Abschied vom Paradies

Als im Februar 1918 die deutschen Truppen auch Ligat erreichten, rückte für uns ein sehnlicher Wunsch in greifbare Nähe, der Anschluß unserer Heimat an das Deutsche Reich. Es sollte anders kommen, und diesbezügliche Hoffnungen wurden durch die politischen Gegebenheiten in völlig andere Richtungen gelenkt.

Aber auch im Privaten wurden wir gewissermaßen enttäuscht. Wir hatten in den deutschen Soldaten tapfere Helden gesehen, die opferbereit ihr Vaterland gegen die Mißgunst der Feinde verteidigt haben, voller Idealismus in den Krieg gezogen waren, nicht zuletzt, um uns aus dem russischen Joch zu befreien und heimzuholen. Sicherlich haben wir auch solche Soldaten und Offiziere getroffen, die voller Edelmut in den Krieg gezogen waren, aber auch viele andere, deren Auftreten keineswegs mit dem idealisierten Bild, das wir uns gemacht hatten, übereinstimmte. So waren wir doch wohl eher enttäuscht von diesen „Helden“. Wir trafen auf Menschen, die viele Strapazen hinter sich hatten, Not und Tod erleben mußten, viele nicht ganz freiwillig, weit weg von ihrem Zuhause sich unter kümmerlichen Bedingungen durchschlagen mußten und einfach kriegsmüde waren. Da machte sich dann auch Trägheit breit, sogar nackter Egoismus und Rücksichtlosigkeit. Wir bekamen alles zu spüren. So empfanden wir selbst bald die neue Situation eher als Belastung und nicht so sehr als Befreiung.

Der Krieg war über die Papierfabrik hinweggefegt und hatte ihr die Fähigkeit genommen, weiterhin zu produzieren. Verlassen und tot lagen die Produktionsräume. Verstummt war der leise Pulsschlag der schaffenden Maschinen, dem wir so gern an den Sommerabenden in Garten oder Veranda sitzend gelauscht haben. Für unseren Vater gab es nichts zu tun, auch war nicht abzusehen, wann dieser Zustand ein Ende finden würde. So mußte Papa sich umsehen, eine neue Arbeitsmöglichkeit zu finden. Im Lande selbst war es ziemlich aussichtlos. Da wollte er sich denn nach Deutschland orientieren und bekam auch tatsächlich zwei Angebote, eines aus Mönchen-Gladbach von einer größeren Papierfabrik, das andere von einer kleineren Papierfabrik aus dem sächsischen Niederhelmsdorf, ein kleiner Ort in der Nähe von Pirna. Er entschied sich, ins Sächsische zu gehen, weil ihm dort eine größere Selbständigkeit zu winken schien.

Es mag wohl September gewesen sein, als sich der Vater auf die Reise nach Deutschland begab, um die neue Arbeit aufzunehmen. Unsere Mutter sollte danach beginnen, den Hausstand in Ligat allmählich aufzulösen und ihm dann mit der Familie folgen. Wir Kinder fanden es herrlich, versprach uns doch die Zukunft ein neues Leben. Je näher aber der Zeitpunkt der weiten Reise rückte, um so mehr kamen die Gedanken auf, vielleicht etwas für immer zu verlieren, was uns lieb war, die Heimat. Da wurde uns doch etwas beklommen zu Mute.

Im November traf uns ein Donnerschlag! In Deutschland war die Revolution ausgebrochen, und der Kaiser hatte abgedankt. Das konnte Schwierigkeiten geben, welcher Art, war noch nicht abzusehen. Mammi jedenfalls machte sich Sorgen. Aber dann zeigte sich auch, daß das deutsche Heer unsere Heimat verlassen werde. Es kam zu Auflösungserscheinungen. Die einst als Sieger eingezogenen deutschen Soldaten wirkten jetzt recht jämmerlich und wollten nur noch nach Hause. Tatsächlich begann ein Rückzug, und die sowjetisch-bolschewistischen Soldaten rückten nach. Die Lage wurde brenzlig und war völlig unübersichtlich. Es bestand die Gefahr, daß wir überrannt würden. Zu der Sorge, wieder in russische Hand zu kommen mit all den damit verbundenen Gefahren, kam hinzu, daß wir höchstwahrscheinlich vom Vater abgeschnitten würden.

