Verzicht auf die Heimat

Hitlers Polenfeldzug dauerte nur einige Wochen. Sieg reihte sich an Sieg, und jubelnde Meldungen reihten sich aneinander. Ein Siegesrausch erfaßte das deutsche Volk und die Popularität des „Führers“ festigte sich. Für uns im Baltikum, die wir zwar alle Nachrichten aus Rundfunk und Presse empfangen konnten, aber nur wenig Einblick in die inneren Verhältnisse im „Reich“ hatten, sah dann auch alles sehr glänzend und begeisternd aus. So wurden die Sondermeldungen begierig aufgenommen und jeder Sieg bejubelt. Von dem, was sich hinter den Kulissen abspielte, hatten wir keine Ahnung. Wir glaubten an die Lauterkeit von Hitler, waren wir doch meist durch Propaganda der Nationalsozialisten stark beeinflußt. Wir glaubten wirklich, der „nationalen Schmach“ des „Versailler Vertrages“, der das große Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg tief gedemütigt hatte, ein erstarktes Vaterland entgegensetzen zu können. Wir sahen im „Führer“ einen „nationalen Heilsbringer“, quasi einen „Erlöser“, waren beeindruckt von dem Gedanken, einer klassenübergreifenden „Volksgemeinschaft“ anzugehören, die gegen das „jüdisch-bolschewistische Untermenschentum“ auftritt und neuen „Lebensraum“ braucht.

So endete der ereignisreiche Sommer, durchlebt in gewisser Spannung. Schon bald nach Kriegsbeginn erreichten uns Nachrichten, daß der Staat Lettland mit der Sowjetunion paktieren würde und der Roten Armee Stützpunkte überlassen wolle. In Talsen bemerkten wir, daß das lettische Militär in Libau seine Kasernen räumte und sich bei uns einzurichten begann. Auch in unserem Hause zog ein Offiziersehepaar ein. Nun verbreitete sich auch das Gerücht, daß die Deutschen im Baltikum bedroht seien. Sie waren verängstigt und fürchteten sich, wieder in russische Hand zu geraten. Sie hatten dies lange genug ertragen müssen, vor allem als die „Bolschewiken“ nach dem Ersten Weltkrieg das Land für einige Zeit okkupiert und unter der deutschen und auch lettischen Bevölkerung ziemlich gewütet hatten.

Eines Tage wurden in Talsen alle deutschen Männer zusammengerufen, und man begann, allen Ernstes darüber zu beraten, wohin man sich notfalls in Sicherheit bringen könne, z.B. auszuwandern, eventuell sich durch Litauen nach Deutschland mit Pferd und Wagen durchzuschlagen, oder sich Verstecke im Walde einzurichten. Es wurde den Deutschbalten allmählich klar, wirklichen Schutz nur auf reichsdeutschem Gebiet finden zu können. So fiel Hitlers Aufruf, seine Landsleute „heim ins Reich“ zu holen, auf fruchtbaren Boden. Wir glaubten, dies als einzige Möglichkeit zu erkennen, um uns aus einer immer feindlicher werdenden Umklammerung zu lösen. Man wolle uns im neueroberten Land um Posen, das jetzt die Bezeichnung „Warthegau“ führte, ansiedeln – hieß es –, uns zurückgeben, was wir zurücklassen würden, auch stünden große neue Aufgaben vor den Balten. Wir würden Deutsche unter Deutschen sein, nicht mehr bedroht von einer feindlich gesinnten Umwelt. Natürlich konnten wir die Konsequenzen einer Umsiedlung nicht völlig übersehen, erkannten allerdings, daß wir unsere Heimat aufgeben müssen. Wie sollten wir auch wissen, welche große Kluft es geben würde zwischen den Reichsdeutschen und uns, die wir durch etliche Generationen von unserem Land geprägt worden sind, ja, daß wir uns im „Vaterland“ wie Fremde fühlen würden. Auch waren wir wirklich so blauäugig, nicht darüber nachzudenken, daß anderen Menschen genommen werden muß, womit unser verlorener Besitz ausgeglichen werden sollte. Nein, dies alles konnten wir uns damals nicht vorstellen. Aber wären wir sonst geblieben? Wohl kaum. Wir kannten die Russen. Denen wollten wir wirklich nicht wieder in die Hände fallen. Das wäre weitaus schlimmer gewesen!

