Die Pforten der Heimat öffnen sich wieder

Unser Vater war wieder vorausgefahren. Die Auflösung des Hausstandes kostete dieses Mal die Mutter weniger Mühe, denn wir hatten uns verschiedene Möbel nur ausgeliehen. Die wurden rasch zurückgegeben, und alles andere konnte für ein Billiges verkauft werden. Und dann durften wir endlich die Koffer packen. Voller Ungeduld warteten wir auf den Tag der Abreise. Als der kam, fieberten wir nur noch aufgeregt der Reise entgegen. Was würde uns in der Heimat begegnen? Wie würden wir sie vorfinden? Ist noch alles so, wie es einmal war?

Der Abschied von unseren Freunden Bukowski fiel allen sichtlich schwer. Sie hatten den Vater verloren und mußten zurückbleiben. Wir durften in die Heimat zurückkehren. Bukowskis werden uns nicht ohne Neid nachgeschaut haben, hatten sie doch eine weitaus ungewissere Zukunft vor sich.

Solange die Reise durch das deutsche Reichsgebiet verlief, ging alles einigermaßen reibungslos. Als wir jedoch nach Litauen kamen, war sogleich zu bemerken, daß wir ein Gebiet betraten, das sich von den Schrecken des Krieges noch keineswegs erholt hatte. Die Länder Litauen, Lettland und Estland waren 1919 autonome bürgerliche Republiken geworden und kämpften jetzt mit enormen Aufbauschwierigkeiten, sowohl politisch als auch materiell. So war es nicht verwunderlich, daß auch das Transportwesen arg gelitten hatte, die Eisenbahnanlagen heruntergewirtschaftet waren und die Züge nur mit großen Verspätungen verkehrten.

Unsere kleine Inge, etwa zwei Jahre alt, konnte noch nicht allein gehen, hatte sich aber eine andere Bewegungsform zugelegt. Sie rutschte auf den vier Buchstaben und mit den Beinchen rudernd auf dem Boden herum. Sie wünschte auch, diese Fortbewegungsform in den schmutzigen Eisenbahnabteilen beizubehalten und nutzte jede sich bietende Möglichkeit, unter den Sitzbänken zu verschwinden. Es war ein reichlich ermüdender Kampf gegen den unbändigen Tatendrang der kleinen Schwester.

Riga mit Dom und Petrikirche

Doch irgendwann fand auch diese Fahrt ihr Ende. Wir näherten uns Riga. Da tat sie sich auf die vertraute Stadtsilhouette mit den Kirchtürmen der Jakobi-, der Petrikirche und dem wuchtigen Turm des Domes. Das breite Band der Düna konnte auf der inzwischen wieder hergestellten Eisenbahnbrücke überquert werden, und wir fuhren in den Bahnhof ein. Selbst die altbekannten einspännigen Fuhrmänner standen da. In Riga war ein Fuhrmann keine Person, die einen diesbezüglichen Beruf ausübt, sondern ein Gefährt zum Zwecke der Personenbeförderung, bestehend aus Pferd, Kalesche und dem Rosselenker. Im Sprachgebrauch hieß es: „Im Fuhrmann fahren“, nicht „mit dem Fuhrmann“. Auch sagte der Rigenser: „Ich steige in den Fuhrmann.“ Die Räder der Kalesche waren mit Hartgummi bereift, die Sitze meist mit Plüsch bezogen, und der Kutscher saß immer seitwärts auf dem Bock, schwang beim Fahren die Peitsche und ruckte an der Leine. Im Fuhrmann fahren war ein Lebensgefühl, nicht vergleichbar mit einer Taxifahrt, wie sie erst später aufkam.

Wir also fuhren auch im Fuhrmann. Ich weiß nicht mehr, wohin und bei wem wir übernachtet haben, denn erst am nächsten Tag konnten wir die Weiterreise nach Ligat antreten. In Riga fand man immer Unterkunft bei Verwandten oder Freunden, denn Gastfreundschaft war bei uns – wie schon gesagt – die selbstverständlichste Sache der Welt. Eines war uns bei der Fahrt durch Riga aufgefallen und hat uns deprimiert, die Straßen waren unsauber, alles wirkte irgendwie ungepflegt und die Passanten sahen ärmlich angezogen aus. Der Krieg war eben erst kürzlich über das Land gefahren und hatte allzu viele Spuren hinterlassen.

