Die Papierfabrik

Papierfabrik 2015

Die zu meiner Zeit recht modern ausgerüstete Papierfabrik mit ihren zwei großen Papiermaschinen – bis 1916 waren es sogar drei Maschinen – war aus einer altertümlichen Papiermühle, in der bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts handgeschöpftes Büttenpapier hergestellt wurde, hervorgegangen. Dieses damals noch kleine Industrieunternehmen galt als Nebenproduktionszweig von Gut Paltemal, dem das Nebengut Ligat angeschlossen war. Immerhin war die Erzeugung von landwirtschaftlichen Produkten der eigentliche Erwerbszweig. Bis in unsere Zeit hinein gab es in Ligat noch Gebäude, die als Zeugen dieser landwirtschaftlichen Vergangenheit angesehen werden konnten. Hierzu gehörte übrigens auch der bereits erwähnte „Oberspeicher“. Allerdings ist es erstaunlich, daß sich hier überhaupt eine Industrie von solchem Umfang angesiedelt hatte, denn vor der Erbauung der Riga-Pleskauer (Pskow) Bahn (ca. 1893) lag das Gebiet weit außerhalb jeder Verbindung zur weiten Welt. Es wird aber die Wasserkraft der Ligat mit ihren Staumöglichkeiten gewesen sein, die vermutlich bereits im 18. Jahrhundert einen sogenannten „Eisenhammer“, d.h. eine Schmiede, entstehen ließ.

Das Jahr 1858 gilt als das offizielle Gründungsjahr der Feinpapierfabrik Ligat. Damals wurde das Beigut Ligat selbständig und Eigentum einer Aktiengesellschaft. Die Papierfabrikation wurde nun zum Hauptproduktionszweig, doch die ausgedehnte Landwirtschaft blieb als Nebenerwerbsquelle erhalten. Mit der Gründung der Aktiengesellschaft fand auch der Übergang von einer Manufaktur (Papiermühle) zur Fabrikation statt. Der einmalige Doppelcharakter des Unternehmens, Industrie gekoppelt mit Landwirtschaft, hat in vieler Hinsicht das Gesicht meiner engeren Heimat geprägt. So etwas wird es wohl nicht sehr oft gegeben haben, daß eine Fabrik, eingebettet inmitten einer reizvollen Landschaft, nicht störend wirkt, sondern sich selbst in beinahe bezaubernder Weise eingliedert. Dies liegt wohl hauptsächlich daran, daß alle Fabrikanlagen im Ligattal liegen und die Arbeiteransiedlungen sich unaufdringlich an die Höhen schmiegen.

Arbeiterhäuser 2015

Ich sehe mich veranlaßt, einige Worte zu den Arbeiterhäusern zu sagen, waren sie doch recht bescheiden und für einen Fremden sicherlich unansehnlich. Für mich aber gehörten sie in die Landschaft und waren Bestandteil von Ligat. Die langgestreckten, eingeschossigen, beigegetünchten Holzgebäude mit flachem Satteldach lagen locker verstreut, meist als sehr kleine Gruppen nebeneinander, nur auf dem Remdenberg in Form einer kleinen Siedlung beiderseits des Schlackenweges. Sie sollen, wie Reisende berichtet haben, noch heute so dastehen. Die Gesamtbevölkerung von Ligat wurde zu meiner Zeit auf etwa 2000 Menschen geschätzt, darunter waren mehr als 700 Männer und Frauen als Arbeiter und Arbeiterinnen, meist aus der lettischen Bevölkerung, in der Fabrik beschäftigt. Die Verkehrssprache mit den Arbeitern war deshalb auch lettisch, obwohl eine ganze Anzahl der Letten auch etwas deutsch verstehen konnte.

