Baltikum 2014

Multikulti in den Ostseeprovinzen

 Am  nächsten Tag – ich will zum Geburtshaus meines Vaters nach Ligat fahren – kann ich nicht gehen, mein Fuß ist geschwollen. Ich habe Zeit zu lesen und mir wird bewusst, wie verzerrt der uns überlieferte Blick auf die baltischen Vorfahren ist. Die Erzählungen unserer Eltern geben verständlicherweise die Binnensicht der Angehörigen einer Minderheit wieder, die sich jedoch  als geistige, kulturelle und moralische Majorität fühlte. Mir geht auf, dass der gegenwärtig häufig gebrauchte politische Begriff der Parallelgesellschaft durchaus auf ihre Lebensweise innerhalb der Mehrheitsgesellschaft aus Letten bzw. Esten, Juden und Russen zutrifft.  Sie betrachteten unreflektiert ihre Moralvorstellungen, ihre Religion, ihren Wertehorizont, ihre Lebensregeln als maßgebend für alle –  Regeln aus den vergangenen Jahrhunderten, wie Deutscher gleich Herr und Lette gleich Baue*, **. Dass das seit Mitte des 19. Jahrhunderts nicht mehr stimmte, bemerkten sie nur ungern und nahmen das zunehmende Selbstbewusstsein der Letten und Esten infolge wachsender Bildung und sozialen Aufstieg als undankbar und feindselig war. Wie gestaltete sich ihr Zusammenleben mit den verschiedenen Volksgruppen bis in die Lebenszeit unserer Eltern, und wie wurden sie durch die multikulturelle Umgebung geprägt? Riga war bis Mitte des 19. Jahrhunderts eine deutsche Stadt. Gebildete jedweder ethnischen Herkunft sprachen deutsch. Verwaltung und Gerichtsbarkeit waren ständisch deutsch, die Mehrheit der Menschen war es nicht. Besonders gering war der Anteil Deutscher in den kleineren Orten der Ostseeprovinzen. Trotzdem gaben sie auch hier den Ton an, auf den Gütern, in den Kirchen und Schulen. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts begann für Letten und Esten eine Zeit nationalen Aufbruchs.  Die bestehende Ordnung erodierte, erst allmählich, dann mit zunehmender Geschwindigkeit. Auch die russischen Eliten sahen die Zeit gekommen, die deutsche Vormacht in der russischen Provinz zu beenden, sie in das Zarenreich einzubinden. Das deutsche Selbstverständnis von den Ostseeprovinzen als deutsches Gemeinwesen geriet unter Druck, die sogenannte Russifizierung unter Alexander III. wurde zum deutschbaltischen Trauma. Keine Erzählung unserer Vorfahren über baltische Geschichte kommt ohne bedrückende Schilderungen dieser Zeit aus. Was führte zu der neuen Politik des Zaren? Sein  Vorgänger  war durch ein Bombenattentat der Narodnaja Wolja ums Leben gekommen. Alexander  wurde  von der Vorstellung verfolgt, sein Reich sei von Anarchisten und  Revolutionären durchsetzt. Die Geheimpolizei Ochrana sollte diese bekämpfen, durch Verbannung nach Sibirien möglichst eliminieren. Gleichzeitig sah der Zar eine „Überfremdung“ Russlands durch deutschen Einfluss. Russland, so wollte er es,  sollte ein einheitliches Staatsgebilde werden ohne ethnische Unterschiede, religiöse und sprachliche Vielfalt. Das  Reich sollte sich auf die slawische Nation, die orthodoxe Kirche und eine einheitlichen Verwaltung durch zaristische Beamte stützen. Parlamentarische Institutionen und westeuropäischer Liberalismus waren Alexander III. ein Gräuel. Waren bis 1870 alle städtischen Schulen Rigas deutschsprachig gewesen, so dass deutsche und lettische Schüler die russische Sprache in ihrer Mehrheit nicht beherrschten, sollten nunmehr Russisch als Unterrichtssprache und das russische Schulsystem zur kulturellen Vereinheitlichung des Reichs führen. Obwohl der Bildungsstand in den Ostseeprovinzen den im russischen Reich weit überragte, wurde in den Schulen das russische Schulsystem eingeführt, russische Kultur zur Leitkultur erklärt. Ab 1887 war Russisch die einzige Unterrichtssprache: Боже, Царя храни***. Gleichzeitig geriet auch die lutherische Kirche unter Druck. Besaß sie ursprünglich den Rang einer Landeskirche und auch später, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, unter der Aufsicht des russischen  Innenministeriums weitgehende Eigenständigkeit, wurde sie nach der Russifizierung in ihren Rechten stark beschnitten, selbst Kirchenbücher mussten auf russisch geführt werden. Es wurden auch Maßnahmen gegen lettische Rekonvertiten, die wieder lutherisch werden wollten, ergriffen und lutherische Pastoren machten sich strafbar, wenn sie solchen Letten die Sakramente spendeten****.

