Die Zeit der Existenzgründung

Immerhin hatte ich eine harte Lehrzeit absolviert, habe viel gelernt und mich auch persönlich weiterentwickelt, war älter und reifer geworden und wußte nun, Stöße und Schrammen wegzustecken. Ich fühlte mich für das Leben vorbereitet.

Überglücklich betrat ich den Heimatboden und wurde von den Eltern wie ein verlorener Sohn empfangen. Ich hatte das Vergnügen, diesen Zustand des Zurückseins einige Tage zu genießen, war aber innerlich doch nicht ganz so ruhig, da ich Schritte unternehmen wollte, meine weitere Ausbildung zu sichern. Bei meinen Bemühungen, mir für Deutschland ein Stipendium zu erlangen, stieß ich auf Hindernisse, die zu überwinden mir nicht möglich waren. Da bekam ich Kontakt zu einem in der Nähe von Ligat ansässigen deutschen Landwirt, der mir anbot, auf seinem neuerworbenen Land einen Gartenbaubetrieb einzurichten. Voll optimistischer Naivität nahm ich sein verlockend erscheinendes Angebot an, hatte aber nicht genügend bedacht, daß ich wohl im Baumschulwesen ausgebildet bin, hier jedoch ein Gemüsebetrieb entstehen sollte. Da fehlte mir einige Erfahrung, so daß wir uns bald voneinander trennen mußten.

Die Gärtnerei Rohde mit Blick zum Wohnhaus

Jetzt begann ich lieber nach einem funktionierenden Betrieb zu suchen, der mich als einen Mitarbeiter einstellen wollte, wo ich zwar meine Fertigkeiten als Baumschulspezialist einbringen, aber im normalen gärtnerischen Alltag dazulernen konnte. So kam ich nach Talsen, in eine kleine Stadt im kurländischen Teil Lettlands, gelegen nordwestlich von Riga. Ich ahnte damals noch nicht, daß die Inhaberin, Elisabeth (Elly) Rohde, der dortigen Handelsgärtnerei fünf Jahre später meine Ehefrau werden sollte. Ich blieb nur eine relativ kurze Zeit, um noch andere Gärtnereibetriebe kennenzulernen, habe u.a. auch in Riga gearbeitet und dann noch einmal in Talsen. Zwischendurch unternahm ich mehrere Versuche, doch noch ein Stipendium für Deutschland zu erreichen. Es gelang nicht.
Im Frühjahr 1936 hatte sich Schwester Nora verlobt, schon im Juni fand die Hochzeit mit dem Stabsarzt Ulrich Hoheisel statt, und unmittelbar danach zog das frisch vermählte Paar nach Schwerin, um sich dort niederzulassen. Unser Vater hat gerade unter dieser Trennung sehr gelitten, war doch jetzt auch seine zweite Tochter davongezogen.
Im Juli erreichte mich in Talsen ein Telegramm; dem Vater ginge es gesundheitlich nicht gut, ich möge nach Hause kommen. Das klang beängstigend. Ich fuhr sofort und fand einen ernstlich erkrankten Papa vor. Bis dahin hatte er, nunmehr knapp siebzig Jahre alt, und trotz eines älteren Herzleidens noch täglich seine Wanderungen gemacht, meist an die Aa, um dort zu baden. Bei einem dieser Wege wurde ihm schlecht. Er schleppte sich mühsam zurück und legte sich ins Bett. Nach drei Tagen starb er.
Mit dem Tode des Vaters schloß sich das Tor zum Jugendparadies endgültig hinter uns allen, hatten wir doch keinen Anspruch mehr, das Haus der Fabrik weiterhin zu nutzen. Die Mutter ging nach Riga, und ich beendete bald darauf meine Tätigkeit in Talsen, um in der Nähe meiner Mutter eine neue Arbeit aufzunehmen. So kam auch ich nach Riga, wohnte bei meiner Mutter und arbeitete in einem Gärtnereibetrieb, inzwischen allerdings schon als erfahrener Gärtner mit guten Kenntnissen auf allen fachspezifischen Gebieten. Dies allerdings war auf Dauer keine Lösung. Ich wollte und mußte selbständig werden, auf eigenen Füßen stehen und dachte daran, auch einmal eine Familie zu gründen. Doch noch fehlte die Frau dafür.

Blick von der Gärtnerei auf die Kirche

Irgendwie trieb es mich um und meine Gedanken schweiften umher, vermutlich auch, weil ich Gefallen an der Gärtnerin aus Talsen gefunden hatte. Zu ihr zu fahren und ihr einen Antrag zu machen, erschien mir dann doch zu gewagt. Man könne denken, ich wolle mich ins gemachte Nest setzen. Und just zu diesem Zeitpunkt kam ein Brief meiner ehemaligen Chefin an mit der harmlosen Frage nach einem bestimmten Buch, über das wir uns einmal unterhalten hatten. So entwickelte sich eine Korrespondenz, in der schließlich nicht nur über Bücher und Lesegewohnheiten geschrieben wurde. Meine innere Zerrissenheit wich einer Sehnsucht, und so fragte ich eines Tages an, ob ich nach Talsen kommen dürfe. Plötzlich war alles ganz leicht. Wir trafen uns, sprachen uns aus, verlobten uns und waren uns rasch einig, mit der Hochzeit nicht länger zu warten. Als Tag wurde der 4. Juni 1939 festgelegt.