Als wir auf der altbekannten Bahnstation in Ligat eintrafen, stiegen wir auf der linken Seite aus, wie wir es gewöhnt waren. Und wirklich, es war richtig, da stand tatsächlich ein Zweispänner, die viersitzige Bretterdroschke aus früheren Tagen. Ihr Anblick jedoch war erbärmlich. Die Pferde paßten weder in Wuchs noch in Farbe zusammen, das Pferdegeschirr war zusammengeflickt und abgeschabt, die Pferdezügel waren nicht mehr gute Leinen, sondern simple Stricke, der Kutscher selbst, anstatt in blauer Livree, saß in ausgebeutelter Arbeitskluft auf seinem Bock – alles in allem ein ernüchternder Anblick, hatten wir doch die Ligater Gefährte ganz anders in Erinnerung. Aber Hauptsache, wir fuhren nach Hause, in unser wirkliches Zuhause, zum Ziel unserer Sehnsucht. Als wir dann die Pflasterstraße entlangratterten und vieles wieder erkannten, was so vom Straßenrand herübergrüßte, vergaßen wir rasch die erste Enttäuschung, und das Glück, wieder daheim sein zu können, erfüllte uns. Da war die alte Eichenallee von Paltemal und dann der alte Friedhof. Da stand wahrhaftig das Baumpaar in brüderlicher Einigkeit. Aus dem Tal aber grüßte die schwarze Rauchfahne der Fabrik, ein frohmachender Gruß. Sie arbeitet wieder! Endlich rollte der Wagen über die Bohlen der braunen Gartenpforte, und da stand das Elternhaus, genauso wie wir es abschiedsnehmend vor mehr als zwei Jahren verlassen hatten. Nur eins erstaunte mich, es schien alles etwas kleiner und enger geworden zu sein, das Rondell vor allem, aber auch der ganze Garten. Als wir dann in die Wohnung kamen und durch die Räume liefen, war uns zu Mute wie kleinen Kindern, die vor dem Weihnachtsbaum stehen und sich vor Freunde jubelnd in die Arme der Mutter werfen. Wir waren zu Hause!
Es zeigte sich jedoch bald, daß in Ligat tiefgreifende Veränderungen vor sich gegangen waren, größere als man an den heruntergekommenen Pferdegespannen ablesen konnte. Es waren andere Menschen in die Fabrikleitung eingezogen, und auch die Aktiengesellschaft hatte personelle Veränderungen erfahren. Insgesamt durchwehte ein neuer, sehr viel anderer, ein enger Geist unser Ligat. Für unsere Eltern hieß es, mit diesen neuen Menschen ein gut-nachbarliches Verhältnis zu finden. Das gelang ganz gut, doch das verbindende Band der „Fraternitas Baltica“ fehlte. Mein Vater war nun der einzige Farbenträger der „Balten“ in Ligat.

Die Umstellung für unseren Vater war doch wohl gewaltig. Seine Verantwortlichkeit in der Fabrik hatte sich stark erweitert. Das schien ihm nichts auszumachen, denn er arbeitete gern in seinem Metier, doch sich im neuen Arbeits- und Betriebsklima zurechtzufinden, bereitete ihm sichtliche Probleme. Er war von alters her an eine gewisse Großzügigkeit gewöhnt, Geben und Nehmen galt vordem als Maß, wenn auch im Rahmen einer allseitigen Pflichterfüllung, doch jetzt wurde kleinlich auf Gewinn geachtet, auf beinahe unerträgliches Gewinnstreben, dem sich alles unterzuordnen hatte. Auch wenn weiterhin die sozialen Einrichtungen bestanden, nur die Gesundheitspflege war von der Krankenkasse übernommen worden, war es sehr viel anders geworden in der Heimat. Dennoch, glaube ich ruhig sagen zu können, daß auch er glücklich war, wieder am alten Platz zu wachsen.