Die Russifizierungsmaßnahmen trafen auch die Juden. Unter der Regierung Alexanders II. hatten verschiedene liberale Reformen und Neuerungen die rechtliche Situation der Juden entschieden verbessert. Nun wurden die Anfänge dieser rechtlichen Emanzipation in den Ostseeprovinzen rückgängig gemacht. Die jüdische Bevölkerung  war grob geteilt in Gebildete, die zu Wohlstand gelangt und oft in ihrer Lebensweise und Kultur deutsch geprägt waren und in eine zweite, chassidisch-orthodoxe Gruppe. Die Ersteren begannen sich zu organisieren und gründeten eigene Vereine, wobei ihnen jedoch viele Rechte verwehrt blieben. Der Wunsch nach rechtlicher Gleichheit und kultureller Integration wurde stärker. Zionistische Ideen verbreiteten sich, ebenso die Idee eines Zusammenschlusses aller Juden Russlands. Die Bedeutung moderner Bildung trat ins jüdische Bewusstsein. In Riga wurde sogar eine Mädchen- und eine Gewerbeschule gegrün- det, was nicht ohne innerjüdische Konflikte ablief. Gleich welcher politischer oder sozialer  Anschauung die einzelnen Juden auch waren, die Religion trennte sie von allen Christen, seien es Deutsche, Letten oder Russen.

Die Deutschen sahen in den politischen und rechtlichen Neuerungen einen eklatanten Verstoß gegen die Zusicherungen Peters I. von 1710. Viele zogen sich noch weiter in die deutsche Gemeinschaft zurück,  Nationalismus griff um sich, die Abstammung wurde wichtiger als ständische Unterschiede es je gewesen waren.  Nun wurden alle Deuschen zu „Balten“, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft.

Letten nahmen die Russifizierung eher positiv auf, war sie in ihren Augen doch eher ein Schlag gegen die ständisch-deutsche Herrschaft. Auch den russischen Druck auf die lutherische Kirche empfanden sie nicht als gegen sich gerichtet, sondern als Beschneidung der Rechte der „Herrenkirche“. Es taten sich auch praktische Vorteile für sie auf, ein größerer  Handlungsspielraum, der  durch das Beherrschen der russischen Sprache weiter ins russische Reich hineinreichte.  Beamtenlaufbahnen und Unternehmensgründungen wurden ihnen möglich. Und was die Sprache anbelangte, so hatten sie nur eine Fremdsprache gegen eine andere getauscht. Nach und nach wurde den Letten aber der Qualitätsverlust in den Schulen deutlich und sie bemerkten auch, dass ihr wachsendes Nationalbewusstsein  auf russische Ablehnung traf. So wurde die russische Schule doch zunehmend als Instrument der Überfremdung begriffen.  In den Revolutionstagen von 1905 forderten Letten die muttersprachliche Schulbildung, was eine Bindung an das zaristische Russland merklich störte. Die Revolution 1905 endete mit dem Oktobermanifest des Zaren Nikolai II., der Einführung eines Zweikammerparlaments in Russland und der Aufforderung zur geregelten Aushandlung von Konflikten. Lettische Parteien entstanden entlang der ethnischen Grenze, entsprechend ihrer ideologischen Basis: Konservative, Liberale, Sozialisten. Wie ich in der Baltischen Monatsschrift vom November 1905 lese, ging es den lettischen Sozialdemokraten neben der Neuordnung der ökonomischen Verhältnisse auch um eine nationale Neuordnung und sogar um das Recht der Abspaltung vom zaristischen Russland:   „Mit den Proletariern aller andern Völker Rußlands schmachtet auch das lettische Proletariat unter dem Joche des Kapitals und der Selbstherrschaft, und daher stellt die lettische sozialdemokratische Partei gemeinsam mit andern sozialdemokratischen Organisationen als eine ihrer nächsten Aufgaben die auf, an Stelle der Selbstherrschaft des Zaren einen Freistaat (demokratische Republik) zu gründen, verbunden mit  Gleiche Rechte für alle Sprachen, d. h. nicht unterdrückter Gebrauch der Volkssprache im privaten und sozialen Leben, in den Schulen, Gerichten und andern Institutionen;  Aufhebung der Stände, Privilegien, Abschaffung der Rangklassen (Tschins) und Orden, völlige Gleichheit aller Bürger, ohne Rücksicht auf Geburt, Glauben und Nationalität“***** .

