Baltikum 2014

Noch einmal Kurland und dann heimwärts

Die Zeit in Riga ist um, Beate fliegt nach Deutschland zurück, wir machen uns auf den Weg nach Kurland und fahren über Mitau nach Talsen. Da ich den Landsitz des ehemaligen Rigaer Bürgermeisters George Armitstead, den Beate und ich besucht hatten, auch Brigitte und Nicole zeigen wollte, machen wir einen kurzen Halt in Jaunmoku pils  Dann geht es nach Talsen. Wir steigen dort nicht aus, trudeln durch die Stadt, dann zum Pastorat. Mein Führer von vor drei Tagen freut sich offensichtlich, mich noch einmal zu sehen. Nach kurzen Hallo geht es weiter in Richtung Norden durch die Kurische Schweiz mit blühenden Wiesen, auch hier wieder Storchennester auf den Elektromasten. Ganz im Norden Kurlands liegen die livischen Dörfer. Am einem Strand, steigen wir aus. Kap Kolka, graublau verschwimmen Meer und Himmel. Unser Weg führt uns weiter an der See entlang nach Ventspils – Windau. Das Hotel „Vilnis“ liegt in einem Stadtteil aus Sowjetzeiten, helle Ziegelbauten, ein irgendwie trauriger Anblick. Gäste gibt es außer uns kaum. Auch diese Leere macht traurig. Das Hotel war in sowjetischen Zeiten sicherlich das beste in der Stadt, das Restaurant hat noch immer diesen Allunionsglanz der besseren Hotels, wie er uns von Reisen durch das Land Lenins vertraut ist. Inzwischen abgeschafft ist jedoch die “Klutschmutter”. So nannten wir die zu Sowjetzeiten auf jeder Etage sitzende Hotelbedienstete, die die Schlüssel (kljutschi – ?????) verwaltete und darauf achtete, keine unbefugten Personen in die Zimmer zu lassen. Nur eine Nacht werden wir hier verbringen. Wir fahren in die Stadt, um einen Eindruck von ihr zu bekommen, gehört Ventspils doch mit seinen 40000 Einwohnern zu den bedeutenderen Orten Lettlands. Historisch war Windau eine wichtige Handels- und Hafenstadt und hatte zeitweilig den profitabelsten Hafen des russischen Reiches.  Heute soll Ventspils die wohlhabendste Stadt Lettlands sein, mit der schillernden Figur Aivars Lembergs als Bürgermeister. Die Altstadt liegt auf der anderen Seite des Flusses Venta (auf Deutsch Windau), kleinstädtische Anmutung, relativ viel Grün, sehr viel Platz zwischen den Gebäuden. Wir finden die Ordensburg. Ein Besuch ist nicht mehr möglich, man schloss gerade die Pforten. Der Abend war bereits hereingebrochen, wegen der hochstehenden Sonne aber nicht erkennbar. Das Kellerrestaurant des Schlosses, der „Pils Krogs Melnais Sivens (Schwarzes Ferkel)“, ist geöffnet.  Eine sehr freundliche Kellnerin bringt uns wohlschmeckendes Bier, auch das Essen ist gut. Hier nahmen meine Eltern und meine Tante mit ihrem Mann Oskar Martinelli 1939 endgültig Abschied vom Baltikum. Der Dampfer „Orotava brachte sie nach Stettin. Hier begann für meine Eltern ein sehr schwerer Lebensabschnitt, eine Zeit, in der sie selbst Schuld auf sich luden, Schuld, die sie dann durch erneute Flucht nach Westen büßen mussten – wie meine Mutter sich später ausdrückte. Am 14. November 1939 war der Tag unserer Abreise. Wir verließen am Abend das Pastorat und unser Kutscher Ernst Großwalds begleitete uns zum Auto…. Auf der Bahnstation Stenden erwarteten uns schon die Verwandten, meine alte Mutter, Schwager und Schwester und die Bekannten. Wir fuhren im Sonderzug nach Windau, wo wir erst ausgebürgert und dann in einen Bananendampfer verfrachtet wurden. Am Abend verließ das Schiff den Hafen.  Wir  standen … auf Deck, schweigend . Wir erlebten es, wie die Küste Kurlands vor unseren Augen undeutlich wurde und dann ganz verschwand…

Ihr Leben lang sehnte meine Mutter sich nach ihrer Heimat, die sie verloren hatte – ein immer schmerzender Verlust. Dennoch: meine Eltern waren am Leben geblieben und haben ihren Kindern in neuer Umgebung eine schöne Kindheit ermöglichen können. Die im Baltikum zurückgebliebene Mehrheitsgesellschaft musste die Okkupation des Landes durch die Sowjetunion und das faschistische Deutschland überleben und fast ein Menschenleben warten, um in eigenem Staat leben zu können. Unvorstellbares Leid wurde den im Land verbliebenen Juden vor ihrem grausamen Tod von den 1941 zurückgekommenen Deutschen und willigen einheimischen Helfern zugefügt. Wenige nur überlebten.     Am nächsten Tag beginnt unsere gemächliche Rückfahrt an der Küste entlang in Richtung Klaipeda. Wir steigen von Zeit zu Zeit aus, um an den jeweiligen Strand zu treten. Liepaja – Libau passieren wir mit kurzem Ausstieg und abends erwartet uns ein modernes, sehr  komfortables Hotel in Klaipeda. Von hier aus fahren wir am Pfingstsonntag auf die  Kurischen Nehrung, besuchen in Nida – Nidden  das Thomas-Mann-Haus. Vor uns liegen 1200 km Autofahrt. In Torun bleiben wir eine Nacht nach einer schönen Fahrt durch Masuren. Eine weitere Tagestour bringt uns nach Berlin, wo wir uns von Nicole verabschieden.