Baltikum 2014

Eltern

In diese Zeit wurden meine Eltern hineingeboren. Meine Mutter wuchs in kleinstädtischem kurländischen Milieu auf, fromm und im Geist der Bedrohung des Deutschtums durch eine tendenziell unfreundliche Umgebung erzogen, mit Werten wie das Leben von eigener Hände Arbeit, in Ehrlichkeit, Geradheit und Eigenverantwortung. Sie lernte früh die Sprache des Reichs Russisch in der Schule, Lettisch im täglichen Leben und den Umgang mit Menschen anderer Herkunft: Nun hieß es, alle Fächer in russischer Sprache zu lernen. Nur Religion war deutsch, außerdem deutsche Sprachstunden. Die Lehrerinnen waren vielfach reine Russinnen, die kein Wort deutsch konnten, – aber so lernte man die Sprache am besten. Wir waren alle gleich gekleidet, braune Wollkleider mit weißem Kragen, schwarze Trägerschürzen, – so war es wie eine Uniform. In meiner Klasse waren wir 40 Mädchen, ich die einzige Deutsche unter Jüdinnen und Lettinnen. Ich führe dieses an, damit ihr Euch ein Bild von der Isoliertheit der Deutschen im Baltikum überhaupt macht, – so war es ungefähr im ganzen Lande.“* Sie kaufte bei Juden ein, Letten waren ihre Nachbarn und als sie die Gärtnerei übernommen hatte, waren all diese -ihre Kunden. Bei aller Betonung des Deutschtums: „Es ist nur dem starken Nationalgefühl der deutschen Bevölkerung zuzuschreiben, dass sie sich behaupten konnten und nicht von den Andersstämmigen aufgesogen wurden“, erzog sie uns Kinder in Respekt vor jedem Menschen anderer Herkunft und Lebensart und im Geist christlicher Verantwortung für andere.

Das Elternhaus meines Vaters war sehr bürgerlich, seine Jugend war geprägt von Wohlstand und Umgang mit deutschen Gleichaltrigen. Im Hause meiner Eltern hatte ich ein breites und bequemes Leben kennengelernt, ein Leben, das man durchaus als „herrschaftlich“ bezeichnen könnte. Es hat, trotz gewisser Einschnitte in den Kriegsjahren, an nichts gefehlt. Die niederen Arbeiten waren auf  fremde Schultern verteilt. Wir Kinder vergnügten uns, so gut es eben ging und hatten keine eigentlichen Pflichten. Wir wurden schlichtweg verwöhnt. Hinzu kam, dass wir als Deutsche, schon die Eltern und ganze Generationen davor, selbstverständlich beanspruchten, Herren des Landes zu sein, also nicht nur etwas Besseres darstellten, sondern das Eigentliche. Die höhere Schule und die Zeit als Farbenstudent haben zusätzlich dazu beigetragen, ein Elitebewusstsein in mir zu prägen.“** Er wurde zunächst im Hause durch Hauslehrer unterrichtet – wohl auch durch seine Mutter, zwischendurch während des ersten Weltkriegs durch eine Cousine und einen Vetter. Dann musste er doch noch eine russische Schule besuchen und nach der Gründung des lettischen Staates die Oberschule in Riga. Hatte er vorher Letten nur in der Fabrik gesehen, wurde er jetzt in deren Sprache unterrichtet, die er aber erst beherrschen lernte, als er am inzwischen lettischsprachigen Polytechnikum in Riga zu studieren beabsichtigte. Auch während des Studiums bewegte er sich unter den deutschen Kommilitonen in der Studentenverbindung Fraternitas Baltica. Erst nach Abbruch seines Studiums kam er in engen Kontakt mit Letten in der lettischen Armee, in der er als Kavallerist dienen musste, in verschiedener Hinsicht eine schwere Zeit für ihn: Nun aber begann die Zeit des Umlernens. Ich musste, durch die Umstände geboten, von meinem hohen Ross herabsteigen und auf ein anderes, dazu ein sehr lebendiges aufsteigen. Ich wurde Soldat. Das konnte nicht ohne Schmerzen und manche Demütigung abgehen….fiel es mir vermutlich schwerer als manchen Kameraden, mich wirklich einzugliedern und mich klein genug zu machen. Aber ich lernte schließlich doch, mich zu beherrschen, Dinge hinzunehmen und die Welt nur so zu betrachten, wie ich sie in meiner Montur und unter dem Käppirand hervor erkennen konnte**“.

Die Soldatenzeit war für ihn 1932 zu Ende. Nun musste er mit 26 Jahren eine Lehre als Gärtner in Deutschland beginnen. Seine politischen Anschauungen waren die eines deutschbaltischen jungen Mannes, national und elitär, so dass ihn Hitlers Reden durchaus bewegten: „einzig, daß ich im Unterbewußtsein zu verspüren glaubte, daß er etwas zu großspurig auftrete. In meiner politischen Naivität aber, genährt aus rein völkischen Emotionen, erweckte er in mir einen Widerhall. Natürlich war ich gar nicht in der Lage, das eigentliche Wesen des Nationalsozialismus zu erfassen.**“ Ein Kompass, wie ihn meine Mutter durch ihre Frömmigkeit hatte, fehlte ihm. Sie hat ihn später in Posen davor bewahrt, der Waffen-SS beizutreten und wesentlich dazu beigetragen, ihm das Verbrecherische des Naziregimes begreiflich zu machen.


*  Elisabeth Rohde: Lebenserinnerungen, 1966
** Robert Burmeister, Meine Erinnerungen, 1969