Meine Heimat

Geboren bin ich in Ligat, eine Siedlung an dem gleichnamigen Flüßchen, das wiederum in die Aa (Gauja) mündet. Beim Niederschreiben dieses Namens leuchtet hell die Erinnerung auf, die Erinnerung an ein Kindheits- und Jugendparadies.
Das Jahr 1905, mein Geburtsjahr, fiel für unsere baltische Heimat in eine turbulente Zeit. In ganz Russland – damals gehörte unsere Heimat zum Zarenreich – hatten sich die unteren Schichten gegen ihre Unterdrücker erhoben. Diese russische Revolution hatte im Baltikum einen doppelten Charakter, einen sozialen und einen nationalen. Ein Teil der Letten, in deren Land wir Deutschen seit Generationen lebten, nutzte solche Unruhen, sich gegen das Deutschtum, repräsentiert durch eine relativ dünne Führungs- und Oberschicht, zu erheben, um sich auch national befreien zu wollen. Allerdings gab es dabei keine Einigkeit unter der Urbevölkerung, denn zahlreiche Letten lebten unter der deutschen Herrschaft gut und hatten ihr Auskommen, so dass sie sich entweder passiv verhielten oder gar mit den Deutschen sympathisierten.

Die Unruhen erreichten in meinem Geburtsjahr ihren Höhepunkt. Überall kam es zu Krawallen, Zusammenstößen und Schießereien. Auch meine Taufe stand unter diesem Zeichen. Als alle Taufgäste im Elternhaus versammelt waren und der eigentliche Taufakt beginnen sollte, geriet die versammelte Festgesellschaft in helle Aufregung, da urplötzlich bekannt wurde, dass in etwa 20 km Entfernung eine Schießerei im Gange sei. Der Pastor vollzog daraufhin meine Taufe in aller Eile, und alle waffenfähigen Männer fuhren von dannen, den eventuell in Not geratenen deutschen Nachbarn behilflich sein zu können. So stand mein Leben von Anbeginn an unter dem Zeichen einer anbrechenden neuen Epoche.

Natürlich stellt sich heute die Frage, wieso wir alle nicht in Deutschland gelebt haben, weshalb wir und unsere Voreltern in der Fremde groß geworden sind. So möchte ich an dieser Stelle ein wenig ausholen, um den historischen Hintergrund für unsere Lebensweise im fernen Land beleuchten zu können.

Schon meine Eltern und etliche Generationen vor ihnen waren deutsche Balten, d.h. sie gehörten zu jenen Menschen, deren Vorfahren seit dem 13. Jahrhundert ihr angestammtes deutsches Vaterland verlassen hatten und aus unterschiedlichen Gründen den friedlichen Händlern und den kampferprobten deutschen Ordensrittern auf dem Fuß gefolgt waren, als jene mit Feuer und Schwert die Grenzen des römischen Reiches deutscher Nation bis zum Finnischen Meerbusen auszudehnen begannen. Diese Siedler wurden zu Herren über die Urbevölkerung, die Kuren, Liven, Letten und Esten.

Sie bebauten das neue Land, gründeten Städte, trieben als Mitglieder der sich ausbreitenden Hanse einen umfangreichen Handel bis tief nach Russland hinein und entwickelten Wissenschaft und Kunst. Die baltischen Provinzen verloren im Laufe der Geschichte ihre politische Eigenständigkeit und gerieten unter wechselnde Einflusssphären, vornehmlich in schwedischen, dänischen, polnischen und über lange Zeit auch in russischen Machtbereich. Allerdings durften sie über viele Jahrhunderte hinweg ihre einst erstrittenen Privilegien behalten, so den evangelischen Glauben, die deutsche Behördensprache, das deutsche Recht und sogar ihre deutschen Schulen, Universitäten und Kirchen. Selbst nachdem sie für ungefähr 300 Jahre – bis der lettische Staat 1919 gegründet wurde – nominell zu Russland gehörten, blieben etliche Vorrechte erhalten, ausgenommen in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts, als eine zunehmende Russifizierungswelle seit 1881 unter Zar Alexander III. die dortigen Menschen überrollte und die deutschbaltische Selbstverwaltung reduzierte. So stand der deutsche Bevölkerungsanteil – der Adel, das gehobene Bürgertum und das Handwerk, alle verstanden sich gegenüber der Urbevölkerung als einer sozialen Oberschicht zugehörig –, Jahrhunderte lang in einem ständigen Abwehrkampf gegen fremde Einflüsse und ausländische Begehrlichkeiten. Hierdurch entwickelte sich ein tief verwurzeltes Deutschtum, ein national orientierter Zusammenhalt und eine enge Bindung an uralte Traditionen, ein Volksstamm, der es als Verpflichtung ansah, seine Tugenden stolz auszuleben als Abkömmlinge des deutschen Vaterlandes.