Das Verhältnis der Fabrikleitung zur Arbeiterschaft wies ausgesprochen patriarchale Züge auf. Die Leitung fühlte sich für das Wohl der Arbeiter verantwortlich. So hatte man verschiedene Vergünstigungen eingeführt, zu meiner Zeit bereits Selbstverständlichkeit: neben dem Geldlohn, der dem eines Industriearbeiters im Rigaer Stadtbezirk entsprochen haben mag, erhielten die Ligater Arbeiter freie Wohnung und Beheizung, wobei ihnen Brennholz zur Verfügung stand, soviel sie benötigten. Es gab freie ärztliche Behandlung und Medikamente (immerhin gab es damals noch keine staatlichen Krankenkassen). In Ligat existierten sogar ein Krankenhaus und eine Entbindungsstation, eine freie Schule für alle Kinder (im Rahmen einer Grundschule) mit freiem Schulmaterial. Auf alle Fälle aber erhielten die Fabrikarbeiter Deputate aus den Erzeugnissen der zur Fabrik gehörenden Landwirtschaft bzw. sie konnten sich einiges dazukaufen, was sie für ihr tägliches Leben benötigten und in dem zu ihrer Wohnung gehörenden Blumen- und Gemüsegarten nicht selbst angebaut hatten. Meist hielt man sich Hühner und ein Schwein, eventuell noch eine Ziege und bezog das Futter auch aus der fabrikeigenen Landwirtschaft. Zur Fabrik gehörte auch eine Badeanstalt. Bei uns hieß sie „Pirts“ und entsprach einer finnischen Sauna. Sonnabend für Sonnabend zogen die Arbeiter klappernd mit ihren Holzpantien, in der Hand die typische flache Basttasche mit der frischen Wäsche und unter dem Arm die Birkenrute in die Badestube, eine für Männer, die andere für Frauen. Auch gab es ein Arbeiterklubhaus, das „Gesellschaftshaus“, mit großem Tanzsaal, mit einer Bibliothek, einer Kegelbahn, einem Billardzimmer und einer Gartenanlage.

Aus all diesem kann man ersehen, daß einiges auf sozialem Gebiet getan worden war. Der Geist des alten Ligat entbehrte nicht eines menschlich warmen Zuges, womit nicht behauptet werden soll, daß es sicherlich auch Ungerechtigkeiten, vielleicht auch Härten gegeben haben wird, denn die oberste Aufgabe für die Fabrikleitung und die Arbeiterschaft war natürlich auch damals, daß alles funktionieren solle, es keine Ausfälle zu geben habe und die Wirtschaftlichkeit eines Unternehmens an oberster Stelle stehen müsse. Jeder Mensch an seinem Platz wurde (und wird) danach gemessen, wie er mit seiner Aufgabe fertig wird, letztendlich wie er sich als kleines Rädchen im Getriebe der Firma zu drehen habe. Alles in allem aber schien es ein gutes Klima gewesen zu sein. Ist es da ein Wunder, daß manche Familien schon zu der zweiten oder gar dritten Arbeitergeneration gehörten? Selbst nach der Revolution 1905 funktionierte das Verhältnis zwischen Fabrikleitung und Arbeiterschaft noch recht gut, auch wenn es im Sommer dieses Jahres einmal einen Streik gegeben haben soll, der aber derart friedlich beigelegt wurde, daß später noch mit leichtem Schmunzeln davon berichtet werden konnte.

Nach dem Ersten Weltkrieg hatte sich allerdings manches geändert, denn nachdem die Fabrik 1918 zu existieren aufgehört hatte – die Produktion war wegen der politischen Verhältnisse eingestellt worden – und erst 1921 wieder anlief, hatten sich die Bedingungen und damit auch der Geist grundlegend geändert.
Mein Vater hatte – darüber werde ich an anderer Stelle eingehend berichten – 1918 mit der Schließung der Fabrik seinen Arbeitsplatz verloren und war nach Deutschland gegangen, die Familie kurze Zeit später auch. Als er 1921 aber wieder seine Arbeit in Ligat aufnehmen konnte, hatte es zuvor eine große Veränderung auf der politischen Weltbühne gegeben. 1917 war das Zarenreich zusammengebrochen. Zu ihm gehörte, soweit es nicht vom deutschen Heer besetzt war, auch unsere baltische Heimat. Nachdem aber der Krieg beendet war und die deutschen Heereskräfte das Land verlassen hatten, bildete sich in Riga ein autonomer lettischer Staat (in Reval analog ein estnischer), der bürgerlichen Charakter trug. Doch bald schon wurde dieser neue lettische Staat durch die Invasion der Roten Armee von einer sozialistischen abgelöst. Die lettische Regierung  ging nach Libau, um dort die Ergebnisse der Intervention abzuwarten. Sie hatte tatsächlich Glück.

1919 wurde Riga wieder durch „weiße“ Truppen erobert, darunter auch von der baltischen Landeswehr, eine aus dem ehemaligen deutschen Heer und vielen Freiwilligen aus der baltischen Jugend hervorgegangene Truppe. 1919, nach vielen Kämpfen und Toten, nach heftigem Streit um politische Privilegien und den Besitz des deutschbaltischen Grundbesitzes, hatte sich erneut der lettische Staat etabliert. Die Vorrechte der Deutschen wurden arg beschnitten, was auch in Ligat zu bemerken war.

