Baltikum 2014

Vorbemerkung

Brigittes französische Freundin Nicole hatte die Idee einer gemeinsamen Reise in die Baltischen Länder. Wir einigten uns auf eine Fahrt mit dem Auto, zunächst durch Polen, dann unter Umfahren der russischen Exklave Kaliningrad nach Litauen. Anschließend sollten die Städte Tartu und Tallinn in Estland besucht werden, mehrere Tage wollten wir in Riga bleiben, dann durch die lettische Region Kurland von Ventspils über Liepaja nach Klaipeda fahren, von dort aus das Thomas-Mann- Haus auf der Kurischen Nehrung besuchen und durch Polen nach Hause zurückkehren.

In Riga war Brigittes Mutter aufgewachsen, mein Vater studierte in dieser Stadt. Meine Mutter hatte in Talsen gelebt, dort heirateten meine Eltern vor 75 Jahren. Wir waren deutsch-baltisch erzogen worden, mit dem Klang der baltischer Mundart aufgewachsen, mit Gerichten und Bräuchen seit Kindertagen vertraut. Baltische Küche verschönerte auch später verschiedene Festtage, sonst aber hatten wir zunehmend eine kritische Distanz zum Baltischen gewonnen. Mit dem Alter milder geworden, nahm mein Interesse an unserer Herkunft zu. Daher waren wir – Brigitte und ich – elf Jahre zuvor bereits für ein paar Tage in Riga, Talsen und Ligat gewesen. Damals waren wir relativ unvorbereitet ins Flugzeug gestiegen. Einen Reiseführer hatten wir gekauft, im Übrigen stammte unser Wissen über das Land aus den Erzählungen unserer Eltern. Meine Eltern und eine Tante hatten Lebenserinnerungen1 geschrieben, die ich vor der jetzigen Reise – lange nach ihrem Tode – zur Hand nahm und intensiv las. Fragen nach historischen Ursachen für die baltischen Besonderheiten taten sich auf, nach ihrer Wahrnehmung der Mitmenschen anderer ethnischer Herkunft, nach dem freiwilligen Verlassen ihrer Heimat 1939. Erst jetzt wurde mir deutlich, in welcher Parallelgesellschaft unsere Eltern in ihrer Heimat gelebt hatten, in einer Minderheit innerhalb einer fremden Mehrheit von Mitbürgern, der sie oft abwehrend gegenüber standen, bedacht auf den Erhalt ihrer deutschen Identität, auch ihrer Privilegien. Die aktuellen Ereignisse in der Ukraine, die neuen Spannungen zwischen Russland und dem Westen weckten zusätzlich mein Interesse an osteuropäischer jüngster Geschichte. Diese Reise begann besser vorbereitet als die frühere, mit den Aufzeichnungen meiner Vorfahren und mit Literatur zur baltischen Geschichte auf dem Tablet. Während der Reise stellte Nicole viele Fragen, die wir nicht beantworten konnten. Zurückgekehrt versuchte ich Antworten auf die Fragen zu finden, las viel und fuhr im Juni 2015 zusammen mit meinem Bruder noch einmal nach Lettland, dieses Mal nur mit der Suche nach Spuren unserer Familie beschäftigt.