Herta Martinelli

Die ersten 1½ Jahre meiner Schulzeit waren für mich von vielen Ängsten erfüllt, denn ich konnte mich nicht an die vielen Kinder mit ihrem lauten Benehmen gewöhnen. Dazu herrschte in manchen Dingen keine Ordnung, z.B. wurden in der Garderobe viele Mäntel übereinander gehängt, so dass die kleinen Kinder nicht an ihre Mäntel ohne Hilfe herankommen konnten. Ich war oft schon in der letzten Stunde voll innerer Unruhe, wie ich zu meinem Mantel kommen sollte und vergoss oft deswegen Tränen. Ich wurde immer elender und blasser und als schließlich ein Arzt konsultiert wurde, stelle er fest, dass meine rechte Lunge angegriffen sei. Ich wurde nun aus der Schule genommen und auf Anraten des Arztes von meiner Mutter ins Kinderhospital nach Riga gebracht. Dort wurde ich von Heimweh gepackt, so dass meine Mutter es nicht übers Herz brachte,  mich dort zu lassen und allein zurückzukehren. Zum Glück stellte sie mich in Riga einem bekannten Lungenarzt vor, der unter anderem verordnete, dass ich liegen müsste. “Bringen Sie das Kind mit dem Bett in den Garten und lassen Sie es den ganzen Tag in der frischen Luft liegen.” Diesem Umstand verdanke ich, dass ich ausgeheilt wurde. Es begann nun eine wunderschöne Zeit für mich: jeden Vormittag trugen mich die beiden Hausmädchen mit meinem Bett in den großen Obstgarten, dessen Rasen im Mai wie in einer einzigen Blüte von blauen und weißen Vergissmeinnicht und bunten Tausendschönchen prangte. Mein Bett wurde unter einen blühenden Kirschbaum gestellt, zu dessen Krone ich hinaufschauen und die Bienen beobchten konnte, die sich summend in die Kirschblüten versenkten und von Blüte zu Blüte flogen. Ich erlebte die Vögel und verschiedene Insekten und empfand den Tag über keine Langeweile. Das Essen wurde mir in den Garten gebracht und dazwischen besuchten mich meine Mutter oder die Geschwister, aber meistens war ich allein und konnte meinen Gedanken nachhängen. Allmählich merkte ich, dass meine Kräfte wiederkehrten, ich versuchte, allein zu gehen und am Ende des Sommers konnte ich schon leichte Beschäftigungen im Garten verrichten. Beim Beginn des Herbstes hieß es dann, du musst wieder mit dem Lernen beginnen und sollst bei einer Lehrerin Privatstunden haben!

An diese Zeit erinnere ich mich nicht gern, denn ich mochte die Lehrerin nicht und fand es entsetzlich, von ihr täglich allein unterrichtet zu werden. Zum Glück dauerte diese Zeit nicht sehr lange, denn bald konnte ich wieder in eine Schule gehen und zwar in eine deutsche Elementarschule. Nach der russischen Revolution im Jahre 1905 wurde der deutschen Minderheit von der Regierung das Privileg erteilt, deutsche Schulen zu eröffnen, was bisher nur an einzelnen Orten gestattet war. Es war eine kleine Schule, man könnte sagen, mit familiärem Charakter, in der wir Schüler uns wohl fühlten. Das Schönste war ein Rundlauf auf dem Schulhof, den wir in den Pausen eifrig benutzten. Einen nachhaltigen Eindruck hat auf mich die Deutschlehrerin, Baronesse Marie von Drachenfels, gemacht, die außerdem noch Geschichte, Geographie und Französisch erteilte und es verstand, uns für Literatur und Kunst zu begeistern und ein Interesse für Geschichte zu wecken. Ich habe diese Lehrerin sehr verehrt und kann wohl sagen, dass ich mein ganzes Leben lang eine große Dankbarkeit für sie empfunden habe. Von Zeit zu Zeit erschien in der Schule der russische Schulinspektor, der uns in unseren Fortschritten der russischen Sprache prüfen musste. Das gab beim Lehrer und den Schülern schon vorher eine Aufregung, und ich erinnere mich, wie unser Lehrer mit uns übte, was wir auf die Frage, wie der Kaiser heiße antworten sollten, damit wir ja nicht sagten “Wilhelm II”. Diese Antwort wäre bei uns deutschen Kindern nicht auszuschließen gewesen, aber wäre eine strafbare Blamage für die Schule. Wir übten nun mit dem Lehrer die Antwort: Seine kaiserliche Majestät Zar Nikolai II. Alexandrowitsch – Его Императорское Величество Царъ Николай II. Александрович. Der Schulinspektor erschien und entpuppte sich als ein jovialer alter Herr, der bei unseren zufriedenstellenden russischen Antworten nachsichtig und freundlich lächelte, dabei immerfort seinen weißen gepflegten Bart streichelte. Am meisten imponierte uns seine schöne Uniform mit den blanken Knöpfen. Nach dem Namen des Zaren hatte er gar nicht gefragt. So erwies sich diese Angst als völlig unbegründet und wir konnten wieder auf dem Hof zu unserem beliebten Rundlauf stürzen.

Diese idyllische Schulzeit dauerte aber nicht lange, denn meine Eltern erkannten bald, dass mein Bruder Willy und ich einen strafferen Unterricht haben mussten und somit wurden wir umgeschult: mein Bruder in die russische Stadtschule und ich in das russische Mädchengymnasium. Deutschsprachige höhere Schulen gab es nur in den Städten Riga, Mitau und Goldingen, aber mein Vater war nicht in der Lage, die Kosten für Schulgeld und Pension für mehrere Kinder aufzubringen und so mussten wir die örtlichen russischen Schulen besuchen. Dieser Wechsel bedeutete für mich eine unangenehme Umstellung, denn alle Fächer wurden in russischer Sprache erteilt, außer  Französisch und Deutsch und auch in den Pausen durfte nur russisch gesprochen werden. Da wir diese Sprache ja sehr mangelhaft beherrschten und uns in ihr nicht frei und ungezwungen ausdrücken konnten, hatte es zur Folge, dass man gehemmt und verschlossen wurde und ein unfreies Wesen annahm. Ich persönlich litt sehr darunter. Um die Schülerinnen zu veranlassen, auch in den Pausen nur russisch zu sprechen, hatte die Schulleitung sich ein hinterlistiges System ausgedacht: jeden Morgen erhielt die Schülerin, die den Klassendienst hatte, eine kleine polierte Holzkarte, Kartotschka genannt, die sie versteckt bei sich trug, um sie derjenigen Schülerin weiterzugeben, die eine andere Sprache, etwa Deutsch oder Lettisch gesprochen hatte. Diese versuchte nun wiederum, die Karte loszuwerden und horchte und spionierte unter den Mitschülerinnen herum. Wer beim Schulschluss die kleine Holzkarte als letzte hatte, musste ein russisches Gedicht zusätzlich zu den Schulaufgaben lernen und es am nächsten Morgen der Klassenlehrerin aufsagen. Da mir das Herumhorchen zuwider war, musste ich immer das Gedicht lernen. Wir hatten in der Schule mehrere Russinnen als Lehrerinnen, die zum Teil recht beliebt waren. Da denke ich an Nadeschda Iwanowna, eine charmante, graziöse Russin, die uns die Geschichte Russlands erteilte. Ich muss noch erwähnen, dass wir Schülerinnen dunkelbraune Kleider und schwarze Schürzen tragen mussten, was bei mir bewirkte, dass ich hinterher Jahrzehnte lang kein braunes Kleid mehr anziehen wollte.