Baltikum 2014

Fahrt nach Riga

Am nächsten Morgen brechen wir nach Riga auf, fahren durch dichte Wälder, machen Rast an einem menschenleeren Strand. Auf dem Rückweg zum Auto kommen uns freundliche Russen entgegen, wir wechseln ein paar Worte über das Woher und Wohin, hören Lobendes über Berlin. Von Nordosten kommend fahren wir nach Riga hinein, die Brivibas-iela entlang, die sich in der Innenstadt zum Brivibas-bulvaris weitet. Vor dem Freiheitsdenkmal biegen wir zu unserem Art Hotel Laine ab. Es liegt in der Innenstadt, unweit vom Park Esplanade, nah zur Altstadt. Wir müssen uns beeilen, um Beate am Flughafen abzuholen. Nach der Rückkehr vom Flughafen gehen Brigitte, Nicole und Beate in die Stadt. Ich bleibe im Hotel. Meine Beine wollen es so. Ich sitze auf der Hotelterrasse und lese darüber, wie Deutsche in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und nach der Jahrhunderwende in Lettland lebten, wie sie mit der Mehrheitsgesellschaft zurechtkamen oder auch nicht*,**:

Das Leben und Zusammenleben der Deutschbalten*,**

Von jeher haben es die deutschen Herren des Landes zu verhindern gesucht, daß die Letten und Esthen zu deutschen Gewerben und anderen nicht mit dem Ackerbaue in Verbindung stehenden Beschäftigungen übergingen„.***

Mitte des 19. Jahrhunderts dominierten Deutsche die lettischen Städte – besonders natürlich Riga. Die Stadt war deutsch, bis die einsetzende Industrialisierung das Bild dramatisch veränderte. Lag 1867 der Anteil der Deutschen in der Stadt bei 43%, war er 1913 nur noch bei 16%. Immer mehr Letten gelangten zu Bildungsmöglichkeiten, dadurch zu sozialem Aufstieg, ihr Selbstbewusstsein wuchs. Den Deutschen gefiel das weniger. Sie nahmen die lettischen Mitbürger nicht in ihre gesellschaftlichen Kreise auf, hielten Distanz zu ihnen und und blieben weiter unter sich. Kontakte zu Letten hatten sie nur, soweit diese ihre Dienstboten, Angestellten, Untergebenen waren. Besonders in den Städten war die ethnische Zugehörigkeit für Deutsche bedeutsamer als es Klassenschranken waren. Doch die Deutschbalten werteten sehr wohl auch eigene Landsleute nach ihrer sozialen Stellung. Bis 1939 und später noch war ständisches Bewusstsein präsent. Wenn Balten sich begegneten, fragte man durchaus, welchen Namen er trug, was für eine „Jeborene“ sie war. Adlige Herkunft oder die aus einer „Literaten“-Familie wurden höher bewertet als jene aus dem Kaufmannstand. „Literaten“ nannte man Geistliche, Juristen, Ärzte, Wissenschaftler. Mit ihnen pflegten Adlige gesellschaftlichen Umgang, wenig jedoch mit dem übrigen Teil der Deutschbalten, mit Handwerkern oder Kaufleuten. In der  kurländischen Provinz war das allerdings schon während der Jugendzeit meiner Mutter anders. Kurländischen Literaten wurde eine gewisse Adelsgegnerschaft nachgesagt und es kam auch vor, dass Adlige gesellschaftlichen Kontakt zu Deutschbalten niederer Herkunft pflegten. Zwei  Freundinnen meiner Mutter, einer Gärtnerstochter, waren adliger Herkunft. Lebenslange Freundschaft verband die Frauen.