Später erst erfuhren wir von Hitlers Pakt mit Stalin, der über unsere Köpfe hinweg unser Schicksal bestimmend, die baltische Volksgruppe von heute auf morgen aus der ange-stammten Heimat gerissen und entwurzelt hatte. Tatsächlich hatte Hitlerdeutschland am 23. August 1939 einen Nichtangriffspakt mit Stalin, den so genannten „Hitler-Stalin-Pakt“, geschlossen, der auch eine Aufteilung von Interessensphären enthielt und das Baltikum den Sowjets überließ.

Allmählich gewann die Nachricht von der Umsiedlung Gestalt. Zuerst kam die Weisung, jeder dürfe so viel Gepäck mitführen, als er selbst tragen könne, also eine Beschränkung auf das notwendigste. Damit erhielt die Umsiedlung den Charakter einer Flucht. Dann aber hieß es, jede Familie dürfe das Volumen einer Zimmereinrichtung mitnehmen und noch später, alle bewegliche Habe sei erlaubt. Es sollten sogar Sondertransporte für lebendes Inventar zusammengestellt werden. Ob sich dies bewahrheitet hatte, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls begann jetzt das große Packen und die damit verbundene schwierige Entscheidung, was mitzunehmen sei. Obwohl ich damals noch Kind war, als wir vor zwanzig Jahren nach Deutschland gingen, erinnerte ich mich gut an eine ähnliche Situation, vor allem an das Abschiedsnehmen von der Heimat. Auch damals wußten wir nicht, ob wir jemals wiederkommen könnten. Für uns als Kinder wird es doch wohl eher noch ein Abenteuer gewesen sein. Jetzt war es ein absoluter und sehr bewußter Abschied von der Heimat, von der Landschaft, die uns geprägt hat, und von den Menschen, die mit uns gelebt haben, mit denen wir befreundet waren, die mit uns gelacht und gelitten haben, mit denen man sich auch ohne viele Worte verstand. Und nun sollte alles zu Ende sein und der Vergangenheit angehören!

Alle Deutschen aus Talsen – dazu gehörten wir, meine junge Frau, ihre alte Mutter und ich – traten gemeinsam den Schicksalsweg an, hatten die Kisten und Kollis bereits abgeschickt, und bestiegen den „Rasenden Kurländer“, ein Schmalspurbähnchen, das 1915 von deutschen Truppen gebaut worden war und nach Stenden führte. Dort stieg man um in die Normalspurbahn und reiste nach Windau, den nächstgelegenen kleinen Hafen an der Ostsee. Wir blieben eine Nacht dort, denn das Schiff, ein schmuckloser Bananenfrachter, sollte erst am Folgetag, dem 13. November 1939, ablegen. Und dann war es so weit. Wir standen an der Reling, schweigend und tief in Gedanken versunken. Jeder nahm in seiner Weise Abschied, still oder weinend oder betend, vielleicht auch mit der lettischen Hymne auf den Lippen. Man glaubte, fast körperlich die Last dieses historischen Augenblicks zu tragen. Eine 750jährige Geschichtsepoche unserer Volksgruppe war beendet, abgeschlossen für alle Zeit. Etliche tausend Menschen (aus Lettland und Estland wird die Zahl von mehr als 66.000 genannt) verließen ihr angestammtes Heimatland endgültig. Wenige aber sind dort geblieben. Man weiß nicht, wer das bessere Los gezogen hatte, war die Heimat doch nicht mehr die alte, und der Krieg zog dann seine blutige Bahn auch dort.

