Baltikum 2014

Schlacht von Wenden

Wenden hat in der Erinnerung meiner Mutter und ihrer Schwester Herta eine tragische Bedeutung. Hier starb ihr Bruder 1919 im Kampf der Landeswehr gegen eine bürgerliche estnische Armee und lettische Verbände, die keinen deutsch dominierten Staat dulden wollten und ihre neu gegründeten bürgerlichen Nationalstaaten verteidigten. In den Erzählungen meiner Mutter war die Landeswehr die Sammlung enthusiastischer baltischer Jugendlicher gegen den bolschewistischen Terror. Dass es gegen die bürgerlich lettisch-estnische Streimacht ging, kam in den Erzählungen nicht vor. Die Landeswehr vertrieb zunächst die lettisch-sowjetrussischen Truppen aus Kurland und befreite Riga. Dabei putschte sie allerdings auch die lettisch-bürgerliche Regierung Ulmanis aus dem Amt und versuchte, die Machtübernahme von Regierungen der Mehrheitsvölker zu verhindern. Die Schlacht ging für die Landeswehr verheerend aus, brachte vielen jungen Menschen den Tod und besiegelte endgültig das Ende einer deutschen Hoffnung auf die Bildung deutscher Ostseeprovinzen mit Anbindung an das Deutsche Reich, die der deutsche Kaiser den Baltendeutschen während eines Besuches im Juli 1917 in Mitau  versprochen hatte: „Wir stehen hier auf deutschem Boden“, soll er gesagt haben. Was war dem vorausgegangen? Kurland war bereits seit 1915 von deutschen Truppen besetzt, es gab eine deutsche Verwaltung in dem Land, das durch die Flucht vieler Letten während des russischen Rückzuges stark entvölkert war.  Im Herbst 1915  wurden innerhalb der russischen Armee rein lettische Schützenregimenter aufgestellt. Im September 1917 eroberten deutsche Truppen Riga und die baltischen Inseln Ösel und Dagö. In den nicht von Deutschen besetzen Landesteilen waren Arbeiter- und Soldatenräte mit zunehmend radikaler,  bolschewistischer Ausrichtung  entstanden. Auseinandersetzungen zwischen den bürgerlich-demokratischen lettischen und estnischen Parteien und der revolutionären Rätebewegung blieben nicht aus.  Im Dezember 1917 kam es zum Waffenstillstand zwischen Deutschland und Sowjet-Russland.  Die Friedensverhandlungen zogen sich hin. Im nichtbesetzten Livland und Estland hatten die bolschewistisch beherrschten Räte die Macht übernommen und gingen verstärkt gegen “Klassenfeinde” vor, besonders gegen den deutschbaltischen Adel. Dieser richtete dringende Hilferufe an Deutschland. Das Drängen der Ritterschaften auf einen baldigen deutschen Vormarsch war Anlass verschärfter Gegenmaßnahmen durch Sowjet-Russland. Führende Deutschbalten wurden verhaftet und ins Innere Russlands deportiert. Der estnische Arbeiter- und Soldatenrat unterzeichnete am 10. Februar 1918  eine Proklamation, welche “alle Personen, die zum ehemaligen baltischen Adelsstande gehören und deren Männer das Alter von 17 Jahren, deren Frauen das Alter von 20 Jahren erreicht haben, außerhalb des Gesetzes” stehend erklärte, “mit Ausnahme der stillenden Frauen und altersschwachen Greise”*.  Die Friedensverhandlungen wurden abgebrochen, deutsche Truppen begannen den Vormarsch nach Osten. Innerhalb von zwei Wochen waren Livland und Estland im März 1918 besetzt, ein Friedensvertrag mit Russland unterschrieben, Litauen, Kurland, Riga und Umgebung sowie die baltischen Inseln aus der russischen Staatshoheit herausgelöst. Baltendeutsche Barone standen dem von Esten und Letten geforderten Selbstbestimmungsrecht verständnislos und ablehnend gegenüber.  Das “Deutsche Extrablatt” in Dorpat schrieb: “Sie (die Deutschen) kommen! Gott sei Dank, jetzt ist Schluss mit dem dummen Geschwätz vom ‘Selbstbestimmungsrecht”*. Die  Beziehungen zwischen  deutscher Besatzungsmacht und Deutschbalten auf der einen und den nach Selbständigkeit strebenden Esten und Letten auf der anderen Seite waren auf dem Tiefpunkt angelangt. Dann der 9. November 1918: Revolution in Berlin. Der Kaiser flieht nach Holland. Für Deutschland ist der Krieg verloren. Zu den Bedingungen des Waffenstillstands mit den Alliierten gehört der Rückzug aller deutschen Truppen aus den ehemals russischen Gebieten. Auflösungserscheinungen in den deutschen Besatzungstruppen, viele verlassen ihre Stellungen, im Libauer Kriegshafen meutern deutsche Matrosen. Unruhen in Windau, Soldatenräte entstehen. Die Rote Armee ist  nun eine Armee aus den lettischen Schützenregimentern der Zarenzeit und lettischen und russischen Arbeitern und Bauern. Am 11. November  riefen das estnische und lettische Bürgertum den »Freistaat Estland« und am 18. November die »Lettische Republik« aus. Diese neuen Staaten wollten ihre Unabhängigkeit mit Hilfe der siegreichen Entente erlangen. Gleichzeitig bildeten lettische  Fabrik- und Landarbeiter unter Führung der Bolschewiki das revolutionäre Militärkomitee Lettlands und örtliche Revolutionskomitees mit bewaffneten Kampfgruppen. Jetzt ging es für die baltische Oberschicht nur noch um das Überleben, das die Baltische Landeswehr sichern sollte. Die neuen bürgerlichen Regierungen sahen all das mit Argwohn. Zu Beginn 1919: Riga wird rot. Viele Deutsche fliehen. Vorher – schon im Dezember 1918  – war die  Sowjetrepublik Lettland ausgerufen worden. In Estland begann der Gegenschlag weißgardistischer Truppen von Norden her. Für die Landeswehr verbesserte sich die strategische Lage und sie begann Kurland zurückzuerobern. Überall Racheakte und Terror, Rote erschossen Weiße, Adlige, Pastoren, Weiße töteten Rote und solche, von denen man glaubte, dass sie zu den Roten gehörten. “Wir jagten durch Kurland. Überall bellten Maschinengewehre, Häuser brannten, gefangene wurden an der Landstraße niedergemetzelt. Ich sah die ruhigen bärtigen Gesichter von Bauern, die noch ein Kreuz schlugen vor dem Tode. Ich sah das verzerrte Gesicht eines erhängten Kommissars. Auf den Straßen in den Städten – Leichen, die Schädel zertrümmert“**.  Der 14jährige Lehrling der Gärtnerei Rohde in Talsen wurde auf dem Hof von Weißen erschossen – als Spion.