Wie schon angedeutet, zur Zeit meiner Geburt waren wir russische, später lettische Staatsbürger, unserer Tradition nach und mit dem Herzen aber bewußte Deutsche. Dies gehörte zum Selbstverständnis der Deutschbalten und erklärt unser Lebensgefühl. Für uns waren Kurland und Livland, Teile des späteren Lettlands, die eigentliche Heimat, nicht das Stammland der Deutschen, das wir allerdings aus der Ferne mit einiger Verklärung betrachteten, uns zwar sehnten, es zu besuchen, aber nicht im Traume daran dachten, uns dort anzusiedeln. Warum auch? Lag das Land unserer Väter doch hier im Baltikum. Hier, nur hier waren wir beheimatet.

Ich glaube, in meinem Leben die Erfahrung gemacht zu haben, dass der Charakter einer Landschaft, in der man lebt, sich auch in der Lebensweise, ja sogar im Charakter der Bewohner widerzuspiegeln vermag. Aus dieser Erwägung heraus will ich ein Bild von „meiner“ Landschaft zu malen versuchen, obgleich ich mir dessen bewusst bin, dass mein Landschaftsgemälde bei jedem anderen Menschen eine eigene Vorstellung erwecken wird.

Die Papierfabrik Ligat, in der mein Vater als Chemiker und Papiersachverständiger arbeitete, ist 8 km von der Bahnstation Ligat (Strecke Riga – Pleskau [Pskow]) entfernt und im sehr idyllischen Tal des Ligatflüßchens eingebettet.

So war es Sitte, einen anreisenden Gast mit der Equipage abholen zu lassen, denn eine öffentliche Fahrverbindung existierte nicht. In der Zeit meiner Kindheit spielte sich denn auch die Ankunft eines Gastes etwa so ab:
Man entsteigt dem Zug und tut gut daran, nicht die Seite nach dem Bahnhofsgebäude hin zu benutzen, sondern entgegengesetzt aus dem Abteil zu klettern, denn nur hier befindet sich, um einen großen Umweg zu ersparen, die Anfahrt der Equipagen. Meistenteils wird es eine Kalesche gewesen sein, ein Gefährt mit aufklappbarem, nach vorn offenem Verdeck. Auf dem Bock sitzt in guter Haltung der Kutscher in blauer Livree und lenkt zwei muntere, gut eingefahrene und genährte Braune aus dem Bestand der Fabrik. Es werden zu meiner Zeit „Cherry“ und „Brandy“ gewesen sein und in diesem Falle saß auf dem Bock der Kutscher Semsars.

Bahnhof Ligat

Hier möchte ich eine kleine Abschweifung einlegen, denn am Zustandekommen der Namen unserer Fahrpferde bin ich, zu dieser Zeit noch ein kleiner Stift, nicht ganz unbeteiligt, auch wenn über Umwege. Schon damals war ich ein großer Verehrer feiner Schokolade, vor allem der allseits beliebten schweizerischen Sorte „Gala Peter“. Um an meine Vorliebe hierfür Nachdruck zu verleihen, verkündete ich eines Tages bei Tisch, dass ich einst meine beiden Söhne „Gala“ und „Peter“ nennen wolle. Dies machte in Ligat schnell die Runde unter den Nachbarn und fand muntere Anerkennung, verursachte aber auch manche spöttische Stichelei. Als bald darauf ein Paar neuer Wagenpferde eingestellt und für beide Tiere nach Namen gesucht wurde, erinnerte man sich dieser Idee, fand aber „Gala“ und „Peter“ für nicht geeignet und entschied sich für „Cherry“ und „Brandy“, ebenfalls zwei beliebte Genussmittel, wenn auch nicht für mich.

Aber zurück zu unserem Gast. Er tritt nämlich gerade, den Koffer noch in der Hand, an den Wagen, wird vom Kutscher empfangen und auf den weich gepolsterten Platz komplimentiert. Den Koffer stellt Semsars vor sich auf den Bock, und schon traben die Braunen an.
Die Straße zur Fabrik ist nicht sehr gut und war bis 1914 nur ein ausgefahrener Schotterweg. Dann baute der Unternehmer Spink im Auftrag der Fabrikleitung eine Pflasterstraße. Doch gerade auf dem Kopfsteinpflaster machte die Fahrt kein Vergnügen. Da halfen weder eine gute Federung des Gefährts noch die schöne Polsterung. Es stuckerte gewaltig, und um sich davon abzulenken, lässt der Gast die Blicke schweifen und erfreut sich an dem, was das Auge erblickt.

