Elternhaus und Garten

Einunddreißig Jahre lang, bis zum Tod meines Vaters im Jahre 1936, ist unser Haus am Hang des Ligattales das Zentrum meines Seins gewesen. Selbst in der Zeit zwischen 1919 bis 1921, die wir in Deutschland verbringen mussten, hatte es seine Anziehungskraft nicht eingebüßt. Zu ihm und zum Garten, ja zur ganzen Landschaft um uns herum fühlten wir uns dazugehörig. Nun, da ich dieses schreibe, sind mehr als weitere dreißig Jahre vergangen. Wir mussten unsere Heimat endgültig verlassen, und das Tor unseres Paradieses hat sich für immer hinter uns geschlossen. Das Gefühl dazuzugehören, hat sich aufgelöst, jedoch lebendig und zum Greifen nahe stehen Haus und Garten so vor meinem geistigen Auge, wie ich beides erlebt habe.
Elternhaus 1925

Unser Haus war ein Holzgebäude, wie es in der Gegend viele gab. Wenn ich hier von „unser“ rede, so ist das juristisch betrachtet eine Hochstapelei, denn das Haus gehörte zur Fabrik und war dem Vater zur Nutzung überlassen worden. In Ligat aber galt es allgemein als „das Burmeistersche Haus“.

Wir wohnten im Hochparterre. Darüber befand sich eine weitere Etage mit ursprünglich zwei Wohnungen. Unsere Familie bewohnte jedoch das gesamte Haus und hatte dadurch genügend Platz. Es gab drei Wohn- und vier Schlafzimmer, mehrere Küchenräume, eine geräumige Speisekammer, eine Stube für ein Hausmädchen und ein Badezimmer mit Toilette. Es war nicht üblich, dass die Hausfrau einer so umfangreichen Wohnung die Zimmer selbst in Ordnung hielt. Dafür gab es die Hausmädchen; in meiner Jugend waren es sogar drei, eine für die Küche und das Kochen zuständig, die andere für den Hausputz und das Auftragen der Speisen, und die dritte, unsere Minna, war das Kindermädchen. Minna hatte uns drei ältere Geschwister von frühester Jugend an betreut. Wir hingen an ihr mit großer Liebe. Diese äußerst breite Lebensweise änderte sich jedoch bald. Als wir Kinder älter wurden, übernahm Minna die Stuben und während des Ersten Weltkrieges auch die Küche, wobei unsere Mutter mehr und mehr an den Hausarbeiten teilhatte.

Nicht erwähnt habe ich bei der Aufzählung unserer Wohnräume die Speiseveranda, ein ca. 3 x 5 m großer, nach zwei Seiten offener Anbau. Dort spielte sich in der warmen Jahreszeit ein großer Teil unseres familiären Zusammenlebens ab.

 

Ein Höhepunkt im Jahresablauf und das untrügliche Zeichen dafür, dass es nunmehr Frühling wird, war für uns Kinder der Moment, da die Speisezimmertür zur Veranda geöffnet wurde. Nun konnten wir nicht nur von dort aus direkt in den Garten laufen, was einer Erweiterung unserer Ungebundenheit gleichkam, sondern es ergab sich auch die Möglichkeit, unsere gemeinsamen Mahlzeiten auf der Veranda einzunehmen. Das habe ich von Kindheit an sehr gemocht, ja bildete mir sogar ein, dort schmecke alles besser.
Elternhaus Ligat 2015

Von hier aus hatte man einen freien Blick über den Obstgarten hinweg auf die jenseitigen bewaldeten Hänge des Ligattales. Halblinks ragte das rote Ziegeldach des unter uns liegenden „Oberspeichers“, ein aus Feldsteinen gefügter, burgähnlich anzuschauender Bau, heraus. Und weiter links von ihm stand eine Gruppe alter und hoher Birken. Zwischen ihnen sah man den roten Fabrikschornstein sich aus dem Tale herausrecken. Von der Veranda, halbrechts gesehen, auf dem Gartengrundstück liegend befand sich der „Sandplatz“, ein Spielplatz für die Kleinen, ein Ort voller Erinnerungen an unbeschwerte Zeiten im Leben von uns Kindern. In jedem Jahr ließ der Vater neuen Sand anfahren. Er wurde einem weichen Sandsteinfelsen entnommen und war so schneeweiß und feinkörnig, wie ich niemals wieder Sand gesehen habe.

Robert mit Vater Georg und Schwester Lisi

Hier spielten wir Kinder in jungen Jahren ebenso wie später die jüngsten Ehlersschen Kinder – Schwester Lisi hatte 1925 Paul Ehlers geheiratet und verbrachte mehrere Jahre lang bei uns den Sommer.