Ein wichtiger Teil gesellschaftlichen Lebens war die musische Betätigung, sei es gemeinsames Lesen, musizieren oder Theaterspiel, wie meine Mutter es beschreibt: Mama hat mit uns viel gesungen, d.h. sie begleitete unsere Kinderlieder nach Noten auf dem Klavier, hat mit uns Sing- und Rundspiele gemacht, aber was das schönste war – jeden Sonntagmorgen wurden wir durch einen Choral geweckt! Wenn dann hinterher noch ein flotter Walzer gespielt wurde, war es bestimmt Zeit zum Aufstehen. So war die Musik von klein auf für uns selbstverständlich und hat uns immer durch unser Leben begleitet…. Großvater Rohde liebte es, wenn seine jüngste Tochter ihm die Loeweschen Balladen vorsang, besonders „Die Uhr“ und “Tom der Reimer“. Welch ein Reichtum ist uns durch unsere Freude an der Musik geschenkt! Wir vier Kinder hatten alle Klavierstunden, d.h. unser Bruder Willy spielte Geige, mit wenig Anleitung  aber großer Ausdauer und Freude. Als wir größer wurden, gab es bei uns an den Sonnabenden oder am Sonntag Konzert. Ein feldgrauer Feldwebel, Herr Ahlschläger, und Willy spielten Geige, die Schwestern begleiteten 4-händig und wir sangen mit Begeisterung wie uns der Schnabel gewachsen war alte Volkslieder oder wagten uns an Schubert oder Loewe heran. Auf diese Art lernten wir die Komponisten kennen und lieben und es ist mir heute noch wie ein Gruß aus fernen Tagen, wenn ich diese Lieder höre.****“. Und meine Tante ergänzt:  „… auch lud unsere baltische Dichterin Elisabeth Goercke, deren Vater in Talsen eine Apotheke besaß, einen Kreis von jungen Menschen ein Mal wöchentlich zu einem Leseabend ein, an dem wir hauptsächlich die nordischen Dramatiker lasen: Strindberg, Ibsen, Björnson***** Im Elternhaus meines Vater gehörte gemeinsam betriebener Sport wie Reiten, Tennisspiel und Schwimmen in der Aa (Gauja) oder Skilaufen im Winter zur gesellschaftlichen Betätigung. Auch dabei blieb man im Kreise der deutschen Mitarbeiter der Papierfabrik in Ligat. Das galt für die heranwachsenden Jugendlichen ebenso, wie für die leitenden Angestellten der Fabrik, die ausschließlich Deutsche waren, während „ alle Arbeiter, Vorarbeiter, Meister und Unterangestellte im Büro Letten waren******, schreibt Georg von Krusenstjern in seinen Jugenderinnerungen über seine Zeit als Praktikant in den 1920er Jahren und dann weiter:  „Also diese Deutschen bewohnten alle recht schöne herrschaftliche Villen in gepflegten Gärten. Hier wurde ich, nach gemachten Antrittsvisiten, wie ein Sohn aufgenommen, immer wieder zu Mahlzeiten eingeladen und fand bei der Jugend netten Anschluss. Der technische Direktor war Ingenieur Burmeister, Baltenphilister, also Farbenbruder von Papa. Er hatte eine reizende Frau, die mir bald mütterliche Freundin wurde. Es gab mehrere Kinder, alle etwas jünger als ich, aber ich befreundete mich bald mit ihnen. Ich habe hernach, namentlich in der schönen Jahreszeit, mit ihnen herrliche Wanderungen in die hübsche Landschaft Südlivlands unternommen. Auch traf man sich zum Baden, spielte Tennis und Spiele aller Art und trieb Sport. Die Kinder des Hauses hatten im Sommer oder in den Ferien  und Wochenenden häufig gleichaltrige Verwandte oder  befreundete Jugend zu Besuch  und es ging recht fröhlich zu … ******“     

Ich bestelle mir bei der sehr freundlichen lettischen Kellnerin ein Bier. Mir fällt auf, wie erfreulich sich in den vergangenen zehn Jahren der Umgangston des Hotelpersonals geändert hat. Bei unserem ersten Besuch in Riga waren wir in Hotels und Restaurants nur sehr schweigsamen Menschen mit eher abweisender Körpersprache begegnet und Gesichtern, die auszudrücken schienen, dass man wenig willkommen ist. Wie anders heute: freundliche, meist junge Menschen, Englisch sprechend, dem Gast zugewandt. Ich frage mich, wie Letten uns Deutsche heute wohl sehen mögen, heute fünfundsiebzig Jahre nach dem Wegzug unserer Vorfahren, nach Nazibesatzung und der langen sowjetischen Periode. Ich vermute, es gibt auch in diesem Land ein verbreitetes Bild von Deutschen.

