Herta Martinelli

Herta mit ihrer Mutter (1908)

Inzwischen war ich sieben Jahre alt geworden und es kam die Zeit, dass ich durch den Eintritt in die Schule den Ernst des Lebens kennenlernen sollte. Der erste Schultag hat sich mir unauslöschlich eingeprägt. An der Hand unserer lieben Mutter wanderte ich erwartungsvoll mit dem Ranzen auf dem Rücken dem großen Hause zu, das die Mädchenschule beherbergte. Ich war ein sehr schüchternes und schwächliches Kind und deshalb beunruhigte mich der ungewohnte Lärm der vielen Kinder um mich her. Wir Neulinge fassten uns an die Hände und bildeten einen Kreis. Es ist mir unvergesslich, dass sich eine Lehrerin an meine Mutter mit den Worten wandte: “Ihre kleine Tochter ist doch so blass und zart, nehmen Sie sie wieder mit nach Hause und warten Sie mit der Schule noch ein Jahr”. Worauf meine Mutter erwiderte, ich sei schon sieben Jahre alt und müsste nun mit dem Lernen beginnen. In der Klasse saßen wir zu vieren auf einer Bank und ich schloss schnell Freundschaft mit den kleinen Mitschülerinnen. Wir begannen ein eifriges lautstarkes Gespräch über die Farbe unserer Haarschleifen und die Länge unserer Zöpfe, was ganz lustig war. Da ertönte vom Katheder her die energische Stimme der Lehrerin, die uns berief und sagte, wir müssten jetzt darauf hören, was sie sagte und nicht unsere eigenen Gespräche führen. Und damit begann der Ernst des Lebens.