Die Tage vergingen, langsam wich in uns der Glücksrausch, wieder zu Hause sein zu können. Der Ernst des Lebens hielt Einzug: wir Kinder mußten unsere Schulausbildung fortsetzen. Die Eltern hatten beschlossen, mich für den Rest des Schuljahres nach Riga zu schicken. Bis zu den großen Ferien waren es immerhin noch drei Monate. Lisi aber sollte Nora unterrichten, konnte folglich zu Hause bleiben, denn erst im Herbst wollte sie in Riga eine Stelle annehmen, und dann sollte auch Nora in der Stadt eingeschult werden.

Für mich wurde dieser unerfreuliche Aspekt, nach Riga ausgesiedelt zu werden, nun tatsächlich Wirklichkeit. Ich sollte dort, in Weiterführung der Unterteria von Witzenhausen, die 8. Grundschulklasse besuchen. Im Gegensatz zu Witzenhausen, auch andernorts im Deutschen Reich, gab es in Lettland nur zwei Schultypen, die achtklassige Grund- und eine vierklassige Mittelschule, die mit dem Abitur abschloß und den Schüler für den weiterführenden Besuch einer Universität oder Hochschule befähigte. Ich wurde nun also in Pension gegeben und kam zu einer Familie, die bereits sechs oder sieben Pensionäre aufgenommen hatte. Die Wohnung aber war nicht danach ausgelegt, eigentlich viel zu eng für die vielen Menschen, die alle nach einem Plätzchen suchen mußten, um ihre Arbeiten, wir wenigstens unsere Hausaufgaben machen zu können.
Im Umschulen hatte ich mittlerweile einige Erfahrungen und nahm das alles nicht mehr so tragisch wie damals in Pirna, betrat auch ohne größeres Herzklopfen meine neue Schule. Doch da war ich recht verblüfft, als ich bemerken mußte, daß es dort wesentlich ältere Schüler als mich gab. Einige hatten sogar schon als Soldaten im Krieg gekämpft, zumindest renommierten sie mit ihren kriegerischen Taten. So ganz wohl war mir nicht, mich unter solchen Kriegshelden aufhalten zu müssen. Und noch eins befremdete mich, widersprach es doch der baltischen Mentalität, ich sollte plötzlich die lettische Sprache lernen, die Sprache der Landbevölkerung. Es hat eine Weile gedauert, bis auch ich begreifen konnte, daß jedes Land seine nationalen Grundsätze durchsetzen will. Lettland war nach dem Krieg ein selbständiger Staat geworden, wurde nicht mehr von den Deutschen dominiert bzw. den Russen drangsaliert und hatte sich natürlich seine eigene Amtssprache gegeben. Daß vor dem Krieg russisch die übliche Amtssprache war, hatten wir gar nicht ernst genommen, waren wir doch gewöhnt, daß lange Zeit die deutsche Sprache überall akzeptiert wurde. Lettisch spielte damals für uns keine Rolle, und es gab nur wenig Deutsche, die sich bewußt mit dieser Sprache auseinandergesetzt haben, einige Pastoren vielleicht. Natürlich schnappten wir immer wieder einige Worte auf, verstanden auch einiges, aber auf die Idee zu kommen, diese Sprache wirklich lernen zu wollen, kamen wir nicht. Aber nun mußten wir. Die armen Lehrer, die uns in der Landessprachen unterrichten sollten, hatten es sicherlich nicht leicht.

Die drei Monate bis zu den Sommerferien vergingen, und tief beglückt konnte ich nach Ligat fahren. Glückliche zweieinhalb Monate standen bevor. Dann sollte die Mittelschule folgen. Vielleicht war auch dies ganz interessant. Immerhin hatte ich wohl begriffen, daß die Schule zwar Arbeit und Mühe macht, aber doch wohl notwendig ist. Der Sommer war, wie immer, viel zu kurz. Allerdings habe ich beim Herumstreifen oft meinen Kindheitsfreund Fred vermißt. Wie es ihm ergehen mochte? Nun baute sich in mir die wohlbekannte Spannung auf, die mich immer ergriff, wenn sich die Schulzeit wieder näherte. Dieses Mal aber war noch mehr dahinter, denn einerseits sollten Lisi und Nora mit nach Riga kommen, und wir drei in einer neuen Pension gemeinsam wohnen. Das versprach Kurzweil. Aber das Erregendste war wohl doch, daß ich nun in die Mittelschule kommen sollte, also zu den Großen gehören würde.Riga makslas akademija academy of artDiese neue Schule nannte sich offiziell „Deutsche Städtische Mittelschule“ und war im ehemaligen Börsen-Kommerz-Schulgebäude untergebracht, ein prächtiger neugotischer Bau von Wilhelm Bockslaff. Er war wirklich schön von außen anzuschauen, hatte aber auch innen seine Vorzüge. Die Klassenräume waren gut ausgestattet, waren hell und freundlich, nicht zu vergleichen mit all den Schulgebäuden, die ich bisher erlebt hatte. Schon das Portal erfüllte den eintretenden Schüler mit einer positiven Einstellung, es sei denn er kam unvorbereitet zum Unterricht und betrat sorgengebeugt den Tempel des Wissens.

