Jugendfreunde

Seitdem ich der direkten Obhut von Minna entwachsen war und auch die Nachbarskinder nicht mehr unter der Fuchtel ihrer Kindermädchen oder Bonnen standen, verging kaum ein Tag, an dem wir Kinder uns nicht trafen und miteinander spielten oder – größer geworden – mit anwachsendem Freiheits- und Entdeckungsdrang gemeinsame Streifzüge unternahmen. Allerdings waren wir kein bunter Kinderhaufen, sondern hatten jeder unsere altersgemäßen Freunde, an die man sich vorzugsweise hielt. Burmeisters und Bukowskis waren direkte Nachbarn, folglich ergaben sich daraus auch unter den Kindern ganz natürliche Beziehungen.

Vater Bukowski und mein Vater waren ungefähr gleichaltrig und – wie schon berichtet – Baltenphilister und darüber hinaus in leitender Stellung für die Papierfabrik tätig, Herr von Bukowski als direkter Vorgesetzter meines Vaters. In ihrem Temperament aber waren sie doch wohl recht unterschiedlich, was natürlich wir Kinder sehr schnell begriffen haben und uns darauf einzustellen wußten. Die beinahe gleichaltrigen ältesten Töchter unserer Familien, Rena von Bukowski und meine Schwester Lisi, hatten für die Väter „Donner“ und „Blitz“ gewählt, recht treffend, wie ich finde, denn mein Vater konnte im Zorn sehr laut werden und Vater Bukowski, von Natur aus ein sehr herrisch wirkender Mann, vermutlich ein Erbteil seiner polnischen Abstammung aus gutem Schlachtschitzenhause* besaß eine ziemlich lockere Hand, die blitzartig herniedersausen konnte. Auch unsere Mütter hatten despektierliche Namen von den phantasiebegabten und zu allerlei Dummheiten aufgelegten Mädchen bekommen. Doch daran kann ich mich nicht mehr erinnern, wohl aber, wie eine distinguierte und sich ihres adligen Wertes außerordentlich bewußte ältere Dame zu ihrem Namen kam. Wenn sie, die Schwiegermutter eines der Ligater Herren, einmal in unserem Ort zu Gast war, geruhte sie gelegentlich von ihrem adligen Piedestal herabzusteigen und selbst im bürgerlichen Hause Burmeister kleine Besuche zu machen. Diese hohe Dame nannte sich gern auf Visitenkarten oder wenn sie sich vorstellen ließ „Exzellenz Ebba Baronin von Schilling“. Die naseweisen Mädchen machten daraus höchst despektierlich: „Exlebavoschi“, abgekürzt: „Exleba“.

* Die Adligen heißen auf Polnisch szlachcic (sz = sch, ci = tchi, c = z), woraus im Deutschen das Wort Schlachzitz (oder auch Schlachtschitz) wurde.

Mit dieser Dame hatte ich eines schönen Sommerabends ein kleines persönliches Erlebnis, das mir im Nachhinein einen lächelnd vorgetragenen Verweis meiner Mutter einbrachte. Ich muß wohl noch recht klein gewesen sein. Jedenfalls war es in der Zeit als wir Kinder unser Abendessen noch vor den Erwachsenen einzunehmen hatten, um zeitig ins Bett zu kommen. Wir aßen auf der Veranda. Uns wurden u.a. auch kalte Kotelettchen (Buletten) verabfolgt. Mir wollten sie gar nicht schmecken. Ich spießte sie auf die Gabel, hielt sie hoch über den Kopf und deklamierte dazu: „Flieg, flieg, flieg in den Himmel!“ In diesem Moment betrat die adlige Dame die Veranda, um meine Mutter zu besuchen, warf mir einen entrüsteten Blick zu und mit spitzer Zunge eine Bemerkung, die mich hätte erröten lassen, wenn ich mir meines verderbten Spiels wirklich bewußt geworden wäre. Meine Mutter aber mußte sich von der strengen Sittenrichterin einiges anhören, was sie, wie ich sie kenne, höflich, aber innwendig schmunzelnd, getan haben wird. Sie hatte die ausgesprochene Gabe, sich in Geduld zu fassen und in das Seelenleben des Mitmenschen hineinzuversetzen. So wird sie auch mein Vergehen richtig gedeutet haben.

Etwa in Noras Alter waren bei Bukowskis Anneliese und Gert, Anneliese etwas älter, Gert entsprechend jünger. An dieses Freundschaftsgespann kann ich mich weniger erinnern, waren sie doch alle viel zu jung, um uns, die viel älteren, für ihre Spiele zu interessieren. Es gab noch den ältesten Sohn bei Bukowskis, Lex, einige Jahre älter als ich. Der interessierte uns nur wenig, denn er hatte seine eigenen Freunde. Bei uns gab es jedenfalls keinen, der mit ihm hätte mithalten können. Als junger Mann meldete er sich 1918 voller Begeisterung zur deutschen Armee und wurde Wandsbecker Husar. Schon 1919 aber ist er als Mitglied der baltischen Landeswehr gefallen.

