Herta Martinelli

Die Jahre vor dem 1. Weltkrieg vergingen ruhig und da es noch kein Radio oder Fernseher gab, erfuhr man von den Weltereignissen nur durch die Tageszeitungen. Man lebte friedlich seiner Arbeit. Am Neujahrsabend 1914 erschreckte uns ein Naturschauspiel, wie ich es in seiner Großartigkeit nie mehr gesehen habe. mein Vater forderte uns auf, ins Freie zu kommen und das imponierende Nordlicht zu sehen, das ein Drittel des Himmels bedeckte: es waren dunkelrote Wellen, die wie Blut am Himmel flammten und zuckten und in uns das Gefühl der Ohnmacht vor einem kommenden Unheil erweckten. Aus den Häusern waren die Menschen auf die Straße gekommen, um das Schauspiel sehen. Voller Angst sagten alle: “ das bedeutet großes Blutvergießen, das dieses Jahr bringen wird, wahrscheinlich ein schrecklicher Krieg.

Im Laufe des Jahres folgte dann eine Schreckensmeldung der anderen, die durch Extrablätter und Anschläge an den Häusern und Zäunen bekanntgemacht wurde: am 28. Juni die Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgerpaares in Sarajewo und am 1. August die Kriegserklärung Deutschlands an Russland. Damit hatte auch unser friedliches Leben ein Ende, denn man wartete gespannt auf die Nachrichten vom Kriegsschauplatz. Auch verbreitete sich allmählich ein feindseliges Verhalten uns Deutschbalten gegenüber, obgleich die meisten seit Generationen russische Staatsangehörige waren und die Söhne der Balten ebenfalls durch die Mobilmachung zum russischen Heer einberufen wurden. Dass sie nun gegen ihre eigenen deutschen Volksgenossen kämpfen mussten, brachte schwere Gewissenskonflikte.

 

 

Eines Tages wurde durch öffentliche Bekanntmachung die deutsche Sprache im Verkehr verboten, weder in Geschäften noch auf den Straßen durfte deutsch gesprochen werden. Das gab auch Anlass zu komischen Erlebnissen, z.B. wollte eine deutsche Dame beim Schlachter einen Schweinebraten kaufen und wusste nicht, wie Braten auf Russisch heißt und sagte: “дайте мне свинский брат” – (Schweinebruder). Auch in der Schule wurden wir paar deutsche Schülerinnen oft schief angesehen. Die Schulleiterin, Frl. Krause, war eine Deutsche. Sie hielt jeden Morgen in der Aula eine Andacht in deutscher Sprache, bei der erst ein Choral gesungen wurde. Die meisten Schülerinnen waren aber evangelisch-lutherische Lettinnen, die bisher selbstverständlich die deutschsprachige Andacht mitgemacht hatten.  An einem Morgen stimmten sie plötzlich zu unserem Erstaunen in lettischer Sprache den Choral an, wozu sie heimlich von einer lettischen Lehrerin aufgestachelt worden waren. Es war das Lied “Mir nach spricht Christus unser Held“. Sie wollten damit zeigen, dass sie keine deutschsprachige Andacht mehr wollten. Die Leiterin war über dieses heimtückische Verhalten empört und verfügte, dass von jetzt ab zwei Morgenandachten gehalten werden sollten, eine deutsche und eine lettische in einem anderen Raum.

Wie ein Blitzschlag durchfuhr die Bevölkerung eines Morgens der Befehl, der durch Bekanntmachungen an allen Straßenecken zu lesen war: “Die jüdische Bevölkerung unterliegt einer sofortigen Aussiedlung in das Innere des Reiches“. Es war dabei ein kurzer Termin genannt, etwa zwei Tage, ich erinnere mich daran nicht mehr genau. Da in Kurland und auch in unserer kleinen Stadt viel Juden ansässig waren, begann ein Weinen und Wehklagen in den Häusern und auf den Straßen. Die meisten Juden waren Geschäftsleute, hatten Läden und mussten nun alles stehen und liegen lassen und mit den wenigen Habseligkeiten, die sie tragen konnten, die Stadt verlassen. Sie wurden in Extrazügen in die weit entfernt gelegenen Gouvernements des großen Russischen Reiches abtransportiert. Uns erschütterten diese grausamen Maßnahmen der Regierung tief, denn wir konnten ja mit den bekannten jüdischen Mitbürgern mitfühlen und ihre Sorgen und Ängste verstehen. Ob für sie bei der Umsiedlung ins Innere Russlands von staatlicher Seite irgendwie gesorgt wurde, entzieht sich meiner Kenntnis.

