Baltikum 2014

Begegnungen mit der  Stadt

Ich gehe, vielmehr humpele in die Stadt, in Richtung Esplanade, auf die die Skolas iela zugeht, überquere die Elizabetes iela  und komme in einen lichten gepflegten Stadtpark mit alten Bäumen, Asphaltwegen, Bänken. Die Sonne dringt durch die Wolken. Ich gehe vorbei an einer russischen Kathedrale, auf der anderen Seite des kleinen Parks kommt wieder ein kurzes Stück städtischer Straße, die auf den Kronwald-Park mit seinem künstlichen Flüsschen zuführt. An ihm entlang verläuft der Raina bulvaris, schneidet am Freiheitsdenkmal  den Brivibas bulvaris und führt zur Universität meines Vaters – dem  ehemaligen Polytechnikum, wo er nach eigenen Aussagen wenig studiert, sich dafür häufig  im Conventsquartier der Fraternitas Baltica aufgehalten hat nach deren Motto : Freundschaft, Frohsinn, Tugend, Wissen – soll man nie bei Balten missen“. Ich gehe in das Gebäude hinein, denke an meinen Vater und trinke im nahegelegenen Cafe CiliPica (ChiliPizza) – nein, keinen Wodka – sondern Latte macchiato. Wir schreiben das Jahr 2014 und ich bin Tourist, nicht Farbenstudent anno 1928. Auf dem Weg zurück ins Hotel sehe ich den Eingang zur Ausstellung des aktuell ausgelagerten Okkupationsmuseums, gehe hinein, und wieder wird mir die lettische Haltung zur eigenen Geschichte deutlich: Letten sind Opfer bei der ersten sowjetischen Okkupation, dann Opfer der Nazis, darauf erneut Opfer der Sowjetunion. Eigenes Mittun am Holocaust kommt nicht vor, wenn auch die Beteiligung an militärischen Aktionen der Deutschen erwähnt wird. Dafür wird hervorgehoben, dass 472 Letten Juden das Leben retteten.

Alle lettischen Regierungen sehen in den eigenen SS- Legionären antibolschewistische Kämpfer und nehmen mit Unverständnis in Kauf, dass die ganze Welt den Aufmarsch der SS-Veteranen und  mitmarschierende Minister an jedem 16. März als Glorifzierung des Faschismus auffasst. Zum Glück regt sich auch Widerstand in den eigenen Reihen.  2014  wies Ministerpräsidentin Laimdota Straujuma wenige Tage vor dem Marsch der Naziverehrer ihr Kabinett an, die Teilnahme zu unterlassen. Weil der Minister für Regionen, Einars Celinskis, ankündigte, sich nicht an die Anordnung zu halten, wurde er  entlassen.

Am Abend fahren wir mit einem Taxi in ein russisches Restaurant, das sich als Selbstbedienungsladen herausstellt. Man suchte sich die Speisen vom Buffet, sehr russisch. Eigentlich hatten wir uns etwas anders vorgestellt, aber auch das gefiel uns.