In Bahnhofsnähe sieht er kleine Gehöfte, Holzhäuser mit primitiven Nebengebäuden. Dort wohnen arme Häusler, die sich von einer kleinen Landwirtschaft mühsam ernähren und nebenbei größtenteils Lohnfuhren für die Fabrik machen. Sie fahren Steinkohle, Lumpenballen, Fässer mit Kolophonium (für die Gewinnung der benötigten „Harzseife“) oder Chlorkalk und andere Materialien, die für die Papierherstellung benötigt werden, oder bringen Papier in Rollen oder Ballen zur Bahn. Auf der ganzen Fahrt begegnet man solchen Fuhren, meist in Kolonnen, seltener als Einzelfahrer.

Die Landschaft ist in Bahnhofsnähe recht flach oder leicht hügelig. Vor uns taucht eine Eichenallee auf. Sie überquert die Pflasterstraße und führt links zu einer Gruppe alter Bäume. Dort liegt der Gutshof Paltemal, das Elternhaus des Schriftstellers und Dramatikers Manfred Kyber, der vor allem wohl bekannt ist durch seine ungewöhnlichen Tiergeschichten. Meine Mutter erzählte einmal von einem Besuch bei Kybers und dem auffällig-saloppen Benehmen des jungen Manfred. Kurz nachdem ich ins Leben getreten war, hatten Kybers Paltemal4 bereits verlassen. Das Gut gehörte inzwischen einem Baron Wolff, der es der verwitweten Frau Kyber abgekauft hatte.

Der Gutshof bleibt links liegen, und die Equipage rattert weiter. Nachdem das Gefährt eine leichte Anhöhe genommen hat, öffnet sich der Blick ins Land hinein. Die Landschaft erhält einen neuen Charakterzug. Sie wirkt jetzt richtig hügelig. Schaut man aber genauer hin, sind in Wirklichkeit nur vereinzelte Hügel zu erkennen, der Zepurit, der Flutscheberg und mehr rechts der Baltenruh, dahinter der Aaberg. Was dem Lande aber hauptsächlich den hügeligen Eindruck gibt, sind die Flusstäler, so das weite Aatal, das Ligattal und die dazugehörigen Verästelungen der Nebentäler. Man sieht viel Wald, ja von dem hohen Standort unserer Fahrstraße aus, erscheint es ein geschlossenes Waldgebiet zu sein. Der Einheimische jedoch weiß, dass sich viel Ackerland und so manche Wiese dazwischen befindet. Von nun an senkt sich die Straße. Rechts liegen einige alte Gesinde (Bauernhöfe) mit weißgetünchten Wohnhäusern, als letztes Haus eine schon recht baufällige Schmiede. Und dann beginnt, ein Stück zurücktretend, der Wald, darin anlehnend und in ihn übergehend ein sehr alter Friedhof, der uns Kinder besonders reizvoll erschien, war er für uns doch mächtig geheimnisumwittert, nicht nur der alten Grabtafeln, sondern auch der eigenen Phantasie wegen, die in diesen Bereich furchterweckende Räubergeschichten verlegt hatte.
Inzwischen sind wir an einer Straßengabelung angelangt. Die alte Schotterstraße verläuft geradeaus und senkt sich bald ziemlich steil in ein Seitental hinab. Wir jedoch bleiben auf der neuen Pflasterstraße des Herrn Spink. Sie windet sich längs desselben Seitentals langsam hinab. Hier nun werden wir von einem höchst markanten Wahrzeichen rechts der Straße gegrüßt, ein brüderlich vereintes, wenn auch recht ungleiches Baumpaar: eine alte, mächtige Eiche, deren weitausladende Äste über die gesamte Straßenbreite reichen, reckt sich einer großen Fichte entgegen, ebenfalls alt und mächtig, die es vorgezogen hatte, in die Höhe zu wachsen und diesem Drange folgend, die Eiche um Haupteslänge überragte. Uns Kindern war dieses seltsame Baumpaar ein häufiges Ziel unserer Streifzüge.

Hier führt die Straße in mehreren Windungen ins Tal hinunter. Dort angekommen, gesellt sich unserem Weg ein Bach hinzu, ihn bald rechts, bald links begleitend. Zur Zeit der Schneeschmelze nahm dieses zur Sommerzeit so harmlos wirkende, kleine Bächlein die Ausmaße eines reißenden Flusses an, denn das Tauwetter setzte bei uns oft mit großer Macht ein, und der viele geschmolzene Schnee strömte unaufhaltsam in die Bach- und Flussläufe.