In der Zeit unserer Eltern und Großeltern war es ziemlich negativ. Uns deutsch- baltischen Nachkommen wurde das Bild kulturbringenden und segensreichen Wirkens der Deutschen vermittelt. Sicher war es auch das. Die Kehrseite aber war, dass Letten mehrheitlich nur als Dienstboten und Arbeiter, auf dem Lande als Knechte wahrgenommen wurden.  Viele Deutsche hielten das für die göttliche Ordnung, wie der Satz des deutschbaltischen Kunsthistorikers (Georg Dehio) von 1927 belegt: „Zunächst ist nicht zu vergessen, dass die Esten und Letten keine eigene Kultur besitzen und schwerlich jemals besitzen werden*******    Letten sahen in deutschem Auftreten den Habitus von „Herrenmenschen“, von „Baronen“, die das Mehrheitsvolk geringschätzten:  Der Deutsche, der „Baron“ baute seine Politik im Baltikum auf der russischen Regierung, auf der Macht des russischen Tschinownik (Beamten) auf. Das Volk – der Lette, der Este  – war eine quantité negligeable, war nicht der Rede wert“, beschreibt ein Lettischer Journalist noch 1934 die Haltung der Baltendeutschen und fährt fort: „und die Folge dieser verhängnisvollen politischen Einstellung der Deutschbalten ist die, dass die Deutschen nach wie vor als „Erzfeinde des lettischen Volkes“ angesehen werden. Der Deutschbalte steht heute dem lettischen Volke gegenüber ebenso fremd und daher ebenso feindlich da, wie ehedem.******** Während der Industrialisierung war ein lettisches Proletariat entstanden und mit ihm auch eine junge Generation marxistischer Akademiker. Hatten schon konservative lettische Intellektuelle eine Nationalbewegung Ende des 19. Jahrhunderts ins Leben gerufen, gehörten für Sozialdemokraten neben den sozialen und sozialistischen Forderungen auch die  nach einer von Russland unabhängigen lettischen Republik zum Kanon. Zum lettischen Feindbild vom  ‚deutschen  Baron‚  kam später das der ‚zaristischen  Autokratie hinzu –  ein doppeltes Joch, das in der Revolution 1905 abgeschüttelt werden sollte.

Deutsche hatten während des 1. Weltkriegs gehofft, die russischen Ostseeprovinzen würden Teil des Deutschen Reiches werden, eine Depesche des von deutschbaltischen Adligen dominierten Kurländischen Landesrates belegt das:„Kurland, Livland und Estland  sollen zu einem gesamtbaltischen Staat zusammengefügt werden, der mit Deutschland in Personalunion verbunden ist“.  Umso größer die deutsche Enttäuschung, als Lettland und Estland nationale demokratische Republiken wurden und die deutsche politische und wirtschaftliche Dominanz ein Ende hatte. Meine Tante schreibt in ihren Erinnerungen über die Gefühle, als die deutschen Truppen 1919 abzogen: ich sehe die deutschen Soldaten noch vor mir auf dem Bahnhof in Talsen vor ihrer Abreise, mit großen roten Abzeichen auf den Uniformröcken, die meisten betrunken und laut grölend. Uns erfasste eine große Enttäuschung und Trauer, denn wir hatten stets voll Achtung zum deutschen Militär aufgeblickt und gehofft, der Krieg würde von Deutschland gewonnen und unser Land würde dem deutschen Reich einverleibt werden. Hatte doch der deutsche Kaiser in Mitau gesagt: „Wir stehen hier auf deutschem Boden”. Darauf hatten wir uns verlassen und nun war für uns alles aus!*****.