In Gdingen – zu dieser Zeit hieß der Ort schon Gotenhafen – wurden wir unter den Klängen einer schneidigen Militärkapelle an Land gebracht und durften deutschen Boden betreten. Hier folgte auch eine Speisung der „deutschen Volksgenossen“, die nunmehr heim ins Reich gefunden hatten, aber denen erst noch eine neue Heimat zugewiesen werden sollte. Natürlich war damit nicht die Danziger Bucht gemeint, sondern man hatte für uns das Gebiet um das weiter entfernte Posen ausgesucht. Wir mußten also einen Sonderzug besteigen, wurden aber seltsamerweise in Richtung Westen verfrachtet. Halt war in dem Kreisstädtchen Pyritz in Hinterpommern, schon fast an der Oder, nicht weit von Stettin entfernt. Auch hier durften wir nicht bleiben. Mit Pferdefuhrwerken brachte man uns ins Bauerndorf Köselitz, und dort wurden wir süßsauer dreinblickenden Gastgebern überantwortet – wir arme Schlucker, die von den Brosamen der Reichen leben sollten. Uns war, wer versteht es nicht, elend zu Mute. Wir wurden in einem Bauernhof einquartiert und froren im ungeheizten Schlafzimmer. Obwohl wir glaubten, nun rasch in unsere neue Heimat gebracht zu werden, mußten wir doch frierend und tatenlos bis Januar warten. Zudem waren wir staatenlos, da man uns in Lettland ausgebürgert hatte, wir aber im Deutschen Reich noch nicht wirklich auf-genommen worden waren. Das empfanden wir als sehr demütigend, und so mancher meiner Landsleute kam sich jetzt schon verschaukelt vor.

In Posen kam es dann zu der Einbürgerungsprozedur, ein langwieriger Vorgang. Jeder volljährige Balte mußte sich diesem Verfahren unterziehen, etliche Fragebögen ausfüllen, allerlei mündlich beantworten, eigene Unterlagen vorlegen, immer aber auch vor den Amtsstuben warten, eine zermürbende Angelegenheit, die viele Stunden andauerte. Ich erinnere mich nicht, wo wir während der ersten Zeit einquartiert waren, doch lebten wir dann geraume Zeit bei der Ehlerschen Familie, bei Lisi und Paul und deren ersten Kindern, ebenso meine Mutter und meine Schwiegermutter. Man war dort selbst erst noch dabei, sich einzurichten, also ging es sehr eng zu.

Für mich stand als vordringlichste Aufgabe, eine eigene Bleibe zu finden, und zwar eine Gärtnerei, die uns zustand und uns auch zugesagt war. Ich erhielt mehrere Anschriften von entsprechenden Betrieben in der Umgebung von Posen, deren Treuhänderschaft wir übernehmen könnten. Doch des vielen Schnees wegen waren die Bodenverhältnisse nicht zu erkennen. So zerschlug sich mancher Versuch, zumal auch die Wohnverhältnisse, der Zustand der gärtnerischen Anlagen und die Lage zu den Absatzmärkten berücksichtigt werden mußten und meist schlecht oder zumindest enttäuschend waren. Immer wieder kehrte ich unverrichteter Dinge zurück und sah die angespannten Blicke meiner Frau. Die Zeit begann knapp zu werden, denn im April war mit der Geburt unseres ersten Kindes zu rechnen. Schließlich wurden uns nahe bei Posen, in Poggenburg, zwei kleine, benach-barte Betriebe zugewiesen. Ich mußte sie annehmen, ohne sie nach meinen Kriterien prüfen zu können.

An den Zeitabschnitt, der nun begann, entsinne ich mich höchst ungern; es war eine Zeit des Unrechtes. In dieses Unrecht wurden wir einerseits hineingedrängt, ließen uns andererseits aber auch drängen, immer von der Zeitnot getrieben. So wurden wir nun auch mit den unmenschlichen Seiten des Nationalsozialismus konfrontiert, und Stück für Stück verloren wir etwas von unseren Illusionen. Dennoch wehrte ich mich dagegen, meine Vorstellungen von der neuen Zeit aufzugeben. Ich suchte das Übel nicht beim System, sondern beim menschlichen Versagen seiner Vertreter. Es war nicht leicht, sich unter diesen Umständen einzuleben, wenn man von einem Einleben überhaupt sprechen kann, dazu war das Gewissen zu stark belastet.30.

