Herta Martinelli

Meine erste Kindheitserinnerung reicht zurück bis zum Jahre 1904 und zwar bis zum Tage der Geburt meiner jüngsten Schwester Elisabeth, genannt Elly. Es muss also der 2. April gewesen sein, als wir drei größeren Geschwister von unserem Kindermädchen Lucie Krimmel in eines der oberen Zimmer unseres Hauses in Talsen geführt wurden, wo wir stundenlang Bilder besehen mussten, was schließlich langweilte, aber auf unsere Frage, warum wir nicht hinuntergehen dürften, machte Lucie ein geheimnisvolles Gesicht und sagte streng, wir müssten noch oben bleiben. Schließlich kam unser Vater herauf und teilte uns mit, wir hätten ein Schwesterchen bekommen und dürften uns es ansehen, wenn wir still und artig sein würden. Voller Erwartung gingen wir hinunter ins Schlafzimmer zu unserer Mutter und sahen dort ein kleines rotes Wesen, das nun unser Schwesterchen sein sollte. Ich weiß noch, dass seine gewisse Ratlosigkeit sich meiner bemächtigte, denn wir waren keineswegs auf dieses Ereignis von unseren Eltern vorbereitet worden und mussten innerlich damit fertig werden, bis wir uns wirklich über unsere kleine Schwester von Herzen freuen konnten!-

Die nächste Erinnerung ist eigentlich nur ein ungeheures Glücksgefühl, das mich durchflutete, als ich morgens im dunklen Schlafzimmer erwachte, in das ein heller Morgenschein aus dem Wohnzimmer von nebenan fiel. Ich schaute hinaus und mir erschien das Wohnzimmer besonders festlich: der Fußboden glänzte und die Sonne leuchtete besonders hell durch die Fenster; es war alles überstrahlt von einer Festfreude, so schien es mir. Dazu hörte ich im Esszimmer eine fremde Männerstimme mit meinem Vater sprechen. Wer mochte das wohl sein? Zum Glück kam Mama und sagte: “ihr müsst jetzt aufstehen, Onkel Wilhelm ist aus Moskau zu Ellys Taufe gekommen”. Das war ein großes Ereignis, dass der Bruder unserer Mutter die weite Reise zur Taufe seiner kleinen Nichte gemacht hatte. An die Taufe selbst erinnere ich mich nicht, ich war ja erst fünf Jahre alt.

Bald nach diesen Ereignissen muss es gewesen sein, dass wir Kinder von einem Keuchhusten befallen wurden, der mich ganz besonders schwer mitnahm. Ich erinnere mich jetzt noch an die Angstzustände, die mich erfassten, wenn ich von einem Hustenanfall geschüttelt wurde und nach Luft rang. Von der Zeit an wurde ich ein schwächliches, blutarmes und schüchternes Kind, obgleich ich in den ersten Lebensjahren durchaus kräftig und gesund gewesen war.

Vom russich-japanischen Krieg 1904 habe ich nur die Vorstellung einer Landkarte des Kriegsschauplatzes, die an der Wand unseres Esszimmers hing und an der das Vorgehen der Russen bzw. der Japaner mit kleinen Fähnchen abgesteckt wurde. Damals begriff ich natürlich nicht, dass dieser Krieg die ganze Korruption und Fäulnis des russischen Staatslebens aufdeckte. So hat der Großfürst, der ungeheure Mittel zur Modernisierung und dem Ausbau der russischen Flotte aus der Staatskasse erhalten hatte, diese Summen unterschlagen und sie, unter anderem für seine Geliebte, eine Tänzerin des Petersburger Balletts verwandt. Als diese nach der verlorenen Seeschlacht von Tsuschima in Petersburg im Theater auftreten wollte, behängt mit Diamanten und kostbaren Edelsteinen, rief das Publikum: “вот наш флот” – seht, das ist unsere Flotte. Infolge des unglücklichen Krieges mit Japan kam es 1905 zur Revolution in Russland.

