Baltikum 2014

 

Sprache der Deutschbalten

Wir sind im Land unserer Vorfahren. Jetzt hätte ich gern meinen Vater hier, um Fragen nach dem „Früher“ zu stellen, die Antworten in der den Deutschbalten eigenen Sprache zu hören, eine Sprache, die Deutschen im Reich merkwürdig vorkam, deren Ausdrücke vielfach nicht verstanden wurden und “an der Balten selbst bei Orkangeräuschen auf Meilen gegen den Wind zu erkennen waren“*.
Einfluss auf diese Sprachfärbung soll das Niederdeutsche gehabt haben. Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde in den baltischen Ostseeprovinzen durchaus noch Platt gesprochen, habe ich gelesen, nicht verwunderlich, kam doch ein Großteil der deutschen Einwanderer aus dem niederdeutschen Sprachraum, aus Westfalen, Bremen, Hamburg, Lübeck, Mecklenburg. So hatte es mein Vorfahr gewiss nicht schwer, sich verständlich zu machen, denn ich gehe davon aus, dass Hochdeutsch ihm fremd war.

Im Laufe der Jahrhunderte hatte sich ein eigenes Idiom entwickelt mit einer eigentümlichen Sprachmelodie, speziellen Ausdrücken unterschiedlichen Ursprungs, sei es aus dem Lettischen oder Estnischen, dem Jiddischen oder Russischen. Begriffe, die meine Eltern gebrauchten, wurden nach der Flucht in Mecklenburg oftmals nicht verstanden. Mein Bruder hat einen fiktiven Satz erfunden, der – natürlich so nie gesprochen – eine Reihe idiomatischer Ausdrücke zusammenfasst: “Wai Erbarmung, Kinderchen, wir müssen uns doch auch um solche Paschpuiken (Straßenjungen) kümmern, die in ihren abgekankerten (schäbigen) Lupatten (Lumpen) auf der Straße herumdammeln (herumlungern) oder sich völlig bedripst (beklommen) in die Buschkaden (ins Gebüsch) schlagen, auch wenn darunter so mancher Knot (ungehobelter Mensch) sein sollte. Mir wird ganz koddrig (übel), wenn ich das besehe.“ Wir kannten auch „Goggelmoggel“ (mit Zucker schaumig geschlagenes Eigelb) und „Komm-Morgen-Wieder“ (gerollte Eierkuchen mit Fleischfüllung), wir wussten, dass „Manna“ Griesbrei ist, „Bubbert“ eine wunderbare Süßspeise und ein Zubiss zum Schnaps „Sakuska“ heißt. Wir aßen gern „Schmalunz“ (geschlagenes Obstmus) oder “Kissell” (Fruchspeise) und ein „Ochsenauge“ (Spiegelei), bekamen aber niemals wirklichen „Schmantschaum“ (Schlagsahne), einen Luxus, den man sich nach dem Kriege nicht leisten konnte. Wir freuten uns jedoch, wenn unsere Mutter „Gelbbrot“ (Rosinenbrot mit Safran) gebacken hatte.

Wenn ich Siegfried von Vegesack lesen höre, meine ich, mein Vater spricht.
Siegfried von Vegesack liest einen Ausschnitt: “Woran ich glaube”:

Das deutsche Idiom war in Riga bis zur Russifizierung 1880 durch Alexander III. die Sprache der Stadt – jedenfalls die ihrer gebildeteren Einwohner unabhängig ihrer ethnischen Wurzeln. Auch in der Provinz war Deutsch die Sprache der Gebildeten, selbst in Petersburg. Aber schon 1850 gab es Versuche durch das offizielle Russland, Russisch zur Amtssprache zu machen, ohne jedoch das Deutsche aus den ständisch geprägten Behörden und Gerichten zu verbannen, wie es später geschah.


* Patrick von zur Mühlen: Baltische Geschichte in Geschichten, Tallinn 2012