Mein Freund und steter Begleiter jedenfalls war Fred, allerdings auch schon ein Jahr älter als ich, aber jahrgangsmäßig mir noch nahe genug. Wir waren, wie man uns immer wieder zu verstehen gab, zwei offensichtliche Strolche, denn wir strolchten überall umher, kannten jeden Winkel und hatten immer etwas vor. Fred war phantasiebegabt wie seine Schwester Rena und der eigentliche Spiritus Rector unserer Unternehmungen und verstand es, allen Spielen den Nimbus des Abenteuerlich-Romantischen zu geben. Besonders erinnere ich mich unserer Streifzüge durch Ligats Fluren, die meistenteils mit einem phantasievollen Spiel verbunden waren. Entweder machten wir Patrouillenritte (auf Schusters Rappen), um den bösen Feind aufzuspüren, oder wir wurden zu Indianern und Trappern, zuweilen auch zu Forschungsreisenden. Wir versetzten uns selbst in eine Anspannung und erlebten alles das, was wir uns eingebildet hatten, geradezu körperlich. Göttliche Kinderphantasie!

Ligattal

An verschiedenen Stellen in Ligat existieren Sandsteinfelsen, im oberen Ligattal tritt auch Kalkstein zutage. Klettertouren waren folglich sehr beliebt, wenn auch nicht ganz ungefährlich. Wir jedenfalls befanden uns auf verbotenen Pfaden, wenn wir dort herumkrochen. Und doch haben wir manche Schramme davongetragen, und so mancher Sturz endete glimpflich. Für Fred hätte es, denke ich, eine Tracht Prügel bedeutet, wären wir erwischt worden, und ganz bestimmt auch Zimmerarrest, für mich gleichfalls eine harte Strafe, müßte ich dann doch ausharren, bis Fred wieder auf freiem Fuße sei. Ich hätte von meinem Vater allerdings ein kräftiges Donnerwetter zu erwarten gehabt, denn er hat mich niemals geschlagen. Erzieherisch wirkte am stärksten auf mich ein ernstlich-freundliches Wort meiner Mutter. Sie verstand es, mich zu leiten und hat mich wohl vor mancher Dummheit bewahrt. Ihr liebevoller Einfluß ist sehr groß auf mich gewesen, so daß ich mich auch als Erwachsener oftmals fragte, wie hätte Mammi die Sache gesehen.

Eine Zeit lang hatte sie mich unterrichtet, denn nicht immer stand in meinen jungen Jahren ein Hauslehrer zur Verfügung (in die öffentliche Schule bin ich damals nicht gegangen). Einmal ließ sie mich das bekannte Gedicht von Robert Reinick lernen, das mich noch heute beschäftigt, wenn auch aus ganz anderer Sicht. Damals beeindruckte es mich sehr und hat mich förmlich reifer gemacht:

Vor allem eins mein Kind: Sei treu und wahr.
Laß nie die Lüge deinen Mund entweihʼn!
Von alters her im deutschen Volke war
Der höchste Ruhm, getreu und wahr zu sein. usw.

Bei der Erinnerung an unsere Freunde fällt mir ein Erlebnis ein, das mich noch lange Zeit beschäftigt hat, bis nach vielen Jahren die abenteuerliche Färbung zu verblassen begann.