Ich hatte erstmals die Schattenseite des nationalsozialistischen Systems gesehen, und doch dauerte es noch lange Zeit, bis mir wirklich klar wurde, wohin dieser Weg führen würde. Jetzt jedenfalls gab es keine Umkehr mehr für uns, wohl für keinen der im besetzten Polen angesiedelten Balten. Die Familien waren eingebürgert worden, nun auch staatspolitisch deutsch und mußten sich zwangsläufig zurechtfinden unter gänzlich anderen Bedingungen.

Das Nest also war bereitet, wir konnten die Verwandten in Posen verlassen und endlich ins „eigene“ Heim ziehen. Ja, es sollte das Ziel einer langen Reise werden, ein neues Zuhause für alle Zeit. Wer von den Angekommenen ahnte wohl, daß es sich nur um eine Zwischenstation handeln würde und wohin uns die Weiterreise noch bringen sollte?

Am 19. April 1940 wurde Klaus geboren. Wir waren am Beginn des neuen Aufbaues, aber immerhin damit schon so weit gediehen, daß wir dieses freudige Ereignis mit Ruhe ins Auge fassen konnten. Die erstgeborenen Kinder genießen den Vorzug, Urheber großen elterlichen Stolzes zu sein. Dieses bezieht sich zweifelsohne in erster Linie auf die Väter. Die Mütter haben für Stolz keinen Raum im Herzen. Sie sind ganz und gar mit inniger Freude ausgefüllt. Die Väter stolzieren wie die Zwerghähne mit vorgewölbter Brust durch die Landschaft: Seht ich bin Vater! Die Nächstgeborenen müssen sich damit begnügen, nur Freude auszulösen. Mein Erstgeborener hatte außerdem den Vorteil, daß ich mich mit ihm beschäftigen konnte. Als die anderen Kinder klein waren, befand ich mich im Kriege. Es hat mir stets große Freude gemacht, mit Klaus im Kindersitz Radfahrten zu unternehmen. Unser Zweiter, Jürgen, wurde nur neun Stunden alt. Dann haben wir ihn begraben.

Elisabeth und Jörn

Jörns Geburt fiel in die Zeit, als ich in Posen als Heeresdolmetscher31 ausgebildet wurde. Am 30. April 1943 hatte ich Urlaub bekommen und war nach Hause gekommen. Da hat es nicht mehr lange gedauert, und die Wehen setzten ein. Ich konnte die werdende Mutter gerade noch nach Posen in die Knüpfersche Frauenklinik bringen. Schon nach ca. fünfzehn Minuten, teilte mir die Schwester die glückliche Geburt eines Sohnes mit. Gleichzeitig mit mir wartete ein Oberleutnant auf ein ebensolches Geschehen. Dieser Vaterkandidat hatte vorsorglich eine Flasche Sekt mitgebracht, die er in jungväterlicher Ahnungslosigkeit mit seiner jungen Frau aufs Wohl des Erstgeborenen leeren wollte. Dr. Knüpfer aber war anderer Meinung und verbot ihm, seine Frau damit zu überfordern. Da hat er in seiner Freude mich, den im Unteroffiziersrang, also weit unter ihm Stehenden, eingeladen. So ist Jörns Leben mit einer Sektfeier eröffnet worden.

Rotrauts Geburt (7.9.1944) vollzog sich unter Umständen, die bereits das Aufziehen einer drohenden Gefahr anzeigten. Damals lag mein Truppenteil auf dem Rückzug dicht vor der Grenze Ostpreußens. Ich erfuhr von Rotrauts Geburt verspätet durch einen Brief meiner Mutter, in dem sie mich zu eben dieser Geburt beglückwünschte. Das Telegramm meiner Frau hatte mich nie erreicht. Ich bekam auch tatsächlich sogleich Urlaub und fuhr unter dramatischen Verhältnissen nach Hause. Mutter und Tochter konnte ich schon bald aus der Klinik nach Hause bringen, aber nicht für lange. Nach einer Woche mußten beide wieder ins Krankenhaus. Da sich mein Urlaub inzwischen seinem Ende näherte, beantragte ich bei der Kommandantur in Posen eine Verlängerung des Urlaubs, die auch auf eine Woche gebilligt wurde, jedoch konnte ich beider Genesung nicht abwarten und mußte zurück.