Das doppelte Quartett

Zusammen mit einigen Klassenkameraden hatte ich in der zweiten Mittelschulklasse ein doppelt besetztes Gesangsquartett gegründet. Wir traten bei Schulfesten, aber auch in der Öffentlichkeit mit schönem Erfolg auf und hatten selbst große Freude am Singen, das sich schließlich zu einer wahren Leidenschaft entwickelte und überall, wo wir zusammen waren, praktiziert wurde. Ich habe die schönsten Erinnerungen an mein „Sängerleben“. Mit einem meiner Mitschüler, Edgar Kerpe, hatte ich Freundschaft geschlossen. Er war auch mehrfach mit mir zusammen nach Ligat gekommen und hat sogar nach dem Abitur einige Zeit als Praktikant in der Fabrik gearbeitet.

Unser Klassenlehrer während der gesamten Schulzeit hindurch war Alfred Schönfeld, genannt „Edda“ oder auch „Der Neid“. Wir hatten diese Spitznamen von unseren Vorgängern übernommen, ohne uns darüber Gedanken zu machen, woher sie kamen. Ich mochte allerdings den Namen „Der Neid“ nicht und habe ihn auch niemals benutzt. Er paßte einfach nicht auf diesen Mann, einen Lehrer, der mit aufopferungsvoller Hingabe seine Klasse bis zum Abitur geführt hat. Man konnte ihn mit Fug und Recht unseren väterlichen Freund nennen.

Nicht wegzudenken aus der Schulzeit ist der Leseabend „Fidelitas“. Mit gewissem Stolz trugen wir kleine silberne Anstecker am Rockaufschlag, die uns als Mitglieder ausweisen sollten. In Abständen trafen wir uns sonnabends in der Wohnung eines unserer Mitschüler und lasen mit verteilten Rollen klassische Dramen und diskutierten darüber. Dies war eine feine Sache, ganz ohne schulischen Lernzwang und ohne jegliche erzieherische Absicht. Wir suchten uns den Gegenstand unseres Interesses selbst aus und hatten Freude daran, uns in diese sonst durch den Schullernstoff rasch verleidete Klassik hineinzudenken. Natürlich hätten wir auch Prosa lesen können, gar Romane oder Erzählungen und darüber sprechen. Doch auf diesen Gedanken kamen wir nicht, denn es war eben im baltischen Deutschtum feste Tradition, sich mit Dramen und verteilten Rollen zu beschäftigen.

Robert in Ligat

Es ergab sich eine Besonderheit für meine Klasse, denn zu uns, eine üblicherweise reine Jungenklasse, kamen vier Mädchen. Diese wollten Latein lernen, und das konnten sie eben nur bei uns. Daher gab es eine Ausnahmegenehmigung. Die Mädchen haben sich wunderbar in den Klassenverband eingefügt, sogar auf uns heranwachsende Männer einen günstigen Einfluß ausgeübt. Den Skeptikern gegenüber gemischten Klassen haben die Mädchen vortrefflich ad oculus geführt, welche Vorteile so etwas haben kann.