Trotz des Widerstandes der Entente und der bürgerlich-lettischen Regierung kam es zum Sturm der Landeswehr und eines reichsdeutschen Freikorpsverbandes auf Riga. Vorher war die Regierung Ulmanis in einem Putsch gestürzt und der deutschfreundliche lettische Pastor Niedra gegen den Willen der Briten zum neuen Ministerpräsidenten ernannt worden. Die Roten wurden im Handstreich aus Riga vertrieben, flohen  nach Lettgallen und waren, weil sie im Kampf gegen die weißen Truppen Koltschaks gebraucht wurden, fort aus dem Land. Euphorische Stimmung bei den Baltendeutschen. Für die Landeswehr änderte sich der Gegner: Nun ging es nicht mehr gegen die Roten, sondern um die Frage der Vormachtstellung in den Ostseeprovinzen,  Deutschbalten oder bürgerliche Esten und Letten. Das sollte die Schlacht bei Wenden entscheiden, in der Landeswehr, Freikorps und Niedra-Letten gegen  lettisch-estnische Verbände kämpften und vernichtend. geschlagen wurden. …dann deckten uns Granaten zu, schwere Artillerie. Man musste ausschwärmen, Deckung nehmen. Schwere Verluste, die schwers ten des ganzen Feldzuges. Beim Aufbruch lagen Kameraden als zerrissene Leichen am Wege. Ich sah, wie die Erde schwarze Klumpen von Dreck und Steinen erbrach. Ich sah ein totes Pferd, blutunterlaufene Augen, die weit aus den Höhlen traten. Ich sah Bauernhäuser stürzen, eine Scheune in Flammen , eine Schafherde sinnlos ins Feuer rennen. Unheimlich klang das Blöken der brennenden Tiere..**.“ beschreibt Steenbock-Fermor als Teilnehmer dieser Schlacht sein Erleben. Der Kampf der Landeswehr gegen die Roten endete als Kampf gegen Letten und Esten, die legitimerweise ihren eigenen Staat wollten. Die Niederlage der Deutbalten war ein Sieg der Esten und Letten. Im Gedenken daran begehen die Esten  den 23. Juni als Nationalfeiertag***.  Am 23. Juni 2014,  dem 95. Jahrestag der Schlacht, nahmen die Präsidenten Lettlands und Estlands gemeinsam in Cesis eine Militärparade ab. Eine deutschbaltische kritische Sicht auf diese Ereignisse kann beim Gründer der Deutsch-baltischen Fortschrittlichen Partei Eduard von Rosenberg  nachgelesen werden****.


*Herbert Becker:  Das Baltikum ( Kurland , Livland , Estland , Litauen ) und die Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk 1917/18 , Erw. Fassung des Vortrages in der Freien Universität Berlin / FB Geschichtswissenschaften am  9. Juni 1988

** Alexander Graf Stenbock-Fermor: Der rote Graf. Autobiographie. Berlin 1973

*** Karsten Brüggemann: Estnische Erinnerungsorte: Die Schlacht von Wenden gegen die Baltische Landeswehr im Juni 1919 als Höhepunkt der nationalen Geschichte, Eurozine

**** Eduard von Rosenberg  Für Deutschtum und Fortschritt in Lettland Riga 1928