Baltikum 2014

Lettland

Unter grauem Himmel geht es weiter nach Norden. Die Landschaft ändert allmählich den Charakter. Zuerst noch viele Weiden ohne Kühe in plattem Land. Je weiter wir nach Norden kommen, umso waldreicher wird es. Zwischen Litauen und Lettland. wieder keine fühlbare Grenze,
Wir verlassen die Autobahn, fahren auf kleinen Straßen an einem Stausee entlang durch Oberkurland, dann durch Lettgallen, meistenteils durch Wälder. Es gibt wenig Ortschaften, das Land ist fast menschenleer. Hier soll in alten Tagen eine sehr gemischte Bevölkerung gelebt haben, bestehend aus Letten, Litauern, Polen und russischen altgläubigen Orthodoxen, der nachgesagt wird, dass sie „Pferdediebstahl, Straßenraub und Branntweinschmuggel allen übrigen Beschäftigungen vorziehe “. Und weiter heißt es bei meinem Gewährsmann aus dem 19. Jahrhundert: „Der abweichende Charakter dieses verkommenen Winkels theilt sich zuweilen selbst dem Adel mit, der sonst ein rein deutsches Gepräge trägt; der oberländische Baron hat in vielen Fällen etwas von der Wüstheit des polnischen Pan, mit dem er stete Berührungen nicht vermeiden kann, und die Frische und Derbheit der kurischen Natur artet hier häufig zur Rohheit und ungezähmter Wildheit aus“*, Hier hat mein Vorfahr Christian-Georg sein eigenes Gut Schmieden erworben, nachdem er zunächst in der Nähe von Dorpat, im estnischen Hellenorm (Helenurme) am Peipussee (Rasina, Mooste, Estland) als Pächter gearbeitet und offenkundig gutes Geld verdient hatte. Wie er kamen viele Deutschbalten ins Land, besiedelten es, nutzten die Privilegien, die schon die Schweden ihnen verliehen hatten und die Zar Peter I. weiter garantierte.

Ab 1721 nach dem Frieden von Nystadt waren die Provinzen Livland und Estland von Schweden an Russland gegangen. Fast 200 Jahre lang gab es keinen Krieg mehr auf dem Boden der baltischen Provinzen, wenn es dort auch nicht immer für alle  gemütlich war. Besonders nicht für die lettischen und estnischen Leibeigenen und Bauern. Peter I. nahm wegen seiner Vorliebe für westliche Kulturerrungenschaften gern Deutsche in seinen Dienst, ebenso hielten es seine Nachfolger. Diese ruhige Zeit muss die folgenden Generationen von Deutschbalten geprägt haben, ihre Sprache, Küche, Eigenarten, Charakterzüge wie Standesdünkel und politischer Konservatismus, Festhalten an überkommenen Sitten und Gebräuchen, Ablehnung von allem, was den statischen Charakter ihrer Lebenswelt tangieren könnte. Diese festen Anschauungen wurden in der lutherischen Kirche und den Studentenverbindungen sozial kontrolliert und somit weitgehend verinnerlicht.