Während der deutschen Besetzung flohen Letten zu Tausende aus dem besetzten Kurland nach Riga und ins Reichsinnere Russlands. Nach dem Ende der deutschen Besetzung stellten sie klar, dass „das lettische Volk nach wie vor den Standpunkt der Unteilbarkeit Lettlands, des Selbstbestimmungsrecht des Volkes und der Selbstverwaltung vertritt“. 

Mit dem Ausgang der Schlacht von Cesis 1919 war dieses Ziel erreicht: Die unabhängigen Staaten Lettland und Estland wurden gegründet.  Für die Deutschen  wog der Verlust schwer, Fremdheitsgefühl kam auf, eine starke Abwanderung ins deutsche Reich setzte ein. Für alle Zurückbleibenden galt, die ethnische Eigenständigkeit auch unter den neuen Bedingungen zu verteidigen, doch dies auf verschiedenen Wegen. Die einen wollten die alten Privilegien zurück, den anderen genügten vom Staat akzeptierte Minderheitenrechte auf kulturelle Eigenständigkeit, eigene  Religionsausübung, Sprache und Schulen. Die Letten bauten ihren Staat auf, bis er nach dem Hitler-Stalin-Pakt durch die sowjetische Besetzung zerschlagen wurde und nach erneuter Okkupation durch die Sowjetunion 1944 dann für lange Zeit unterging. Doch Geschichte kennt keine Endgültigkeit: Die Saeima, das Lettische Parlament, erklärte am 4. Mai 1990 die Wiederherstellung der Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Die Sowjetunion droht einzugreifen. Im Januar 1991 verschanzen sich eine halbe Million Menschen in Riga, um die Unabhänigkeit durchzusetzen. Am 20. Januar wird das Innenministerium von Männern in grünen Uniformen – offensichtlich  Spezialeinheiten des sowjetischen Innenministeriums OMON – gestürmt. Nach stundenlangem Kampf mit freiwilligen Verteidigern  ziehen die Truppen sich zurück. Warum, ist wohl nicht endgültig geklärt***. Der Militäraktion war der Blusonntag in Vilnius vorausgegangen. Am 21. August 1991 musste die Sowjetunion die Unabhängigkeit Lettlands dann endgültig anerkennen.


Über das Zusammenleben der Nationen in den Ostseeprovinzen habe ich mich in der sehr aufschlußreichen Arbeit informiert:

*Ulrike v. Hirschhausen: Die Grenzen der Gemeinsamkeit – Deutsche, Letten, Russen und Juden in Riga 1860-1914,  Göttingen 2006

** Ute Hoffmann: Ethnic, Social and Mental Frontiers in Interwar Latvia: Reflctions from Baltic Germans’ Autobiographies, Chemnitz University of Technology

*** G.J. Kohl: Die deutsch-russischen Ostseeprovinzen, Dresden, Leipzig 1841

****  Elisabeth Rohde: Lebenserinnerungen, 1966

*****Herta Martinelli: Erinnerungen von Herta Martinelli, geb. Rohde, 1988

******Georg von Krusenstjern: Ligat – Ein Kapitel aus meinen Jugenderinnerungen, Band II, Lehrjahre

******* Georg Dehio: Vom baltischen Deutschtum, zitiert in:
Hasselblatt, Cornelius: »Forschungsberichte/Erinnerungssuche. Befragungsprojekt iiber die interethnischcn Bezichungcn im Baltikum – hier: Estland und Lcttland – in dcr Zwischenkriegszeit.« In: Estland und seine Minderheiten. Esten Deutsche und Russen im 19. und 20. Jahrhundert. Nordost-Archiv Band IV/95,Heft 2. Lüneburg 1995, S. 635-642.

********Mitausche  Zeitung, 10.03.1918, zitiert in: Ulrike v. Hirschhausen: Die Grenzen der Gemeinsamkeit, Deutsche , Letten,Russen und Juden in Riga 1860-1914,  Göttingen 2006