Am 9. Januar alten Stils , am “Roten Sonntag” waren Tausende von unbewaffneten Arbeitern vor das Winterpalais in Petersburg gezogen, um dem Zaren Nikolai II. ihre Bitten vorzutragen. Sie wurden von den Truppen beschossen, so dass Hunderte umkamen. Dieses Ereignis verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Reich und zerstörte viel von der alten “Kaisertreue” des Volkes, ja erfüllte es mit Empörung und Hass gegen die Regierung. Das lettische Volk meiner kurländischen Heimat hatte wohl nie diese Kaisertreue dem russischen Zaren gegenüber empfunden, fühlte sich aber durch die soziale Struktur der Bevölkerung des Landes benachteiligt, denn der Großgrundbesitz lag in den Händen des Adels, der zur Zeit des Deutschritterordens ins Baltikum gekommen war und von ihm Besitz ergriffen hatte. Als nun die Revolution, geschürt durch Agitationen und Hetzreden, aufzuflammen begann, war es für einen Großteil der Letten ein willkommener Anlass mitzumachen. Ich begriff als 6-jähriges Kind nichts von den Ereignissen, merkte nur an den Gesprächen der Erwachsenen, dass sie Besorgnis erfüllte und sie die revolutionären Strömungen mit Entschiedenheit ablehnten. Die deutsche Bevölkerung stellte eine Minderheit in meiner baltischen Heimat dar und zwar bestand sie, außer dem Adel, aus dem Kaufmannsstand, den Intellektuellen und Handwerkern, ein deutscher Arbeiter- und -bauernstand war nicht vorhanden.

Mein Großvater, Carl August Rohde, von Beruf Gärtner, war um Mitte des 19. Jahrhunderts aus Deutschland ausgewandert und zwar aus dem Dorfe Wildberg, Krs. Neuruppin. Er hatte der Aufforderung eines Barons Korff Folge geleistet und auf dessen Gut Priekuln die Stelle eines Gärtners angenommen. Dort heiratete er Charlotte Susanna Stürzkober, mein Vater Boris Georg Wilhelm wurde in Priekuln als ältestes Kind geboren. Nach einigen Jahren machte sich mein Großvater selbständig und gründete eine Gärtnerei in Talsen – Kurland, die dann später mein Vater weiterführte.

Dort verlebte ich meine schöne, sorglose Kindheit zusammen mit meinen drei Geschwistern. Die Ereignisse der Revolution vom Jahre 1905 verblassten allmählich im Gedächtnis, doch sind sie nie entschwunden. Wir hatten damals ein nettes lettisches Hausmädchen, Emilie, von mir besonders geliebt, denn sie tröstete mich, wenn ich weinend zu ihr kam und steckte mir ab und zu einen Bonbon zu, den es sonst selten bei uns gab. Die empfing öfter bei sich lettische Revolutionäre und ließ sich ein feuerrotes Kleid nähen, das ich wunderschön fand und das mit breiten roten Atlasstreifen an der Bluse und Rock besetzt war. Sie führte auch die Revolutionäre in unseren Garten, der einen langen undurchsichtigen Bretterzaun zur Straße hatte. In diesen Zaun machten die Revolutionäre Schießscharten, um das russische Militär, das auf der Straße vorbeiziehen würde, aus dem Hinterhalt zu beschießen.

Dazu kam es nicht, denn die Ereignisse nahmen einen anderen Verlauf. In der kleinen Nachbarstadt Tuckum wurde eine Kompanie russischer Soldaten, die zur Niederschlagung des Aufstandes dorthin geschickt worden war, überfallen und niedergemacht.

Das hatte zur Folge, dass ein strenges Vorgehen der Regierung gegen die Revolutionäre eingeleitet wurde. Unser Städtchen Talsen wurde von Kosaken besetzt, und ich erinnere mich deutlich, wie mein Vater mich an die Hand nahm und sagte: “komm wir wollen auf die Straße gehen und uns die Kosaken ansehen.” Ich sah voller Angst und zugleich Neugierde auf die abenteuerlichen, verwegenen Gestalten in ihren hohen Fellmützen “Papachas” und dem großen silbernen Ohrring in einem Ohr. Am Sattel der kleinen zottigen Pferde hingen die aus Leder geflochtenen Kantschus, kurze Peitschen, in welche am Ende ein Stück Blei geflochten war. Meinem Vater glückte es, zwei solcher Kantschus zu kaufen, die fortan im Schlafzimmer an der Wand hingen und von uns Kindern mit einer gewissen Scheu angesehen wurden.

