großer Sturm, der die Haufen auf dem Felde all verstreute, dass auch das noch leider verloren ging. Die Wege und der Acker waren so tief als über alle Massen. An Säen konnte auch vor Michaelis keiner gedenken, der Acker war ganz morastig**, schrieb ein mecklenburger Pfarrer in sein Tagebuch. Angesichts all dessen wird sich Christian Georg gedacht haben:  Wat Beters as den Dood finnst du överall wie die Bremer Stadtmusikanten zum Hahn sagten, der für den Kochtopf vorgesehen war.

So ging er  – ja heute würde man sagen –  als Wirtschaftsflüchtling aus seiner Heimat mit der Absicht, ein besseres Leben zu finden.


* Johann Wilhelm von Archenholz, Geschichte des siebenjährigen Krieges in Deutschland, 1791
** Wetterbericht des Pastor Friedrich von Camin b. Wittenburg