Elisabeth Rohde

Nachdem alle Verlobungsbesuche gemacht, die Verlobungskarten ausgeschickt und festliche Einladungen überstanden waren, begannen bereits die Vorbereitungen für die Hochzeit. Schwager Oskar und Schwägerin Herta Martinelli boten großzügigerweise ihr schönes ländliches Pastorat zur Ausgestaltung unserer Hochzeit an. Und dann war es so weit. Die Trauung konnte stattfinden.

Mir persönlich war der geplante Aufwand etwas viel. Eine stille, im engsten Familienkreise vollzogene Feierlichkeit hätte mir mehr zugesagt, doch die Auffassung meiner künftigen Frau war anders. Während ihres gesamten Lebens hatte sie die Meinung vertreten, daß man sich Höhepunkte schaffen müsse, die wie Lichtpunkte immer wieder aufblinken, man sich auch in trüben Stunden an ihnen erfreuen und daraus neue Kraft gewinnen könne. Und sie hat damit immer wieder den Nagel auf den Kopf getroffen und mir auch in späterer Zeit die Möglichkeit gegeben, mich an bestimmte Festlichkeiten gern zurückzuerinnern.

Unserem Fest jedenfalls fehlte es nicht an Glanz und verlangte mir beileibe keine Opfer ab. Ich war einfach glücklich und hielt gut aus, im Mittelpunkt zu stehen. Keiner der Anwesenden, eine große Gesellschaft aus Verwandten und Freunden, ahnte damals, daß es das letzte heimatliche Fest für uns sein würde und daß längst die Weltpolitik andere Bahnen für uns gelegt hatte.

Die Trauung wurde in der Talsenschen Kirche von unserem Schwager Oskar Martinelli vollzogen. Die Gäste fuhren im gemieteten Autobus, wir Frischgetrauten jedoch im Zweispänner, ins etwa vier Kilometer außerhalb Talsens liegende Pastorat, zeitlich so versetzt, daß wir unsere Hochzeitsgäste bereits mitten im festlich geschmückten Saal empfangen konnten. Das Essen bei Kerzenschein an der großen Tafel ist mir in besonderer Erinnerung, denn einer meiner Freunde, Gast bei unserer Feier, war der später als Geschichtsprofessor (Riga, Posen, Göttingen) und durch seine Schriften bekanntgewordene Reinhard Wittram. Er hat eine Rede gehalten, die an Rhetorik und Wärme ein wirkliches Meisterstück darstellen und mich tief berühren konnte. Wir tanzten fröhlich bis in den Morgen hinein, tranken manchen kurischen Schnaps, prosteten uns vergnügt zu und beschworen eine glückliche Zukunft. Es war unser Fest und letztlich auch der gemeinsame Abschied von der Heimat. Wir aber sollten erst einmal das gemeinsame Leben beginnen, uns eine Zukunft aufbauen. Betrachte ich nun das gemeinsame Leben mit meiner Frau gleichsam aus der erhöhten Perspektive des alternden Menschen, so kann ich dankbar sagen, daß wir viele Tiefen, die uns Lebenskraft gekostet haben, gemeinsam meistern konnten, aber auch Höhen erreichen durften.

Ende Juni begaben wir uns auf unsere Hochzeitsreise. Sie führte uns zuerst über Berlin nach Dresden. Dort waren wir Gäste beim Direktor eines Baumschulbetriebes, mit dem die Rohdesche Gärtnerei schon jahrelange Geschäftsbeziehungen unterhalten hat. Direktor Thiebe war bereits zweimal in Talsen gewesen und dort nach Landessitte sehr gastfrei aufgenommen worden. Nun suchte er Gelegenheit, sich in großzügiger Weise zu revanchieren. Wir hatten einige Tage Zeit, diese wunderschöne Stadt an der Elbe zu genießen, fuhren auch einmal auf die Bastei in die Sächsische Schweiz. Es wurde ein wundervoller Abend hoch oben über dem Elbtal. Unser Gastgeber bewirtete uns in der Glasveranda eines Restaurants. Von dort hatten wir einen weiten und freien Blick auf die charakteristische Landschaft mit den tiefen Einschnitten und wurden durch das dunkle Gewölk und die aufflammenden Blitze eines herauf-ziehenden Gewitters eindrucksvoll gefesselt. Schließlich brach die Abendsonne wieder durch und tauchte die Landschaft in unwirkliches Licht – ein Erlebnis von seltenem Reiz.