Die allgemeine Lage hatte sich indes zugespitzt. Sorgen- und unruhevoll sahen wir in die Zukunft. Und ich vereinbarte mit meiner Frau, daß sie bei drohender akuter Gefahr nicht lange zögern, sondern die erstbeste Gelegenheit ergreifen und ohne Rücksicht auf alle Habe, die Familie in Sicherheit bringen sollte. Dann fuhr ich wieder an die Front und habe Posen nie wieder gesehen, meine Familie erst 1946 nach der Flucht in Warlow.

Nach dem Krieg

Klaus Burmeister
Elisabeth und Robert Burmeister 1947

Der Vater hatte, nachdem er Soldat geworden war, eine schreckliche Zeit hinter sich. In Ostpreußen, schon auf dem Rückzug, wurde er im Winter 1944/45 verwundet, kam dadurch glücklicherweise aus dem Danziger Kessel heraus, per Schiff unter schwierigen Umständen nach Kopenhagen – Peter Bamm hat solche Umstände in seinem Buch „Die unsichtbare Flagge“ trefflich beschrieben –, wurde in ein Lazarett eingewiesen, von den Engländern gefangen gesetzt, innerhalb von Deutschland mehrfach verlegt und im Februar 1946 zu seiner Schwägerin Alice Kern nach Kiel entlassen. Er suchte sich in der Nähe von Hannover eine Arbeit und wollte seine Familie, die in Mecklenburg gestrandet war, aus dem von der Roten Armee besetzten Gebiet herausholen und in den Westen bringen, sobald sich eine Gelegenheit bot. Aber bald stellte sich heraus, dass die Grenze zwischen der russischen Zone und dem Gebiet der westlichen Alliierten geschlossen werden sollte, wodurch keine Zugverbindungen mehr möglich gewesen wären. Voller Panik, von seiner Familie restlos abgeschnitten zu werden, entschloss er sich, umgehend in den Osten zu fahren. Und da kam er im Juni 1946 an, humpelnd, abgemagert und ziemlich elend. Er war wieder zu Hause.

Meine Mutter aber hatte in dieser Zeit die Fäden fest in die Hand genommen und auch später nicht mehr losgelassen. Sie wachte über das Schicksal der Familie, gab ihr in vielen Fragen Sinn und Richtung. Sie war duldsam, bescheiden und schicksalsergeben, wenn es darum ging, das tägliche Leben zu meistern, aber auch stark genug, Schweres wirklich durchstehen zu können. Sie hatte davon genügend, sowohl seelische als auch körperliche Stärke und eine gehörige Portion Mut.

Sicherlich wächst der Mensch in Notlagen über sich hinaus und entwickelt ungeahnte Kräfte, doch ist mir beispielsweise noch heute ein Rätsel, wie sie es geschafft hat, im Januar 1945 die Flucht aus Posen zu meistern. Zwar war ihr älteste Schwester Alice eigens aus Kiel gekommen, um zu helfen, doch wir drei kleine Kinder hatten Keuchhusten. Rotraut war zudem gerade erst fünf Monate alt, unterernährt und krank. Allein damit fertig zu werden, ist bereits eine Riesenaufgabe für eine Mutter. Meine Großmutter Rohde, die bei uns lebte, war mit 77 Jahren zerbrechlich, soviel ich weiß, auch herzkrank, der Vater an der Front. So war die Flucht nicht nur eine körperlich-organisatorische, sondern durchaus auch eine traumatische Belastung. Tatsächlich haben die Frauen es geschafft, uns alle wohlbehalten nach Mecklenburg zu bringen. Wenn man bedenkt, was auf dieser Reise ins Ungewisse, den Krieg mit seinen Wirren im Rücken, alles passiert und wie viel Not und Tod auch den Flüchtenden begegnete ist, kann man die Leistung solcher Mütter nur bewundern.

