Baltikum 2014

Talsen

Die Fahrt in die Stadt ist wenig einladend. Hat man aber erst den Industrieteil durchquert, wird es  parkähnlich mit Holzhäusern innerhalb grüner Grundstücke. Wir parken am See und steigen zu Fuß den Hügel zur Kirche hinauf. Meine Eltern wurden hier auf den Tag genau vor einem dreiviertel Jahrhundert getraut. Meine Mutter schreibt: Die Trauung wurde in der Talsenschen Kirche von unserem Schwager Oskar Martinelli vollzogen. Es war ein wunderbarer Frühlingstag, die Obstbäume blühten, es hatte geregnet, aber am Nachmittag schien die Sonne. Wir fuhren im Auto zur Kirche und erlebten dort unsere Trauung* Bei der Reise vor zehn Jahren habe ich das Geburtshaus meiner Mutter in Talsen nicht gefunden, jetzt weiß ich, wo ich suchen muss. Wir finden es oberhalb eines kleinen Tals, in dem wir parken können. Ich erkenne das Haus, es steht an einem Hang, auf dem damals das Land der Gärtnerei war.  Unsere Gärtnerei lag auf einem Abhang in drei Abstufungen, sehr ungünstig, denn die Nord-Ostwinde fegten darüber hin und es waren wenige gerade Flächen, die zum Anbau des Gemüses nötig waren. Mein Großvater Carl-August Rohde mag wenig an diese Dinge gedacht haben, als er den alten Obstgarten in Talsen pachtete. Er war wohl froh, seinen Wunsch, eine eigene Gärtnerei zu gründen, erfüllt zu sehen*.   Wir gehen vom Parkplatz den Hang hinauf. Das Haus beherbergt die städtische Firma Talsu Bio-Energija – Anbieter erneuerbarer Energie. Ich gehe hinein, der Leiter spricht zum Glück englisch, ich erkläre ihm mein Interesse an einer Hausbesichtigung. Mit  abwehrendem Gesichtsausdruck sagt er, das Haus gehöre der Stadt. Ich stelle klar, dass mich Eigentumsfragen nicht interessieren, seine Miene hellt sich auf und er führt mich  durch das ganze Haus. Büroräume jetzt auch unter dem Dach, im Keller eine kleine Bar. Die Büroatmosphäre lässt mich vergessen, dass hier vor 110 Jahren meine Mutter geboren wurde, dass sie hier den glücklichsten Teil ihres Lebens verbrachte. Ich möchte unbedingt das ehemalige lettisch- lutherische Pastorat finden, in dem meine Eltern ihre Hochzeit gefeiert haben. Ich weiß nur, es liegt ungefähr drei Kilometer außerhalb der Stadt. Einen Weg dorthin kenne ich nicht. Wir gehen ins Pfarramt und fragen. Der lettische Pastor spricht englisch, doch seine Wegbeschreibung kann ich mir nicht merken und beschließe, mich im lokalen Museum noch einmal nach der Lage zu erkundigen. Mit Hilfe der elektronischen Karte meines Tablets zeigen mir die Damen an der Kasse etwas zögerlich den Weg. Es wundert mich, warum sie sich so schwer mit einer klaren Antwort tun, denn das Pastorat gehörte einmal als Dependance zum Museum. Dort hatte in alten Zeiten Carl Amenda, ein Freund Beethovens, seinen Dienstsitz als Pastor. Beethoven korrespondierte mit ihm und widmete ihm sein erstes Streichquartett (Nr. 1, op. 18, Nr. 1 F-Dur): Lieber Amenda. Nimm dieses Quartett als ein kleines Denkmal unserer Freundschaft, so oft du dir es vorspielst, erinnere dich unserer gemeinsam durchlebten Tage und zugleich, wie innig gut dir war und immer sein wird Dein wahrer und warmer Freund. Wien, 1799, am 25. Juni“**

 Das Pastorat Talsen

Die Stadt Talsen nutzt Amenda heute zur Touristenwerbung. Ich vermute, da die Gebäude des Pastorats der Kirche zurückübertragen wurden, musste das Museum sie aufgeben und ist nicht interessiert, Fremde dorthin fahren zu lassen. Eigenartig. Doch wir fahren.