Wie nun die Ereignisse auf einander folgten, entzieht sich meiner Kenntnis. Eine Strafexpedition sollte die Anführer und Schuldigen des Aufstandes verhaften und liquidieren. Jedenfalls lebte man von einem Tage zum anderen in Angst und Schrecken. Ich kann nur von einzelnen Geschehnissen berichten, wie sie sich mir eingeprägt haben. So wurde an einem Tage mit einem Flintenkolben an unsere verschlossene Haustür geschlagen und als mein Vater sie öffnete, standen vor ihm zwei russische Soldaten, die ihn bedrohten und mit dem Bajonett um ihn herumfuchtelten. Er solle auf der Stelle sein Geld hergeben oder sie würden ihn erschießen. Es blieb meinem Vater nichts übrig, als ihnen seine Brieftasche mit seiner ganzen Barschaft auszuhändigen. Er hatte wegen der unruhigen Verhältnisse sein ganzes Guthaben von der Bank abgehoben und stand nun völlig mittellos da.
Ein anderes Bild: es ist Abend und es wird in der Stadt geschossen. Das Feuer nimmt immer mehr zu, da sagt mein Vater, wir sollten uns alle auf den Fußboden legen. Wir taten es, nur unsere kleine einjährige Schwester Elly lief zwischen uns herum, was mich mit großer Angst erfüllte, denn sie könnte doch erschossen werden.
An einem anderen Tage wurden einige Kanonen auf die Höhe des Stadtparks gefahren und oben zum Beschuss des Städtchens aufgestellt. Da unser Haus in der Luftlinie gegenüber dem Stadtpark auf einer kleinen Anhöhe lag, war mein Vater in Sorge, ob unser Haus nicht unter Beschuss kommen würde und bereitete alles vor, um mit uns in den Keller zu gehen, der abseits vom Hause in die Erde eingebaut war. Es wurden Decken, Lebensmittel und Laternen in den Keller gebracht und als am Abend die Beschießung begann, flüchteten wir alle dorthin. Zu unserem Trost durften meine ältere Schwester Alice und ich unsere Lieblingspuppen mitnehmen. Es war anfangs ganz gemütlich unter der Erde beim Schein der Stalllaterne, wir aßen Schnitten mit Kalbsbraten und fanden es interessant, einmal etwas zu erleben, was nach einem Abenteuer aussah und vom gewöhnlichen Alltag abwich. Doch als der Beschuss stärker wurde und eine Granate in unserer Nähe im Garten einschlug, wurde es uns doch etwas mulmig. Mein Vater ging von Zeit zu Zeit hinaus und berichtete, dass es in der Stadt brenne, offenbar waren verschiedene Häuser angesteckt worden seien. Schließlich hörte der Beschuss auf und wir konnten in die Wohnung zurückkehren. Ich sehe das Bild der brennenden Stadt noch vor mir, wie die roten Flammen in den Nachthimmel hinauf loderten und alles gespensterhaft beleuchteten. In unserem Garten waren nur die Kronen zweier hoher Birnenbäume abgeschossen worden. Mein Vater fand die Schrapnells und bewahrte sie zum Andenken auf.

Die Strafexpedition verhaftete nun viele Revolutionäre, die durch ein Schnellgericht zum Tode verurteilt wurden. Außerhalb der Stadt, am Kreuzweg hinter den Friedhöfen stand eine alte hohe Kiefer, an diese wurden die zum Tode Verurteilten einzeln angebunden und nacheinander erschossen. Die übrigen mussten zusehen, bis auch die Reihe an sie kam. Ein Wilddieb mit Namen Gotsch, der auch uns von Zeit zu Zeit mit einem Hasen oder oder einer Rehkeule versorgt hatte, aber in keiner Verbindung mit den Aufständischen gestanden hatte, wurde ebenfalls verhaftet und zum Tode verurteilt. Er sollte als letzter erschossen werden, starb aber schon am Herzschlage, als er die anderen sterben sah. Über dieses erbarmungslose Vorgehen der Regierung waren alle erschüttert und unser Mädchen Emilie sahen wir nur mit verweintem Gesicht ihre Arbeit tun. Das schöne rote Festkleid hatte sie nie angezogen, es sei denn, dass sie es bis zum Jahre 1917 aufbewahrt hätte. Von uns aus ging sie mit meiner Tante Wilhelmine Raßmann, Schwester meines Vaters, nach Odessa und dort verlor sich für uns ihre Spur.

Um ein erneutes Aufflammen der revolutionären Bewegung schon im Keim zu ersticken, wurde zuverlässiges russisches Militär in den Landstädten stationiert. So kam auch nach Talsen eine russische Einheit, die in zwei Kasernen untergebracht wurde. Wir konnten von unserem Garten aus auf den etwa 1½ km entfernten Exerzierplatz sehen. Wir Kinder waren begeistert, wenn die Militärkapelle spielte und hörten voller Andacht zu. wenn abends die Soldaten: “Ich bete an die Macht der Liebe” beim Zapfenstreich sangen.

Neben verstümmelten russischen Soldatenliedern, wenn die Soldaten singend durch die Straßen zogen: “Солдатушки, бравы ребятушки, где же ваши о́тцы? наши отцы — славные полководцы, вот где наши отцы“.