Eine riesige Flüchtlingsschar musste irgendwie über das Land verteilt werden. Bei all dem verkündeten Sieges- und Durchhaltewillen des deutschen Volkes war man ja noch keineswegs darauf eingerichtet, unzählige Menschen – alles deutsche Landsleute – aufzufangen, unterzubringen und letztendlich auch zu versorgen.

Wir kamen in ein kleines mecklenburgisches Dorf, nach Warlow bei Ludwigslust. Im ersten Nachkriegsjahr, immer noch eine wirkliche Notzeit für alle Menschen, hatte die Mutter den Überlebenskampf allein aufnehmen müssen. Und selbst als der Vater, verwundet und hilflos, körperlich beschädigt und traumatisiert zurückkehrte, musste die Mutter die Last des Alltags tragen und alles Lebensnotwendige besorgen, Essen und Trinken, ein neues Zuhause, eine zwar ärmlich eingerichtete, aber doch mit sorgsamer Hand wohnlich gestaltete Unterkunft für die Familie schaffen.

Die Gabe unserer Mutter, auf Menschen völlig offen zuzugehen, hat ihr vermutlich einige Türen der ansonsten eher engstirnigen, mitunter hartherzigen Mecklenburger geöffnet. Eine enge Vertraute fand sie in einer Nachbarin. Ich erinnere mich gern daran, dass sie manchmal mit einem noch warmen selbst gebackenen Schwarzbrot von ihr nach Hause kam, ein Stück Butter oder irgendetwas vom Schlachtfest mitgebracht hat. Sie musste niemals betteln, und doch bekam sie Essbares geschenkt, aber auch in der ersten Zeit so wichtige Sachen, wie Tisch und Stuhl, Bett und Schrank. Wir hatten ja nichts weiter als das, was die Frauen getragen haben, als wir in Warlow ankamen. Sie ging auch mit aufs Feld, half für ein paar Lebensmittel bei den Bauern. Sie wollte nicht nur Gaben annehmen, sondern auch dafür arbeiten. Wie viel Stolz muss sie in dieser Zeit weggesteckt haben, eine Frau, schon seit dem Tod ihres Vaters selbstbewusst, auf sich allein gestellt, dem Leben zugewandt die Gärtnerei leitete. In Warlow bekam sie die Möglichkeit, einen kleinen Garten anzulegen mit Kartoffeln und Gemüse. Natürlich geschah dies vorrangig, um die Ernährung der Familie zu sichern, doch ein wenig Freude erfüllte sie sich selbst damit. Sie gehörte aufs Land, musste die Erde spüren, den Duft der Natur atmen. Unsere Mutter liebte Blumen, die Naturschönheiten in Feld und Flur und einen weiten Blick übers Land. Sie war in ländlicher Umgebung aufgewachsen und meinte, sie könne in keiner Stadt leben, wo die Häuser eng an eng stünden und die Menschen, ohne zu grüßen aneinander vorbeigingen. Sie brauchte viel Luft um sich herum, fühlte sich im Licht der Sonne ebenso wohl wie bei Wind und Wetter. Aber sie war auch musisch interessiert, liebte Musik, sang gern, hatte eine klare saubere Stimme, spielte Klavier und konnte sehr schön erzählen, fantasievoll ausgeschmückt auf die kleinen Schönheiten des Lebens achtend. Ich denke, dass wir in dieser Hinsicht viel von ihr gelernt haben.

Die Mutter war ein zupackender und immer beschäftigter Mensch, geradezu aufopferungsvoll für ihre Familie, aber auch, wenn es darum ging, anderen Menschen zu helfen. Dies mag sowohl in ihrem Charakter begründet gewesen sein, als auch durch das Elternhaus vorgelebt und durch ihre tiefe Religiosität verstärkt worden sein. Ihr christlicher Glaube hatte sie frühzeitig immun gegen jedwede nationalsozialistische Propaganda gemacht, im Gegensatz zu ihrem Mann, der als Deutschbalte anfällig für die völkischen Ideen der Nazis war.