 

Das Pastorat – Macitajmuiža – liegt in paradiesischer Landschaft, von Wald und lichten Auen umgeben zwischen Hügeln und kleinen Seen. Ein leicht gehbehinderter Mann empfängt uns freundlich. In Russisch kann ich mit ihm kommunizieren. Er bedeutet uns, er halte Haus und Grundstück in Ordnung, wohne auch dort in der Einöde. Alles sieht aus, wie ich es von  Bildern meiner Tante kenne, das Wohnhaus, die zugehörigen Nebengebäude. Das Pastorat war ein kleines Gut. Pastoren auf dem Lande bekamen  kein Gehalt, sondern lebten von der Bewirtschaftung und Verpachtung des Gutes. Die von meiner Tante beschriebene Linde an der Einfahrt ist längst gefällt, und kein Pfeifenkraut umschließt mehr die Veranda, wie sie schrieb:  „Eine riesige Linde umschattete die Einfahrt zu unserer, von Pfeifenkraut  umsponnenen, Veranda… Man ging morgens an warmen Sommertagen nur leicht bekleidet durchs taufrische Gras einer Wiese den Abhang hinunter und stürzte sich in die erfrischenden Fluten…*  Ich werde herumgeführt, zum See hinunter, an einer uralten Eiche vorbei und kann mir die Feier des Johannifestes zur Sonnenwende vorstellen – ein  Höhepunkt des lettischen Gemeindelebens: Das war ein richtiges Volksfest, das sich gewiß noch aus heidnischer Zeit herübergerettet hatte.  Auch bei uns im Pastorat wurde der 23. Juni, der Johanniabend, für die Angehörigen groß gefeiert. Es wurde vorher ein Kalb geschlachtet, Bier gebraut und alles befand sich in großer Geschäftigkeit.  Am Johanniabend wurde in der Küche der Tisch mit einem weißen Tischtuch schön gedeckt, in allen Stuben waren Birken aufgestellt. Es roch festlich nach Kalbsbraten, frisch gebackenem Weißbrot und Speckkuchen. Am taghellen Abend erklangen dann die lettischen Lihgolieder in der ganzen Umgebung. Mein Mann und ich gingen auf die Veranda hinaus und hörten schon die aus der Ferne sich nähernde Gesänge unserer Leute, die dann zur Veranda kamen und uns unter Gesang schöne Kränze aus Eichenlaub  und Wiesenblumen umhängten, die unser Hütemädchen „Anning“ beim Kühehüten geflochten hatte. Darauf wurden alle zum Abendessen in die Küche gebeten. Nachher ging es dann auf die Anhöhe, wo schon vorher auf  die  Spitze einer Tanne eine Teertonne gesetzt war, die nun angezündet weithin als Johannifeuer leuchtete. Von allen Seiten flammten nun in der Ferne und Nähe Feuer auf , dazu erschallten die Gesänge mit dem Lihgo, lihgo bis in die warme Sommernacht hinein. Lihgo ist die Göttin der Liebe * Ich bin bewegt. Meine Eltern feierten hier ihre Hochzeit. Ich stelle mir die von meinem Vater beschriebe Szene vor: Die Gäste fuhren im gemieteten Autobus, wir Frischgetrauten jedoch im Zweispänner, ins etwa vier Kilometer außerhalb Talsens liegende Pastorat, zeitlich so versetzt, daß wir unsere Hochzeitsgäste bereits mitten im festlich geschmückten Saal empfangen konnten… Im Pastorat war alles festlich hergerichtet, in einem extra Zimmer die “Sakuski”, allerlei kalte Herrlichkeiten, Speckkuchen, Rosoll usw. dazu die nötigen Schnäpse…. Das Essen bei Kerzenschein an der großen Tafel ist mir in besonderer Erinnerung, … wir tanzten fröhlich bis in den Morgen hinein, tranken manchen kurischen Schnaps, prosteten uns vergnügt zu und beschworen eine glückliche Zukunft.** Und wieder  meine Mutter:Sehr viel später ging man zu Tisch, – es wurden Reden gehalten, von denen mir die von Reinhard Wittram besonders gefiel, aber auch die von Onkel Oskar. Und nachher erklang ein Walzer gespielt von Frau Brandt, geb. Elisabeth Goerke und eine Polonaise begann und führte durch die großen Räume bis in den dämmrigen Garten, der von Lampions erleuchtet war. Es war alles so schön, wer wusste damals, dass es das große Abschiedsfest für uns alle war, der Abschied von der Heimat in einigen Monaten!***“

*Herta Martinelli: Erinnerungen von Herta Martinelli, geb. Rohde, 1988

**  Robert Burmeister, Meine Erinnerungen, 1969

*** Elisabeth Rohde: Lebenserinnerungen, 1966