Außerdem sah unsere Mutter ihrer Niederkunft im April entgegen. Alle guten Freunde rieten uns, so schnell als möglich das Land zu verlassen, selbst unter Zurücklassung des gesamten Hausstandes. Das bestimmte schließlich unser Handeln und zwar schnell, denn mittlerweile war bereits der Dezember herangerückt. So weit so gut, doch Lisi fehlte. Sie war zusammen mit Rena und Fred Bukowski im September in Riga eingeschult worden, und alle drei sollten erst zu den Weihnachtsferien nach Hause kommen. Man konnte die Kinder doch nicht ihrem Schicksal überlassen. Telefon und Telegraph waren bereits nicht mehr in Betrieb, somit eine Verständigung nicht mehr möglich. Wir hatten erfahren, daß am folgenden Tag nur noch ein einziger Zug nach Riga gehen würde. Den mußten wir unbedingt nehmen. Aber in Riga war man längst genauso unruhig und hatte die Kinder frühzeitig nach Hause geschickt. Lisi stand am Abend vor unserer Abreise in der Tür. So konnten wir am kommenden Morgen abfahren.

Zunächst sollte die Reise nach Riga gehen. Ich sehe noch den tristen, grauen Dezembermorgen vor mir, an dem wir zum Aufbruch rüsteten. Einiges von unserem Hausrat war schon in Riga, anderes, sogar das meiste, stand noch in der Wohnung, verpackt zwar, aber der Möglichkeit beraubt, noch abtransportiert zu werden. Wir hatten die letzte Nacht in der eigenen Wohnung nur noch kampierend zugebracht, nervös und überreizt. Die Zeit drängte. Da stellten wir fest, daß mein Ausweis, ein Interimsausweis der deutschen Besatzungsbehörde, fehlte. Er fand sich zum Glück in einem bereits verpackten, aber nicht mehr zu befördernden Schrank. Dieser Schreck so kurz vor Schluß raubte unserer Mutter vermutlich den letzten Nerv. Der schmerzvolle Abschied von Minna bleibt mir in Erinnerung. Und dann fuhren wir auf Schlitten zum Bahnhof, fanden den Zug noch vor, auch unser Reisegepäck, das bereits am Vortage verladen worden war, doch keine Lokomotive. Die kam etliche Stunden später und zog uns funkensprühend und schnaufend gegen Riga.

Wir kamen bis zum Vorortbahnhof Kaiserwald, weiter nicht. Inzwischen war es finster geworden, und zu allem Überfluß verbreitete sich das Gerücht, daß mit Plünderern zu rechnen sei. Eine tolle Aussicht, in der Kälte festzusitzen und ausgeraubt zu werden. Irgendwie bekamen wir aber Hilfe von der „Brauerstraße“, dem Stadtkontor der Papierfabrik. Von dort wurden Pferdegespanne geschickt, die uns und alle anderen aus Ligat Ausgereisten, nach Riga hineinbrachten.

Man kam bei Bekannten, Freunden oder Verwandten unter, eine Selbstverständlichkeit unter den deutschen Familien. Doch das Weiterkommen nach Deutschland war für meine Mutter das eigentliche Problem. Wir verlebten ein trübes Weihnachtsfest, waren beunruhigt, hörten von Überfällen und deutschfeindlichen Aktionen. Auch waren Schüsse zu vernehmen, wenngleich man noch nichts von Kampfhandlungen erfahren hatte. Es war einfach eine Endstimmung, strapaziös und unwirklich. Selbst in den häßlichsten Tagen während die russischen Streitkräfte uns in Ligat besetzt hatten, waren wir nicht so nervös wie hier in Riga zum jetzigen Zeitpunkt. Schließlich aber hatte Mutter eine Möglichkeit der Weiterreise gefunden. Am 30. Dezember sollte ein Schiff in Richtung Danzig auslaufen.

Wir kamen pünktlich zum Hafen und sahen das Schiff, ein kleiner Frachter, der als Flüchtlingstransport fungieren sollte. An Bord stellte sich bald heraus, daß es auch unter uns Balten nicht nur edeldenkende und zuvorkommend handelnde Personen gab. Wir erlebten, wie der Träger eines großen Namens in rücksichtsloser und anmaßender Weise mehrere Kabinen für sich und seine Familie belegt hatte, ohne sich um all die Frauen und Kinder zu scheren, die sich mit den wenig übriggebliebenen Kabinen und der Offiziersmesse begnügen mußten. Daß die Männer und jungen Leute es sich im Laderaum gemütlich machen sollten, war zu verschmerzen, aber daß eine schwangere Frau, wie meine erschöpfte Mutter, keinen rechten Platz finden konnte, sorgte für Erstaunen und bissige Bemerkungen unter den deutschen Aussiedlern.