In der Weihnachtszeit 1974 wurde bei unserer Mutter Krebs diagnostiziert. Es ging sehr schnell dem Ende entgegen. Während dieser Zeit sprach sie bei den Besuchen ihrer Kinder immer mit einer erstaunlichen Festigkeit, hatte jedem von uns etwas mitzuteilen, wollte alles geregelt wissen, sich mit uns aussprechen, ihre Liebe zu uns in Worte fassen, über Fehler reden, die sie gemacht zu haben glaubte, von ihren geheimen Lebenswünschen, die sich nun nicht mehr realisieren ließen, vor allem aber von ihrer Hoffnung, in unseren Herzen weiterleben zu können. Sie verabschiedete sich für ihre große Reise in tiefem Gottvertrauen und voller Dankbarkeit für ihr Leben. Am 27. Juni 1975 starb sie, eine starke, aufrechte Frau. Wir hatten sie sehr lieb.

Die Umsiedlung aus dem Baltikum, die Sorge um die Familie und die Kriegsteilnahme hatten auch den Vater sehr verändert. Er war zu einem verantwortungsvollen Mann gereift, der wirkliche Pflichten zu erfüllen hatte und sich ihnen auch selbstlos stellte. Man hätte förmlich fühlen können, wie er versuchte, seine eigene Lebenseinstellung, deren höchste Leitsätze nach altem baltischen Wertekanon von Aufrichtigkeit, Fleiß, Treue und Pflichtbewusstsein geprägt waren, in Einklang mit der Wirklichkeit zu bringen. Es wird ihm schwer gefallen sein.

Wegen seiner Kriegsverwundung war er körperlich nicht mehr voll belastbar und konnte als Gärtner nicht mehr arbeiten. So machte er von der sich ihm bietenden Möglichkeit, sich zum landwirtschaftlichen Berufsschullehrer ausbilden zu lassen, umgehend Gebrauch. Nach Abschluss seines Studiums 1949 übernahm er die Aufgabe, in Eldena bei Ludwigslust eine landwirtschaftliche Berufsschule aufzubauen. Das machte ihm anfangs Freude, war ihm aber bald auch Last, denn bei allem Engagement dürfte er sich im Kreise seiner Schüler und Arbeitskollegen immer irgendwie fremd vorgekommen sein. Seine Schüler, halberwachsene Landkinder, zeigten deutlich ihre Abneigung gegen jeden Lernzwang. Sie waren in eine der Tradition verpflichtete dörfliche Denkart hineingeboren und wollten so leben wie ihre Väter, sozusagen mit der Mistgabel in der Hand und ausgestattet mit einem untrüglichen Instinkt für jahreszeitlich bedingten Arbeitsanfall. Da sollte ihnen kein Lehrer etwas vormachen, schon gar nicht einer, der selbst nicht Landwirt ist, nur schlau daher redet, hochgeschraubte wissenschaftliche Erkenntnisse ausbreitet und gar noch Prüfungen verlangt. Allein deshalb wirkte der Vater völlig fehl am Platze. Er hatte auch nicht das Vermögen, das pädagogische Gespür, sich wirklich gegen eine solche obstinate Bande durchzusetzen. Folglich quälte er sich über viele Jahre in seinem Nachkriegsberuf. Dies mag ihm einiges seiner inneren Fröhlichkeit genommen haben, seiner Energie und der eigenen Lebensqualität. Da er nicht zu den Menschen gehörte, die ihr Inneres auf der Zunge tragen, klagte er kaum einmal, doch aber zeigte er um so mehr seine Freude, wenn er gelegentlich einen Schüler fand, der sein Interesse teilte und ihm in seinen Ausführungen folgte. Man merkte ihm die Erleichterung an.

Beruflich war der Vater, nachdem er nicht mehr als aktiver Berufsschullehrer tätig sein wollte, noch in verschiedenen anderen pädagogischen Einrichtungen beschäftigt, hat aber nicht mehr selbst unterrichten müssen. Er beendete sein Arbeitsleben als Schulungsbeauftragter des Kreislandwirtschaftsrates und fuhr in den wenigen Jahren bis zur Pensionierung mit einem Moped über Land in die verschiedenen Dörfer, um auf Weiterbildungsveranstaltungen Lehrgangsteilnehmer zu schulen. Er liebte es sehr, sich frei in der Natur bewegen zu können, über die Feld- und Waldwege, vorbei an duftenden Wiesen und wogenden Kornfeldern.