Und wie konnte es auch anders sein, wir Kinder begannen Soldaten zu spielen. Die drei Brüder unseres Kindermädchens Lucie aus der Nachbarschaft schnitzten mit großem Eifer Holzflinten und -säbel und wir exerzierten in unserem großen Garten nach Herzenslust, oft zum Ärger unseres Kommandeurs Eduard Krimmel, dessen verstümmelten russischen Befehlen

Mehrere Offiziersfamilien siedelten sich ebenfalls in Talsen an und wir Kinder sahen voller Neugier und Interesse auf die russischen Kinder, mit denen wir leider nicht ein Wort sprechen konnten. Besonders zwei russische Offizierskinder hatten es uns angetan, ein reizendes kleines Mädchen mit ihrem hübschen Bruder. Wenn die mit ihrer Mutter in die Gärtnerei kamen, staunten wir sie an und lächelten einander zu. Ein Bild hat sich in meiner Erinnerung eingeprägt: wie das entzückende kleine Mädchen zu einem deutschen Fest , das sie mit ihrer Mutter besucht hatte, eine Polka mit soviel Temperament und Grazie tanzte, wie es eine Deutsche wohl kaum fertig bringen würde.

n diese Zeit fällt wohl auch der Tod unserer Großmutter Charlotte Rohde, geb. Stürzkober, der Mutter unseres Vaters. Sie war stets von einer kühlen Distanz zu uns Kindern, eine stille wortkarge Frau. Ich erinnere mich nicht, jemals von ihr eine Zärtlichkeit empfangen zu haben. Beispielhaft war ihr Fleiß, sie war auch im Alter von früh bis spät mit ihrer Arbeit beschäftigt, sogar abends, wenn wir alle im Esszimmer um den Speisetisch saßen, den die Hängelampe beleuchtete. Nur eine kurze Zeit des Ausruhens kannte die Großmutter: das war die “Schummerstunde”, die Zeit der Dämmerung, wenn man sich noch nicht entschloss, die Petroleumlampe anzuzünden. Dann saßen wir alle im Wohnzimmer beieinander, man plauderte und ließ die Erlebnisse des Tages an sich vorüber gleiten. Beim Gutenachtsagen küssten wir Kinder ihr und unserem Vater die Hand und Großmutter machte ein Kreuz über uns und murmelte: “Gottvater, Sohn und Heiliger Geist”. Mit diesem Segen gingen wir zu Bett, nachdem unsere Mutter noch eine Abendandacht gehalten hatte.
Dann hieß es eines Tages, Großmama hätte eine Lungenentzündung und liege zu Bett und wieder nach einigen Tagen, Großmama sei gestorben, wir sollten in ihr Zimmer gehen, um uns von ihr zu verabschieden. Es war die erste Leiche, die ich sah, die aber nichts Erschreckendes für mich hatte, wie sie so friedlich mit gefalteten Händen dalag. Wir küssten ihr zum Abschied wieder die Hand. Von der Beerdigung habe ich die Erinnerung von vielen Menschen und Gästen in unserem Hause und einer lange Wagenkolonne, die zum Friedhof fuhr.
Ich will auch noch die Schwester unserer Großmutter erwähnen, Tante Ottilie Fock, die uns einmal im Jahr besuchte. Sie war eine sehr hübsche alte Dame, die stets eine schwarze Seidenschürze trug und eine freundliche umgängliche Art hatte, sehr beliebt bei uns allen. Ihr einziger Sohn, Wladislaw, hatte eine Apotheke in Riga, genannt die “Focksche Apotheke”.

Ich möchte noch erwähnen, dass im Jahre 1905 mehrere evangelische Pastoren und deutsche Gutsbesitzer von Revolutionären erschossen wurden. Zu letzteren gehörte auch der Patenonkel meines Mannes, Ernst Neustadt, der ein Gut in Livland besaß. Er war aus Sachsen eingewandert und hatte das Gut gekauft, das er “Sachsenheim” nannte. Mein Mann sprach mit großer Liebe von ihm, denn seine schönsten Kindheitserinnerungen verbanden sich mit dem geliebten Onkel Ernst, der ein sehr gemütvoller und liebenswürdiger Mann gewesen sein muss. Er saß eines Abends am Klavier und spielte einen Choral, darauf nahm er die Petroleumlampe, um ins Nebenzimmer zu gehen, als ein Schuss durch das Fenster auf ihn abgefeuert wurde und er tot zusammenbrach.