Inzwischen waren die Hauptaktien in andere Hände übergegangen, und auch eine andere Fabrikleitung hatte die Arbeit aufgenommen. Damit war nunmehr ein neuer Geist eingezogen, mehr auf das merkantile Denken gerichtet, ein Gewinnstreben, das keinen Platz mehr hatte für die warme Menschlichkeit der vorherigen Leitung. Allerdings blieben wenigstens die sozialen Einrichtungen erhalten, wenn auch die Gesundheitspflege nun von der Krankenkasse übernommen worden war.

Noch ein weiterer Umstand machte sich in der Relation vom „alten“ zum „neuen“ Ligat bedrückend bemerkbar. Im alten Ligat saß die Fabrikleitung am Ort des Werkes, ausgenommen ein Stadtkontor in Riga, nach ihrer Adresse, die „Brauerstraße“ genannt. Sie bestand meines Wissens nur aus „Baltenphilistern“ (ehemalige Mitglieder der Studentenverbindung „Fraternitas Baltica“). Wilhelm Mentzendorff war geschäftsführender Direktor zusammen mit Arnold Tiling, der ebenfalls eine Direktorenstellung inne hatte. Nach dessen Tod (1903) wurde ein Triumvirat installiert, natürlich ebenfalls Baltenphilister: als kaufmännischer Direktor Eugen von Irmer, Gustav Petersenn als technischer Direktor und Herr von Bukowski als Produktionsdirektor und der eigentliche Papiermacher. Ihm standen mein Vater als Chemiker und Papiersachverständiger und seit 1904 auch Woldemar Baron von Schilling (übrigens kein Baltenphilister, sondern der Dorpater „Estonia“ zugehörig), ebenfalls Chemiker, zur Seite. Im neuen Ligat jedoch war mein Vater als einziger Baltenphilister übriggeblieben.

An dieser Stelle möchte ich kurz auf unsere Studentenverbindung, die 1865 gegründete „Fraternitas Baltica“ eingehen. Wie gesagt, die Fabrikleitung bestand größtenteils aus Baltenphilistern – „Alte Herren“ nannte man ehemalige Farbenstudenten in Deutschland –, die sich durch das Farbband (bei den „Balten“ „rot-grün-gold“) für das ganze Leben miteinander „verbunden“ fühlten. Man duzte sich untereinander, und kam man in ein Haus, in dem gleichfalls diese Farben beheimatet sind, war sofort mit dem Farbträger der Kontakt hergestellt. Man fand (und findet noch heute) überall dort eine innige Aufnahme wie bei einem nahen Verwandten oder einem guten Freund. Auch zwischen den Familien bestand ein enger und freundschaftlicher Kontakt. So ist es nicht verwunderlich, daß man sich gegenseitig schätzte, unterstützte und in angesehene Stellungen brachte, sofern man die Möglichkeit dazu hatte.

Diese sehr engen Beziehungen zwischen den Familien der Werksleitung im alten Ligat zeitigten eine Erscheinung, die man vielleicht aus heutiger Sicht als negativ bezeichnen könnte, damals aber für selbstverständlich hielt: Durch sie wurde der im Baltikum ohnehin stark ausgeprägte Kastengeist noch mehr unterstrichen. Persönlichen Verkehr pflegte man nur innerhalb einer „Clique“, und kam ein Neuling hinzu, sah man ihn erst genauestens an, ehe der Verkehr eröffnet wurde. War der Mensch Akademiker, bestanden keinerlei Bedenken, ihn heranzulassen, war er gar „Balte“, öffneten sich ihm schnell alle Türen. Ein anderes Kriterium aber, für das gesamte Baltikum typisch, war sodann die Familie, also die Herkunft des Neuankömmlings. Auffallend allerdings war eine Erscheinung: es wurde niemals nach Geld und Besitz gefragt, eben nur nach der „Kaste“.

Die Beziehungen der Ligater Familien, damit sind die deutschen Familien gemeint, waren in meiner Erinnerung einzigartig. Jeder war für den anderen da, und niemals hat es irgendwelche Mißhelligkeiten untereinander gegeben, weder Rangstreitigkeiten noch persönliche Animositäten. Wenn Familien in einem so engen Kreis zusammenleben und völlig aufeinander angewiesen sind, ist ein solcher Zusammenhalt von größter Wichtigkeit. Die Frauen besuchten sich untereinander und tauschten Freud und Leid miteinander aus, doch im allgemeinen war „eingeladener“ Verkehr vorherrschend. Das allerdings lief meist darauf hinaus, daß die Damen eine Gruppe für sich bildeten, um zu schwatzen und die Männer sich zurückzogen, um Karten zu spielen und dazu Bier zu trinken.