Als Rentner regten ihn eigene Jugenderinnerungen an, Radtouren quer durch Deutschland zu planen, nur dass er dies nun mit dem motorisieren Rad unternehmen wollte. Mit wenig Gepäck, in Radtaschen verpackt, fuhr er auf vorher abgesteckter Route los, benutzte alle Arten von Straßen, die gut ausgebauten, sogar die Autobahnen, was damals noch möglich war, ebenso die kleinen Dorfstraßen, wenn er abkürzen konnte, übernachtete in Jugendherbergen, offensichtlich kein Problem, und fand selbst in kleinen Städten einen Monteur, wenn sein Fahrzeug bockte. So bereiste er nicht nur die Städte des Nordens, sondern fuhr bis nach Thüringen und Sachsen. Er erlebte eine Reminiszenz seiner Jugend, fühlte sich stark, frei und ungebunden; er kam fröhlich und innerlich gestärkt nach Hause. Vor allem schien es ihm gut zu tun, allein und völlig unbelastet seinen Gedanken freien Lauf geben zu können. Es waren wohl die glücklichsten Momente im Leben des älter gewordenen Vaters.

Gern denke ich an die wenigen stillen Abendstunden in der Woche, an denen er sich ans Klavier setzte und vor sich hin spielte. Ich habe ihn dafür bewundert, denn er hatte niemals Klavierstunden erhalten und konnte nicht einmal Noten lesen. Er spielte aus dem Kopf, was er irgendwann einmal gehört hatte, gerne Volkslieder, aber auch z.B. ein Stückchen aus Schuberts Impromptu As-Dur (op. 142/2). Seine Besonderheit beim Klavierspiel bestand in einer Bevorzugung der schwarzen Tasten, so dass er sich nur in den hohen Kreuz- oder B-Tonarten bewegte, ohne darin eine Schwierigkeit zu erkennen. Das klinge in seinen Ohren besser, pflegte er zu sagen. Welch ein Gehör! Natürlich interpretierte er alle seine Stücke in gemessenem Tempo, denn fingertechnische Fertigkeiten hatte er nicht, dafür aber einen verkrüppelten kleinen Finger, eine Verletzung aus seiner lettischen Kavalleristenzeit. Die Begleitakkorde waren wunderschön, vielgestaltig und farbenreich. Ich selbst habe lange gebraucht, um mir in etwa eine solche Fertigkeit anzueignen.

Nach dem Tode seiner Frau lebte der Vater noch etliche Jahre in der Eldenaer Wohnung und versorgte sich selbst. Seinen 80. Geburtstag (1985) feierten wir in recht großer Runde. Ich habe den Vater seit dem Tod unserer Mutter nicht wieder so herzlich lachen gehört. Natürlich hatte auch die Dorfgemeinde an den Geburtstag gedacht. Der Bürgermeister kam mit einer Delegation. Aus der Kreisstadt waren einige Herren angereist, ehemalige Kollegen und Vorgesetzte. Es wurden Reden gehalten und herzliche Glückwünsche ausgesprochen, alles klang echt und war es vielleicht auch. Jedenfalls hat es dem Vater gefallen, und er hat gestrahlt.

Er starb ganz still am 27. April 1987 nach einem schweren Herzanfall.

Die Eltern haben ihr Leben gemeistert, mussten viele Tiefen durchschreiten, konnten aber doch in Dankbarkeit von der Welt Abschied nehmen. Beide haben ihre alte Heimat niemals wiedergesehen, wollten es vielleicht auch gar nicht mehr, weil immer wieder berichtet wurde, wie sehr sich dort alles geändert hatte, nicht mehr vergleichbar war mit dem, was als goldene Erinnerung geblieben war. Sie wären sicherlich nicht glücklich gewesen, die alten und geliebten Plätze so zu sehen. So blieb ihnen der Gedanke an schöne Zeiten, an die eigenen Jugendjahre und ein insgesamt glückliches Leben dort in weiter Ferne.