In den ersten Kriegsjahren, wahrscheinlich 1915, hatten wir uns allerlei Kriegsspiele angewöhnt und dazu auch aus Holz, Pappe und Papier soldatische Ausrüstungsgegenstände gebastelt. Hiermit angetan, vervollkommnet durch ein ältertümliches Teleskopfernrohr, zogen wir zu mehreren auf „Patrouille“. Dieses Mal waren auch die Großen, wie Lex Bukowski, dabei, übernahmen naturgemäß die Führung und benötigten uns, die Kleinen, als lenkbares Fußvolk. Das Ziel der Unternehmung war der „Zepurit“, ein Bergkegel, der ziemlich isoliert in der Landschaft steht und diese Bezeichnung zu Recht trug. Durch die „Lielmeschlucht“ und einen ausgedehnten Kiefernwald gelangten wir ans Ziel. Oben angekommen wurde erst einmal Ausschau gehalten, wozu unser Fernrohr treffliche Dienste leisten konnte. Vom nördlichen Horizont her grüßte der Kirchturm von Wenden, ein ca. 20 km entfernt liegendes Landstädtchen, herüber. Nun mußte dringend festgestellt werden, ob dieses Städtchen auch wirklich feindfrei wäre, oder ob sich vielleicht ein Beobachtungsposten auf dem Kirchturm niedergelassen haben könnte. Unsere hohe Führungsgruppe nahm sich dafür viel Zeit, um ja nichts zu übersehen. Unser Hügel war gen Osten und Süden unbewaldet, so daß die hierfür beauftragten Beobachtungstruppen, natürlich die Kleinen, alles wahrnehmen konnten, was sich dort bewegen würde. Und wirklich kam da etwas auf den Berg zu, was unsere Aufmerksamkeit zu fesseln begann. Ein Zweispänner mit zwei Mann fuhr vor. Es entstieg ein Mann mit Gewehr. Der andere wendete das Gefährt und rollte wieder davon. Unsere Anführer entschieden, daß die Situation äußerst gefährlich sei, denn man habe uns womöglich längst im Blick, da man uns für deutsche Spione halte und uns gefangen nehmen wolle. Wir müßten Schutz im tieferen Dickicht suchen. Und als dann in der Nähe auch noch ein Schuß fiel, waren wir restlos verstört. „Die Kugel ist an meinem Ohr vorbeigepfiffen“, behauptete Lex, der Größte, Älteste und Weiseste von uns, nunmehr klein und ängstlich wie wir. Da wurde dann doch lieber zum Rückzug geblasen, der gar nicht schnell genug erfolgen konnte. Ob uns Lex nur schrecken wollte und seine Ängstlichkeit gespielt war, habe ich auch später nicht herausbekommen. Daß es aber am Fuße des Berges nur ein Jäger gewesen sein könnte, der es auf einen Hasen abgesehen hatte – was in den ersten Kriegstagen durchaus denkbar erschien, als selbst die deutschen Bewohner noch Waffen tragen durften – erkannten wir später wohl doch.

Viele Jahre später, schon in der zweiten Ligatphase während der 20er Jahre, hatte ich ein besonderes Erlebnis mit Fred. Ich hatte wohl schon mein Studium begonnen, und Fred befand sich auf der Suche nach einem Beruf, arbeitete als Praktikant in der Papierfabrik. Vielleicht wollte er Papiermacher werden. Er wurde es schließlich nicht, sondern sein Drang zum Abenteuer trieb ihn nach Brasilien, so daß er dann gänzlich meinem Blickfeld entschwand.

Es war Sommer, und die Aa lockte zum Bade. Gewöhnlich ging man vom Badehaus ein Stück flußaufwärts und ließ sich dann, meist auf dem Rücken liegend, abwärts treiben. Die Aa aber galt als heimtückischer Fluß, der viel Sand mitschleppen und unversehens sein Bett ändern konnte, manchmal flach, gelegentlich auch sehr tief war und manchmal eben auch seine Opfer forderte. Mal fließt der Fluß träge dahin, dann schießt er weiß schäumend und wild über Felsbrocken und Kiesel und reißt sich auf in aufbäumenden Stromschnellen. Wir, die wir hier aufgewachsen waren, die Eigentümlichkeit der Aa kannten und ziemlich gut wußten, worin das Gefährdungspotential lag, waren recht gut Freund mit ihr und niemals in wirkliche Nöte geraten.

Einmal aber sollten meine Badefreuden doch nicht so glimpflich abgehen. Es wurde gerade, was öfter vorkam, geflößt, d.h. es trieben Baumstämme im Wasser, die von den Flößern mit langen Stangen entlang beider Ufer abgestoßen und talwärts zu leiten waren. Bei dieser Methode des Flößens kam es an manchen Stellen zu größeren Stauungen. Wir Jungen liebten die wilde Flößung, konnte man doch auf den Balken reiten oder sich festklammern, so schwimmend eine größere Strecke ohne Anstrengung meistern. Nur mußte man darauf achten, daß sich die Balken nicht drehen und andere Stämme einen nicht einklemmen. Auch in der Nähe einer Stauung wurde es gefährlich, da sich mitunter ein kräftiger Sog unter der Balkenansammlung bilden konnte, der imstande war, einen hinunterzuziehen, schon gar, wenn man die Beine unter sich herabhängen ließ. In eine solche Situation war ich geraten. Mein Balken traf auf eine Stauung. Mir zog es die Beine unter die Balken, je mehr ich mich anklammerte, um so mehr begann der Stamm zu rollen, und von hinten traf mich ein weiterer Stamm. Fred, schon auf den Stämmen balancierend, erkannte mein Dilemma, ergriff meine ausgestreckte Hand, zog mich hoch und rettete mir förmlich das Leben. In diesem Fall genügte ein einfaches „Dankeschön“, doch hat sich dies Erlebnis tief in mein Gedächtnis eingegraben und mir so manches Mal im Leben den Mut gegeben, auch die Hand auszustrecken, wenn ein anderer Mensch in Not geraten war.