Am 23. Mai 1925, genau am Tage meines Geburtstages – inzwischen gab es den alten russischen Kalender nicht mehr, sondern wir datierten nun wie andere Länder auch – begann das schon lange mit Zittern und Zagen erwartete Abitur. Natürlich hat – wie immer – jeder Schüler so seine Schwächen und befürchtet, daß gerade diese besonders auffallen könnten und einem die Zensur oder gar die gesamte Prüfung versauen würden. Wie glücklich aber ist jeder sich drangsaliert Fühlende, wenn es plötzlich heißt: „Geschafft!“ Nun lag die Welt vor einem, und alles schien eitel Glück und Sonnenschein. Wir machten zum Schulabschluß noch eine herrliche Fußwanderung mit unserem Lehrer. Auch die Mädchen waren mit von der Partie. Für mich war aber schon der erste Wermutstropfen dabei, hatte ich mich doch in eines unserer Mädchen verliebt und mußte nun schon Abschied nehmen. Sie verzog zusammen mit ihren Eltern nach Deutschland, und ich blieb zurück. Wir hatten – sehenden Auges – vereinbart, uns nicht gebunden zu fühlen und haben dennoch sechs Jahre lang aufeinander gewartet. Diese innere Verpflichtung hat mich während meiner Studienzeit vor so mancher Jugendtorheit bewahrt, lebten wir doch nicht außerhalb der Welt und waren auch keineswegs vor allen Anfechtungen gefeit.

Dennoch ein schöner Sommer in Ligat erwartete mich. Vorerst verschwendete ich keinen Gedanke an irgendeine, wie auch immer geartete Zukunft. Ich wollte einfach nicht daran denken, daß durchaus Schwierigkeiten zu erwarten waren, wenn ich als Deutscher studieren wollte. Die Zeiten waren vorbei, da es noch Privilegien für uns Deutsche gab. Jetzt lebten wir im lettischen Staat und hatten uns den Anforderungen zu stellen, die eingeführt worden waren. Die Palette der Möglichkeiten für meine Studienwünsche war ohnehin recht beschränkt. Gern hätte ich Forstwirtschaft studierte. Deutsche Förster aber wurden in der staatlichen Forstverwaltung nicht eingestellt. Es hätte auch Landwirtschaft sein können, aber Deutsche bekamen kein Land zu kaufen. Ich hätte mich verdingen müssen. Das wollte ich nicht. So sollte es denn Medizin werden. Das bedeutete aber, daß ich, um an die „Latwijas Augstskola“ immatrikuliert zu werden, ein Konkurrenzexamen in lettischer Sprache (Sprachexamen gegen die Konkurrenz lettischer Mitbewerber) bestehen müßte. Nur ein Viertel aller Bewerber konnte sich Hoffnung auf einen Studienplatz machen. Mein Lettisch war trotz aller Schulkenntnisse längst nicht reif, um damit eine derartige Prüfung abzulegen. Es galt also, die Sommerferien 1925 auch für die Sprachfertigkeit zu nutzen. Um es kurz zu machen, es gelang mir nicht so wie erwünscht, ergaben sich doch allerlei Ablenkungsmanöver im sonnendurchglüten Ligatsommer, Dinge, die mich offensichtlich weitaus mehr beschäftigen hatten.

Ein bedeutendes Ereignis, das sich allerdings schon um Ostern herum vollzogen hatte, beherrschte diesen Sommer. Lisi hatte sich mit Paul Ehlers verlobt. Er hatte sich ganz in der Nähe, im Gesinde (Bauernhof) Wiek, eingemietet, war aber sehr oft auch bei uns in Ligat. Ich mochte seine muntere Art, ihn aber auch deshalb, weil er ein Fahrrad hatte, bei uns damals noch keineswegs selbstverständlich. Nun lernte ich, verbunden mit einigen eleganten Stürzen, das Radfahren. Damit öffnete sich mir auch die weitere Umgebung meiner schönen Heimat. Ich genoß es, durch die Natur zu radeln, den Wald aus einer anderen Sicht zu erleben, die Wiesen und Felder in ihren frischen Farben zu betrachten und die frische Luft, wie sie einem um die Nase strich, zu genießen. Dachte ich an meine bevorstehende Sprachprüfung, wurde mir zwar hundeelend, doch leichtsinniger Optimismus verdrängte mein zaghaft anklopfendes Gewissen. Ich fühlte mich doch sehr frei und glücklich. Alles andere war weit weg.