Papierfabrik Ligat

Unser Gefährt hat jenen Punkt erreicht, an dem unser Seitental in das Ligattal einmündet. An beiden Seiten steigen bewaldete Hänge an. Das Seitental öffnet sich. Von rechts senkt sich durch einen Hohlweg hindurch ziemlich steil die schon bekannte Schotterstraße herab. Diese rechte Höhe, wir nannten sie den „Rigaschen Berg“, schloss, nachdem sie die alte Straße ausgespukt hatte, mit einem Sandsteinfelsen, dem „Kaprivifelsen“, ab, gleich-sam ein Eckpfeiler zwischen dem Seiten- und dem Ligattal. Hier befinden wir uns bereits in Fabriknähe.

Es grüßen die beiden Schlote der Hauptfabrik, ein roter und ein weißer, herüber. Gleich hinter dem „Kaprivifelsen“, aber schon im Ligattal, breitet sich ein größerer Teich aus, die „Stauung“. Es ist der ehemalige Mühlenteich. Das weiße Kalksteingebäude der Mühle – typisch für Ligat sind helle Häuser, entweder aus Kalkstein, aus Ziegel oder aus Holz, dann aber getüncht – steht zwar noch, dient aber längst anderen Zwecken. Die „Stauung“ erhält ihr Wasser durch einen Kanal aus der Ligat und wird als Klärbecken verwendet. Nachdem das Wasser den Teich durchlaufen hat, verlässt es ihn wieder und gelangt durch einen Kanal zur Hauptfabrik.

In Höhe des rechter Hand liegenden Teiches nehmen „Cherry“ und „Brandy“ mit großem Elan eine Linkskurve, und der Wagen biegt von der Pflasterstraße ab auf einen Schlackenweg. Zur Erleichterung des Gastes hört das Rattern und Stuckern auf, rollt die Kalesche nun noch leise weiter. Alle Wirtschaftswege in Ligat sind zu dieser Zeit mit Schlacke bestreut. Das gibt zwar bei Trockenheit viel Staub, hält aber bei Nässe den Schlamm auf. Auch fährt es sich gut darauf.
Wieder kommen wir an einen markanten Punkt meines Jugendparadieses vorbei. Rechts neben dem Weg steht eine alte, vermutlich sogar eine sehr alte Birke, deren Stamm so dick ist, wie ich sie bei Birken niemals wieder gesehen habe. Mächtige, weitausladende Äste bilden die Krone. Oft bin ich darunter hindurch gekommen, stets aber erfüllte mich ehrfürchtiges Staunen, und ich hätte gern erfahren, was dieser Baum schon alles gesehen und erlebt haben könnte.
Sieht man sich hier um, liegen links einige kleine Arbeiterhäuser aus gelb getünchtem Holz für jeweils zwei Familien, rechts, hinter dem Kanal, dehnt sich die „Kanalwiese“. In Fahrtrichtung aber beginnt eine bewaldete Höhe, auf die uns der Schlackenweg hinaufführt. Es ist der „Kyberberg“. Der muntere Trab der Pferde geht in Schritt über. Der Weg führt uns durch einen Fichtenwald weiterhin bergan. Oben angekommen, genügt ein kurzes Schnalzen des Kutschers, und willig traben beide Pferde wieder an. Sie wittern die Stallnähe. Der Wald bleibt zurück. Rechts liegen die ausgedehnten Pferdeställe und Wagenremisen. Vor dem Ersten Weltkrieg, als Autos noch kleine Jungs in Aufregung versetzten und Pferde zum Durchgehen brachten, hatte die Fabrik einen großen Pferdestall mit 40, manchmal sogar 50 Pferden. Darunter waren drei Paare Kutsch- und drei bis vier Reitpferde.
An der Abzweigung zum Stall muss Semsars schon etwas aufpassen. Gar zu gerne wären „Cherry“ und „Brandy“ zum heimatlichen Stall abgebogen. Etwas missmutig und verhalten setzen sie aber, dem Willen des Kutschers gehorchend, ihren Trab fort. Da empfängt den Anreisenden ein würziger Duft. Er kommt von den Balsampappeln rechts des Weges. Und nochmals steigt die Straße an. Der „Remdenberg“ beginnt. Aber nur ein kleines Stück des Berges fahren wir hinauf. Dann lenkt Semsars das Gefährt über eine kleine Brücke und durch ein Gartentor in unseren Garten hinein. Dumpf rollen die Räder über die Brückenbohlen, für die Familie das Zeichen, dem Gast freudig entgegenzueilen.