Wir reisten weiter nach Nürnberg, in die Stadt Hans Sachsens, der Meistersingern, Albrecht Dürers und anderer altdeutschen Größen, ein geschichtsträchtiger Ort. Wir waren sehr angetan von den schönen Stadtansichten und der romantisch wirkenden Burg. Allerdings waren wir erst gegen Abend angekommen und hatten kein Hotel vorbestellt. So baten wir einen Taxifahrer, uns in ein Hotel mittlerer Güte nach eigenem Ermessen zu bringen. Damit stießen wir auf ein ungeahntes Problem, denn es fand gerade ein Sängerfest statt und alle Unterbringungsmöglichkeiten, selbst in den teuren Hotels, waren besetzt. Beim Taxifahrer keimte Mitleid auf und er bot uns eine Lagerstatt in seiner Wohnung an, denn er habe Platz, seine Frau sei verreist und den Jungen könne man umquartieren. Wir machten kurzentschlossen und dankbar von dieser Gastfreundschaft Gebrauch und kamen in ein Haus, das aus der Zeit von Hans Sachs zu stammen schien, eng und verwinkelt im Inneren. Als wir das frischgemachte Bett aufschlugen und sahen, daß eine Wanze erwartungsvoll und gemächlich über weißen Linnen spazierte, wurde unsere Freude für einen Moment unterbrochen. Doch was sollʼs, wir hatten die Möglichkeit, uns auszustrecken und brauchten nicht im Wartesaal zu schlafen. So wurde die Wanze ermordet, ganz so wie ich es bei der lettischen Armee gelernt hatte, und wir hatten eine ruhige Nacht.

Am Folgetag reisten wir weiter nach Dinkelsbühl und kamen – wie es uns erschien – mitten hinein die Bühnenkulisse eines romantischen Märchenstoffes. Jedenfalls hatte ich mir immer vorgestellt, daß die Menschen in grauer Vorzeit ähnlich gemütlich gewohnt haben könnten. Herrlich anzuschauen waren die mittelalterlichen Fachwerkhäuser, romantischen Brunnen, gotischen Kirchen und die trutzig wirkende Ringmauer mit den kräftigen Wehrtürmen.

Allerdings hielten wir uns nicht lange in diesem schönen Städtchen auf, sondern fuhren weiter nach Stuttgart. Dort bezogen wir Quartier in einem nicht allzu üppigen Hotel auf dem Hasenkopf. Uns versöhnte der prächtige Blick über die ganze Stadt und die sie umgebenden Hügel, besonders schön in nächtlicher Beleuchtung. Wir waren aber vor allen Dingen nach Stuttgart gereist, um uns die seit einigen Jahren bestehende Gartenbauausstellung anzusehen. So widmeten wir ihr die meiste Zeit und gewannen hübsche Eindrücke und gute Anregungen.

Unsere nächste Reiseetappe brachte uns über Frankfurt und Hamburg nach Kiel, wo wir uns Schwager Paul Kern und Ellys Schwester Alice als frischgebackenes geschwisterliches Ehepaar vorstellen wollten. Wir verlebten dort einige abwechslungsreiche Tage und verabschiedeten uns in Richtung Schwerin zu Nora und ihrem Mann Ulrich Hoheisel. Auf einer sehr reizvollen Wagenfahrt mit zwei Braunen davor, die mich lebhaft an „Cherry“ und „Brandy“ erinnerten, warf ich zum ersten Mal einen Blick in das mecklenburgische Land, nicht ahnend, daß es in Zukunft unsere zweite Heimat werden sollte.

Über Berlin traten wir die Heimreise an. Im Zuge nach Riga sitzend schlugen uns die ersten Takte unserer eigenen Schicksalssymphonie ans Ohr. Wir sahen große Militärtransporte auf vielen deutschen Bahnhöfen und wußten nicht recht, was davon zu halten sei. Ob aber der Anblick auch bei uns den Verdacht auf bevorstehende Ereignisse geweckt hat, weiß ich nicht.

In der Heimat angekommen, begannen wir unser junges Eheglück zu genießen und uns einen eigenen Lebensrhythmus zuzulegen. Meine alte Mutter kam für vierzehn Tage zu uns nach Talsen, um festzustellen, daß es ihr Sohn geschafft hat, auf eigenen Füßen zu stehen. Eines Abends sahen wir gemeinsam ein gewaltiges, von weiß über rot nach grün reichendes Nordlicht und waren sehr beeindruckt, war doch auch bei uns so ein Himmelsschauspiel höchst selten zu beobachten. Es heißt ja, daß ein solches Ereignis als böses Omen anzusehen ist. Und als dann am 1. September 1939 tatsächlich der Krieg ausbrach und Hitler in Polen einmarschierte, hätte man wirklich denken können, daß beide Ereignisse in unmittelbarem Zusammenhang gestanden haben könnten.

Es war der zweite Krieg in meinem Leben. Und er sollte noch viel mehr von mir abfordern, meine noch unvollständige Familie direkt berühren, mich darüber hinaus an die Front führen und mir den ganzen Wahnsinn, zu dem Menschen fähig sind, offenbaren.