Herta Martinelli

Doch nun zurück zum Jahre 1915. Es war klar, dass wir Balten mit großer Spannung den Vormarsch der deutschen Armee verfolgten und uns täglich fragten: wann rücken die deutschen Truppen bei uns ein und befreien uns vom russischen Joch? Wir beobachteten, wie sich der lettischen Bevölkerung eine gewisse Nervosität bemächtigte, wie schließlich die Behörden evakuiert wurden und eine Flucht eines Teils der lettischen Bevölkerung einsetzte, die den Zeitungen glaubte, dass die Deutschen den Menschen die Nasen und Ohren abschneiden würden. Endlich, eines Tages im Mai 1915 beobachteten wir, wie eine Abteilung russischer Kavallerie auf einer Wiese hinter unserem Garten Halt machte. Sie befand sich offenbar auf der Flucht und legte eine Ruhepause ein, um bald weiterzureiten. Kurz darauf verließen die Polizei und der Kreischef unser Städtchen, wobei sie so schnell ritten, dass der Polizeimeister seine Uniformmütze verlor, die in einem Straßengraben nachher gefunden wurde. Offenbar waren ihnen die Deutschen schon auf den Fersen. Nun waren wir ohne einen polizeilichen Schutz, was ein eigenartig unsicheres Gefühl war. Meine Schwester Alice und ich beschlossen daher, in der Nähe der Eltern zu bleiben und fanden es recht abenteuerlich, im Wohnzimmer auf unserem großen sibirischen Bärenfell zu schlafen. Obgleich wir ein Laken über des langhaarige Fell gedeckt hatten, übte es auf meine Atmungsorgane eine schädliche Wirkung aus, denn am Morgen konnte ich nicht mehr richtig durchatmen und hatte das Gefühl, als ob sich eine Last auf meine Brust gelegt hätte. Es war der Anfang meines Bronchialasthmas, das ich mein Leben lang, bis zum heutigen Tage behalten habe.

Herta Rohde – etwa 16 Jahre alt Familie Rohde, links Herr Ahlschläger, rechts Paul Kern

Endlich am nächsten Tage war der schicksalshafte Moment unserer Befreiung gekommen. Ich sehe noch unseren lettischen Gärtnerburschen ins Zimmer stürzen mit dem lettischen Ruf “Vācieši klāt” – die Deutschen sind da – und höre meinen Vater begeistert “Hurra” rufen, sehe ihn nach seiner Mütze greifen und hinaus stürzen, dem deutschen Militär entgegen, das durch die Hauptstraße einzog. Es waren Demminer Ulanen mit ihren kleinen Fähnchen auf den Lanzen, die von der deutschen Bevölkerung stürmisch begrüßt, aber von der lettischen Bevölkerung skeptisch und zurückhaltend angesehen wurden. Der Vortrupp der Ulanen zog auf den schönen Pferden bald weiter und es folgte eine Division mit dem Generalstab, die in Talsen und Umgegend Quartier bezog. Nun veränderte sich unser Leben mit einem Schlage. Mein Vater wurde von der “Deutschen Kommandantur” zum Bürgermeister eingesetzt, denn er hatte als reichsdeutscher in Neuruppin bei den 64rn gedient und genoss dadurch das Vertrauen der Militärbehörde.
Er beschäftigte meine Schwester Alice und mich als Schreibkräfte in seinem Büro, denn die russische Schule gab es für uns nicht mehr und im Bürgermeisteramt war eine Menge Arbeit für uns. Es musste eine Rationierung der Lebensmittel eingeführt werden, um die Ernährung der Bevölkerung sicher zu stellen, zu diesem Zweck wurden in jedem Monat Lebensmittelkarten ausgegeben und eine städtische Bäckerei eingerichtet. Durch die Flucht eines Teils der lettischen Bevölkerung fehlten auf dem Lande Arbeitskräfte für die Ernte. Um diesem Mangel abzuhelfen, mussten alle arbeitsfähigen Bewohner erfasst und eingesetzt werden.
Uns machte die Arbeit im Büro Freude und hinzu kamen die neuen Bekanntschaften mit den deutschen Militärpersonen, die bei uns im Hause verkehrten. Sie waren froh, außerhalb des Dienstes eine deutsche Familie besuchen zu können. So denke ich mit Dankbarkeit an zwei ältere Feldwebel des Kreisamtes, einen Lehrer aus Straußberg, Ahlschläger, der sehr gut die Geige spielte und unserem Bruder Willy Geigenunterricht gab. Die beiden Herren kamen regelmäßig jeden Sonntag zu uns zum Abendbrot und nach dem Essen wurde nach Herzenslust musiziert. Meine Schwester Alice und ich spielten vierhändig die bekannten Ouvertüren “Der Kalif von Bagdad”, “Norma”, “Zampa” und andere Klavierstücke, die von Herrn Ahlschläger und meinem Bruder begleitet wurden. Es war wie ein kleines Orchester. Herr Borchert wiederum hatte eine gute Stimme und sang zur Klavierbegleitung meiner Schwester. Zum Schluss kam immer ein Abendgruß an die Familie im fernen Deutschland ” Am Abend, bevor ich zu Bette gehe, blick ich hinaus in die Nacht”.

Herta Rohde – etwa 16 Jahre alt

Es waren für uns sorglose unbeschwerte Jahre, an die ich mit Freude zurückdenke. In diese Erinnerung gehört auch unser Jugendkamerad Siegfried Bergenguen, Sohn unseres Pfarrers. Mit ihm waren wir während der Schulferien täglich zusammen. Wir vier Jugendliche machten im Sommer eine schöne Fußwanderung durch das Abautal mit Rucksack und Klampfe und viel Gesang. In Zabeln wurden wir bei gastfreien Bekannten freundlich zur Nacht aufgenommen. Diese Wanderung gehört auch zu meinen liebsten Jugenderinnerungen.
An dunklen Herbst- und Winterabenden besuchte uns regelmässig ein junger Feldgrauer, ein Mecklenburger, der uns aus Werken von Fritz Reuter vorlas. So lernten wir im echten Mecklenburger Plattdeutsch “Un mine Stromtid”, “Ut mine Festungstid” und andere Dichtungen von Fritz Reuter kennen.
Auch lud unsere baltische Dichterin Elisabeth Goercke, deren Vater eine Apotheke besaß, einen Kreis von jungen Menschen ein Mal wöchentlich zu einem Leseabend ein, an dem wir hauptsächlich die nordischen Dramatiker lasen: Strindberg, Ibsen, Björnson.