Herta Martinelli

Elisabeth Ernestine Rohde, geb. Reichard. Geboren 25.2.1868 alten Stils in Libau. Tochters des Tischerlmeisters Ferdinand Reichard. Gestorben 20.1.1949 in Warlow, Kreis Ludwigslust. Boris Georg Wilhelm Rohde. Geboren 24.08.1863 alten Stils in Preekuln, Kurland, gestorben 3.4.1932 in Talsen. Gärtnereibesitzer.

In großer Dankbarkeit muss ich an unser Elternhaus denken, in dem wir in Sorglosigkeit aufwachsen durften. Unsere liebe Mutter war die Seele des Heims, sie verstand es, eine Atmosphäre der Gemütlichkeit und Heiterkeit zu Verbreiten und umgab uns Kinder mit ständiger Sorge und Liebe. Es war ja eine schlichte Bürgerfamilie und doch wurde in ihr , dank meiner Mutter, der Sinn für Musik und Literatur gepflegt. Der hervorstechendste Zug ihres Charakters war die tiefe Frömmigkeit, die sie auch uns Kindern zu vermitteln suchte. An jedem Abend wurde eine kurze Andacht gehalten, etwa ein Lied aus dem Gesangbuch oder ein Psalm gelesen, öfter auch ein Choral gesungen, den meine Mutter begleitete.
Am Sonntag früh weckte uns unsere Mutter mit einem Choral, den sie im Wohnzimmer auf dem Klavier spielte, worauf dann ein lustiger Walzer folgte. Die Frömmigkeit meiner Mutter und ihre Gebete bewirkten auch, dass wir vier Geschwister überzeugte Christen wurden. Mein Bruder fiel mit 18 Jahren in der Baltischen Landeswehr. In seinem Tornister fand man seine Konfirmationsbibel, die er ins Feld mitgenommen hatte und die man uns zuschickte. Da mein Vater wegen eines Herzleidens nur am Gründonnerstag zur Kirche und zum Abendmahl ging, las meine Mutter an jedem Sonntag Vormittag eine lange Predigt und sang mit uns einen Choral. Nach dem Mittagessen gingen wir Kinder ohne zu murren mit unserer Mutter zum Gottesdienst, ohne zu klagen, dass es uns zu viel würde. Auch war meine Mutter Mitglied des sogenannten “Armenvereins” und war ständig bestrebt, notleidenden Mitmenschen zu helfen. So mussten wir als Kinder täglich einer alten Frau Sachs das Mittagessen bringen, was uns oft lästig war.
Unsere Mutter erlebte mit uns gemeinsam die Umsiedlung nach Deutschland im Jahr 1939 und lebte in der Familie meiner Schwester Elly Burmeister (nach der Flucht aus Posen) in Mecklenburg bis zu ihrem Tode 1949. Sie ist in Warlow, Krs. Ludwigslust, bestattet.
Mein Vater war ein zurückhaltender und sehr pflichtbewusster Mensch. Die Erziehung der Kinder lag in dem Bereich der Mutter, aber bei größeren Entscheidungen war das Wort des Vaters ausschlaggebend. Während der deutschen Okkupation war mein Vater Bürgermeister unseres Städtchens und zwar versah er dieses Amt jahrelang ehrenamtlich ohne ein Gehalt zu beanspruchen. Diese Tatsache rettete meinen Vater vor der Verhaftung während der Bolschewiekenzeit, denn es machte auf den Kommissar Kretul einen großen Eindruck, dass mein Vater so selbstlos und pflichtgetreu gearbeitet hatte.

An seiner Beerdigung beteiligte sich eine Abordnung der Stadtverwaltung mit dem lettischen Bürgermeister und erwähnte auch im Nachruf in der Zeitung, dass es unserem Vater in der Zeit der Not gelungen war, die Bevölkerung mit Brot zu versorgen. Es war eine gütige Fügung, dass unser Vater noch vor der Umsiedlung der baltischen Volksgruppe nach Deutschland starb, denn er hätte sich nicht entschließen können, die Heimat zu verlassen.

Grabkreuz Wilhelm Rohde 2015
Rohde war von Natur aus gegenüber anderen Menschen friedlich und tolerant, ohne Unterschied der ethnischen Herkunft, obwohl er selbst Deutscher war. Auch die Bedürfnisse und Sorgen der Arbeitnehmer verstand er, weshalb er von ihnen hoch angesehen war. [..] Mit ihm geht ein Mensch mit großem Sinn für Gerechtigkeit und Ehrlichkeit, was in diesen Zeiten im Zusammenleben der Bürger selten anzutreffen ist.Antra Grūbe: