Baltikum 2014

Lutherische Kirche in Lettland

Ich weiß kaum etwas über die Situation der lutherischen Kirche in Lettland, ihre Rolle für die Deutschbalten, ihre Position im russischen Reich nach der Gründung des lettischen Nationalstaates, nach der Rückkehr der Sowjetarmee. Sicher ist, sie hat für das Verhältnis der Deutschen zur jeweiligen Zentralmacht, für deren Selbstbewusstsein und die Bildung der Letten eine große Rolle gespielt. Baltische Geschichte nach der Reformation ist Kirchengeschichte, habe ich irgendwo gelesen. Dieser Kirche hat mein Onkel Oskar Martinelli in Talsen fast drei Jahrzehnte von seiner Ordinierung 1910 bis zur Aussiedlung 1939 gedient. Er hatte in Dorpat studiert und wurde dann Pastor der lettischen Gemeinde. Eine Schwester meiner Mutter wurde seine Frau. Seinem christlich-frommen Einfluss war die Haltung meiner Mutter gegen die Nazis verdanken, denke ich heute, denn ihre Abneigung gegen die Nazis hat sie nie politisch, sondern immer christlich begründet. Oskar Martinelli muss ein Mensch mit strikter moralischer Haltung gewesen sein, der das Wort „Du sollst Gott mehr gehorchen als den Menschen und den Dienst an seinen Kirchengliedern sehr erst nahm. Daher wollte er 1939 seine Gemeinde nicht verlassen und erst auf den dringenden Rat eines lettischen Anwalts beschloss er zu gehen. Meine Tante schreibt: Mein Mann hatte sich vorgenommen, erst fortzugehen, wenn die Gemeinde durch einen anderen Pastor versorgt sein würde. Er nahm Rücksprache mit dem Konsistorium in Riga, das seinen Abschied als Pastor der Talsenschen Gemeinde annahm, der er fast 30 Jahre lang gedient hatte…. Zugleich wurde vom Konsistorium ein junger sympathischer Vikar mit Namen Saulitis als Nachfolger bestimmt, der dann eine Zeit lang mit uns zusammen im Pastorat wohnte. Wie wir später hörten, soll er erschossen worden sein, unter welchen Umständen, haben wir nicht erfahren.*  Das Schicksal des Vikars berührt mich, ich möchte mehr über ihn herausfinden. So beginne ich nach unserer Rückkehr von der Reise eine e-Mail-Korrespondenz mit der lutherischen Gemeinde in Talsen und erfahre: Pastor Saulitis arbeitete, nachdem er die Gemeinde übernommen hatte, auch als Religionslehrer im Talsenschen Gymnasium. Schüler erinnern sich an ihn als einen ausgeglichenen Mann, an seine ruhige und einfühlsame Art. Ihm lag daran, universelle geistige Werte zu vermitteln. Im letzten Kriegsjahr wurde er Direktor des Gymnasiums. Sofort nach Einzug der Sowjetarmee und Gründung der Sowjetmacht in Lettland wurde er aus dem Schuldienst entlassen, 1946 verhaftet, zuerst nach Riga gebracht, dann 1947 nach Chabarowsk (Sibirien) deportiert, wo er am 10 Juli 1947 umkam. Eine vorherige Flucht mit seiner Familie nach Schweden war wegen widrigen Wetters abgebrochen worden, ein Konfirmand verriet ihn dann. Als Begründung für seine Verurteilung zu Lagerhaft  diente seine Tätigkeit als Pastor während der Nazizeit  – ein Vorwand, mit dem man die meisten Pastoren des Baltikums eliminierte. In Sowjetlettland wurde die lutherische  Kirche zum Feind, Verfolgung lettischer Pastoren, ihre Deportation und Liquidierung vor und nach der Besetzung durch Nazi-Deutschland war die Folge. Für die heutige lettische Gemeinde ist wichtig, dass Saulitis der erste lettische Pastor in der Geschichte Talsens war: Ich muß noch erwähnen, dass Janis Saulitis der erste lettische Pastor in der lettischen Kirchengemeinde in der Ev. Luth. Kirche Talsi seit 700 Jahren war**

In der Zarenzeit waren die Volksschulen oftmals den Pastoren unterstellt und diese hatten großen Anteil an der Bildung lettischer Kinder.  Gleichzeitig war die lutherische Kirche auch Anker und Identifikationsinstitution der deutsche Volksgruppe; Deutschbalten und ihre Kirche bildeten eine Einheit, besonders während der sogenannten Russifizierung durch Alexander III. und nach dem Ersten Weltkrieg.  Die Russifizierungsmaßnahmen  des Zaren hatten zu verschärfter Nationalisierung der Konfession geführt. Die Gleichung Deutschtum gleich Luthertum wurde zum Leitbild der Deutschbalten. Besonders auf dem Lande und in den kleinen Städten hatten deutsche Pastoren – meistens während des Studiums in Dorpat pietistisch geprägt – starken Einfluss auf ihre Kirchenglieder, die sie zu großer Frömmigkeit anhielten. Meine Tante schreibt:   „Der hervorragendste Zug des Charakters meiner Mutter war die tiefe Frömmigkeit, die sie auch uns Kindern zu vermitteln suchte. An jedem Abend wurde eine kurze Andacht gehalten, etwa ein Lied aus dem Gesangbuch oder ein Psalm gelesen, öfter auch ein Choral gesungen, den  meine Mutter auf dem Klavier begleitete… Auch war meine Mutter Mitglied des sogenannten „Armenvereins“ und war ständig bestrebt, notleidenden Mitmenschen zu helfen.*  

Die übermäßige Betonung der Konfession, des Amtes und des Sakraments, die Strenge der Lehre führten allerdings auch zur Abwendung städtisch geprägter Deutscher von der Kirche. Nach außen  war das nicht zu erkennen: Man ließ die Kinder taufen, heiratete kirchlich,  ging an hohen Feiertagen zum Gottesdienst, wurde im Beisein eines Pastors begraben und pflegte im übrigen das Deutschtum auch ohne christliche Begleitung.  In solch relativ kirchenfremdem Elternhaus wuchs mein Vater auf. 

Der soziale und kulturelle Aufstieg der Letten  Ende des 19. Jahrhunderts führte zu wachsendem Einfluss lettischer Geistlicher. Diese neigten den Ideen der Herrnhuter Brüdergemeinde zu und betrachteten das deutsch-baltische Luthertum als Säule ständisch-deutscher Herrschaft mit Ablehnung. Die Betonung des Deutschen im Luthertum vergrößerte ihre Distanz zu den Deutschbalten. Christlich gesinnte Letten forderten die Trennung der Kirche nach ethnischer Herkunft. Sozialistisch-revolutionäre Letten wendeten sich später ganz gegen sie.  Konflikte zwischen Letten und Deutschen konnten nicht ausbleiben. Mit dem Vormarsch der bolschewistischen Truppen nach Livland und Kurland kam es zu massivem Druck auf die Kirche. Zahlreiche deutsche Pastoren wurden ermordet, wurden sie doch als Vertreter deutschen Volkstums, der Oberschicht und als Gegner des revolutionären Weges angesehen. Nach der Gründung des lettischen Staates war der Einfluss deutscher Pastoren in den lettischen Gemeinden stark zurückgegangen, nur noch wenige waren im Amt, als sie 1939 das Land verließen.


* Herta Martinelli: Erinnerungen von Herta Martinelli, geb. Rohde, 1988
** Liiga Ozolniece, Miarbeiterin der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Talsi in einer e-mail