Die Fahrt begann. Die Heimatstadt versank im Nebel. Uns wurde bewußt, daß dies nach wirklichem Abschied aussah, einem immerwährenden oder einem vorrübergehenden. Wer konnte es sagen? Uns Jungen aber begann die Schiffsreise nun doch zu interessieren. Wir waren vom Reiz des Ungewöhnlichen fasziniert. Der Wind wehte uns um die Nase, und je weiter hinaus wir fuhren, desto kälter wurde es, und der Seegang wirkte sich nachteilig auf das Gemüt aus. Es kroch einem unheimlich die Kehle hoch, und mancher Passagier eilte an die Reling. Wohl denen, die keinen Platz im Laderaum hatten. Dort breitete sich ein fürchterlicher Gestank aus. Unsere Mutter aber, hilfsbereit wie eh und je, dazu erstaunlich seefest, nahm sich der seekranken Kinder an, da so manche Erziehungsberechtigten nur mit sich selbst zu tun hatten und nicht mehr von ihrem Recht, sich den eigenen Kindern erzieherisch zu widmen, Gebrauch machen konnten. Sie waren ebenfalls Opfer der reichlich hochgehenden See. Ich selbst widerstand den Anfechtungen, mein Essen den Fischen zu opfern, sondern kroch mit einigen Jungen im Schiff umher, fand alles spannend und aufregend, geradezu einmalig. Da war nicht an Schlaf zu denken und nicht daran, wie alles weitergehen würde.

Am Silvesterabend lagen wir auf der Reede von Danzig, und die Schiffsleitung wartete auf den Lotsen. Wir wurden nach Neufahrwasser hineingebracht, wo wir dann anlegen konnten. Wir mußten aber vorerst auf dem Schiff bleiben. Wirklich kein schöner Abschluß dieses ereignisreichen Jahres, jedoch symptomatisch! Heimatlos, vertrieben, frierend und übernächtigt, so hockten wir da. Aber wenigstens schaukelte es nicht mehr so entsetzlich.

Am nächsten Tage kamen pferdebespannte Plattenwagen, auf denen das Flüchtlingsgut aufgebaut und die Flüchtlinge obendrauf gesetzt wurden. Man brachte uns nach Danzig hinein. Diese Fuhren erregten einiges Aufsehen bei den Einwohnern, kannte man dort so etwas noch nicht, arme Leute mit ihren wenigen Habseligkeiten. Diesen Menschen wird ein solches Bild in Erinnerung geblieben sein, als sie selbst ein Vierteljahrhundert später mit Sack und Pack ihren Weg ins Ungewisse antreten mußten.

Ich weiß nicht, ob man uns ein Hotel zugewiesen hatte, oder ob wir uns selbst eine Unterkunft suchen mußten, jedenfalls landeten wir vor einem recht exklusiv wirkenden Portal. Man sah uns zwar mitleidig an, eine schwangere Frau mit drei Kindern, alle übernächtigt und durchgefroren, ließ uns aber doch nur über den Hintereingang ins Haus. Aber als Mammi dem hoheitsvoll blickenden Portier aus dem mitgeschleppten Sack einige Kartoffeln übereignete, war der die Hilfsbereitschaft in Person und leistete uns manchen guten Dienst bei der Weiterfahrt. Der Vater mußte dringend von unserer Reise unterrichtet werden, denn er ahnte ja nicht, was sich ereignet hatte, und wie schon angemerkt, von der Heimat aus waren alle Informationsverbindungen unterbrochen. Es wird ein rechter Schreck für ihn gewesen sein, als er die Botschaft empfing, denn die noch im Umbau befindliche Wohnung war nicht fertig, war noch ein wüster Bauplatz. Und wie sollte alles eingerichtet werden, hatten wir doch nur wenig vom Hausrat mitnehmen können? Man kann sich denken, daß den Vater eine gewisse Panik überfiel, war er doch im ausgehungerten Sachsen selbst beinahe am Ende seiner Kräfte, abgemagert und magenleidend.