Ein Teil der Deutschen hatte die Lektion aus der Revolution gelernt und gründete eine liberale Partei, die alle ethnischen Gruppen integrieren sollte. Im Gründungsaufruf dieser Baltischen Konstitutionellen Partei. heißt es:  …Es ist daher hohe Zeit, daß, nachdem uns die Garantien für die bürgerliche Freiheit nach dem erklärten unbeugsamen Willen Sr. Majestät gegeben sind, alle Bewohner unsrer baltischen Lande, ohne Unterschied des Standes, der Nationalität und Konfession sich zusammenschließen zur Wahrung und Ausgestaltung der uns gewährten Freiheit, zur Wiederherstellung geordneter Zustände auf dem Wege friedlicher Arbeit und zur Durchführung zeitgemäßer Reformen, bei denen es insbesondere das Wohl der unbemittelten Bevölkerungsklassen zu heben gilt. Geleitet von diesen Gesichtspunkten und durchdrungen von dem Gedanken, daß nicht allein die Staatsgewalt, sondern vor allem die bürgerliche Gesellschaft selbst den richtigen Ausweg aus diesen Wirrnissen zu suchen und zu finden hat, tritt eine Partei zusammen, welche unter dem Namen Baltische konstitutionelle Partei die nachstehenden grundlegenden Programmpunkte angenommen und festgestellt hat.“  Unter anderem heißt es: „4) Gesetzliche Gewährleistung der Gewissensfreiheit, der Unantastbarkeit der Person, der Freiheit in Wort und Schrift, der Vereins- und Versammlungsfreiheit; Aufhebung sämtlicher die Religionsfreiheit einschränkender Bestimmungen. Gleichstellung aller Staatsbürger vor dem Gesetz, unter Aufhebung aller bisher einzelne Bevölkerungsgruppen, Konfessionen und Nationalitäten einschränkenden Bestimmungen.“****** Der Aufruf fand breite Zustimmung in Reval, Dorpat und Mitau. Die Liberalen konnten sich aber nur die konstitutionelle Monarchie als Staatsform denken, allgemeines Wahlrecht dagegen nicht. Patriarchale Denkweise mit Sorge für Bildung und soziale Absicherung sind kennzeichnend, ebenso auch die Forderungen nach rechtlicher und politischer Emanzipation der Juden, nach Gleichberechtigung und kultureller Eigenständigkeit aller Nationalitäten innerhalb föderaler Staatsstrukturen. An der  wirtschaftlichen Basis – den Besitzverhältnissen auf dem Lande – wollten sie nichts ändern. Letten und Esten konnten sie damit für ihre Ideen nicht gewinnen.  So blieben liberale Deutschbalten unter sich und ihr Liberalismus von begrenzter Wirkung.


**  Im Estnischen ist der „Herr“ in pejorativer Färbung (saks) auch etymologisch der Deutsche (sakslane) s. Karsten Brüggemann : Estnische Erinnerungsorte: Die Schlacht von Wenden gegen die Baltische Landeswehr im Juni 1919 als Höhepunkt der nationalen Geschichte