Später, in den 20er Jahren, musste sich die Veranda unsere Gunst mit einem neuen Sitzplatz im Garten unter einer Linde und einem Ahornbaum, umgeben von einigen Sträuchern, teilen. Hier wurde dann im Sommer nachmittags gern der Kaffee getrunken. So manchen Sommermorgen, zwischen 5 und 6 Uhr habe ich dort mit meiner Mutter gefrühstückt, jedenfalls meist, wenn wir vom Bauernmarkt zurückgekehrt waren, der wegen der leicht verderblichen Waren schon gegen 3 Uhr geöffnet wurde. So erlebten wir, wie die aufgehende Sonne über die Höhen des jenseitigen Ligattales stieg und die Gartenvögel ihre Lieder sangen. Es war noch kühl, und in der Luft lag das leise Summen und rhythmische Zischen der arbeitenden Maschinen der Fabrik im Tal, ein Zusammenklang zwischen Natur und dem von Menschenhand Geschaffenen, den ich niemals vergessen kann. Wie weit liegt dies alles zurück, aber wie beglückend ist die Erinnerung!
An der südlichen Giebelseite des Hauses befand sich ein Vorbau für Entree mit Windfang und „Paradetür“, der Haupteingang, durch den natürlich auch Gäste empfangen wurden. Es gab immerhin noch den Kücheneingang und, wie schon beschrieben, im Sommer den Verandaeingang. Da unsere Wohnung im Hochparterre lag, führten sieben oder acht Stufen ins Haus hinauf. Gegenüber der Paradetür war das „Rondell“ angelegt, eine kreisrunde Rasenfläche mit einem Durchmesser von vielleicht 15 m. Ein Kiesweg, breit genug für den vorfahrenden Zweispänner, zog sich um das Rondell. Kam man also mit der Equipage an, spielte sich der Empfang immer auf den Stufen zum Entree ab.
Die Equipage kam von rechts gefahren, denn dort befand sich die breite, zweiflügelige, rotbraun gestrichene Gartenpforte zur – hier schon zum Remdenberg ansteigenden – Straße. Der Garten war von der Straße durch einen etwa zwei Meter hohen Plankenzaun getrennt, erbaut ganz nach der Morgensternschen Methode. Kiesweg und Rondell wurden, von der Paradetür aus geradeaus gesehen, durch eine stets sauber gekappte, etwa ein Meter hohe Fichtenhecke abgeschlossen. Dahinter fiel das Gelände als Böschung in ein mit Obstbäumen bepflanztes Seitental des Ligattales ab.
Am jenseitigen ansteigenden Hang stand eine Reihe mächtiger alter Fichten, die mir sehr ans Herz gewachsen waren. Diese Bäume haben einen gewissen Anteil an der Herausbildung meiner biologischen Interessen. Schon als kleiner Junge habe ich am Fenster gestanden und diese Bäume verträumt betrachtet, sei es dass sie sich im Sturmwind wiegten und weit herunterbogen, sei es dass sie im Mondschein als schwarze Silhouetten wie stumme Wächter dastanden. Hier habe ich gelernt, die Kraft der Wurzeln zu bewundern und mir erstmals die Frage gestellt, welche Kraft es sein könne, das Wasser bis in die höchsten Spitzen solcher hoher Bäume zu treiben. Wenn ich viel später als Lehrer über dieses Phänomen gesprochen habe, sah ich stets diese alten Freunde aus der Jugend vor mir.
Direkt am Plankenzaun in der Nähe vom Gartentor wuchs ein großer Faulbaum, dessen intensiver Blütenduft im gesamten Garten zu bemerken war. Diesen Baum liebten wir sehr, war er doch bestens als Kletterbaum geeignet, denn aus einem kurzen, bestenfalls einen Meter hohen Stamm wuchsen drei starke Äste heraus, eigentlich drei selbständige Stämme, die uns Kindern ermöglichten, zwischen den Ästen herumzuturnen. An heißen Sommertagen flüchteten wir uns gern in den Schatten dieses Baumes, hatte er doch ein dichtes Blätterkleid und war von außen nicht einzusehen in seiner bienenkorbähnlichen Gestalt.
Ein weiterer Kiesweg zog sich zur östlichen Längsseite des Hauses bis zur Veranda hin. Dahinter wuchs eine Gruppe von Bäumen und Sträuchern, auch die bereits erwähnte große Linde, in deren Schatten wir so gerne an warmen Sommertagen unseren Nachmittagskaffee tranken oder abends auch gemeinsame Spielchen spielten.
In der Nähe des Sandplatzes hatte mein Vater eine richtige Schaukel aufbauen lassen, ein hohes Balkengerüst mit einem fröhlichen grünen Anstrich. Ich liebte diese Schaukel, einmal deswegen, weil ich sie zu meinem 10. Geburtstag bekommen hatte, aber auch, weil man Mut erfordernde Sachen mit ihr veranstalten konnte, z.B. mitten im Schwung abzuspringen, was nicht immer gut ausging. Auf dieser Schaukel hatte ich das erste Mal im Leben das Gefühl des Glücks ganz bewusst und beinahe schmerzhaft empfunden, eines Glücks, das keinen besonderen Anlass hat, das einfach aus der mich umgebenden Stimmung entstanden und gegenwärtig war. Vielleich neigte sich gerade ein warmer Sommertag seinem Ende zu und die Abendsonne hatte kleine Wölkchen rosa gefärbt. Sicherlich schossen am blauen Himmel meine steten Freunde, die Mauersegler, mit hellem Ruf einher, auf der Jagd nach Insekten. Vor mir lag mein Elternhaus und um mich der schöne, vertraute Garten. Das leise Summen drang aus dem Ligattal. Die Fabrik arbeitete und alles zusammen verschmolz als das, was es war, die Heimat. Hier war ich zu Hause, hier durfte ich leben, war behütet und geliebt, hatte Vater und Mutter und Geschwister. Ob das alles immerfort von Bestand sein konnte, soviel Glück?