Nach der deutschen Okkupation Kurlands wurde mein Vater von der deutschen Kommandantur zum Bürgermeister der Stadt eingesetzt und hatte gleich dafür gesorgt, dass die jüdischen Geschäfte, nach genauer Inventuraufnahme, geöffnet und der Bevölkerung zugänglich gemacht wurden. Er hatte zuverlässige Personen als Treuhänder eingesetzt, die genau über die verkauften Waren und das eingenommene Geld Buch führen mussten. Als die Juden dann allmählich wieder zurückkehrten, waren sie meinem Vater sehr dankbar, dass er ihren Besitz verwaltet hatte und ihnen gleich zum Neuanfang eine Summe Geldes aushändigen konnte.
Der Grund für diese plötzliche Aussiedlung war wohl die Furcht der Regierung vor Spionage, da die Juden bekanntlich weitverzweigte Handelsbeziehungen, auch ins Ausland, hatten.

Auch wir Deutschen wurden von der lettischen Bevölkerung bespitzelt und viele Balten wanderten in die Gefängnisse oder nach Sibirien. So wurde eine entfernte Verwandte von uns, Frau Kerpe, die am Rigaschen Strande wohnte, wo ihr Mann Dorfschullehrer war, angeklagt, sie hätte den deutschen Schiffen Lichtsignale gegeben. Auch behauptete eine lettische Frau aus dem Dorfe, sie hätte es selbst gesehen, wie ein Flugzeug sich auf dem Baum vor dem Kerpeschen Hause niedergelassen und mit den Flügeln geklappert hätte. Auf diese schwere Anklage hin wurde Frau Kerpe verhaftet und nach Moskau in das berüchtigte Gefängnis Butyrka gesteckt. Bald fand sie dort eine deutsche Leidensgenossin aus unserer Gegend, eine junge Baronesse Rita Heyking, die wegen ihrer Unachtsamkeit verhaftet worden war. Sie hatte nämlich sehr genau ihre Tagebücher geführt, in denen sie offen ihre Sympathie für das Vorgehen der deutschen Truppen ausgesprochen hatte und immer wieder die Frage stellte: “wann sind sie endlich bei uns?” Diese Tagebücher wollte die Baronesse im Park des väterlichen Gutes vergraben, verlor aber eines der Hefte, das unglücklicherweise von einem Letten gefunden und der Polizei übergeben wurde. Daraufhin wurde die Baronesse auch verhaftet und landete ebenfalls in der Butyrka. Zum Glück kam sie auch in die selbe Zelle, in der sich Frau Kerpe befand, außer mehreren Kriminellen. Natürlich schlossen sich die beiden aneinander und halfen sich gegenseitig, diese schwere Zeit zu überstehen. Bei den späteren Schilderungen dieser Zeit im Gefängnis machte es auf mich einen besonderen Eindruck, dass die Baronesse sagte, das Verhalten der Gefangenen zueinander, auch der Kriminellen, sei ein durchaus freundliches und hilfsbereites gewesen, es habe keinen Neid oder Streit unter ihnen gegeben, denn sie trugen gemeinsam an ihrem Los und hielten im Unglück zusammen. Frau Kerpe wurde nach einiger Zeit mangels stichhaltiger Beweise entlassen. Der sehr vermögende Vater der Baronesse ließ es an hohen Bestechungsgeldern der Beamten nicht fehlen, z.B. wurde der Geliebten des zuständigen Ministers ein sehr kostbarer Schmuck überreicht, der es dann bewirkte, dass sich die Baronesse im Inneren des russischen Reiches ansiedeln musste, wo sie mehrere Jahre bis zur russischen Revolution blieb und dann endlich in die Heimat zurückkehren durfte.