Herta Martinelli

Am 6. Januar 1988 in Eberswalde:

Heute ist mein 60. Hochzeitstag, die sogenannte “diamantene Hochzeit”. Ich befinde mich seit Ende April des vergangenen Jahres im Marie-Jonas-Stift in Eberswalde. Da ich als Rentnerin viel Zeit habe, will ich versuchen, die Ereignisse seit unserer Umsiedlung nach Deutschland kurz aufzuschreiben.

Nach einer ziemlich stürmischen Nacht landeten wir in Stettin, wo wir mit Hallo von den Frauen, die die Gulaschkanonen bedienten, empfangen wurden, indem sie mit den Deckeln klapperten und ein Begrüßungsgeschrei anstimmten. Sie meinten, wir wären sehr glücklich, im nationalsozialistischen Deutschland aufgenommen zu sein, auch die uns begrüßenden Regierungsvertreter waren derselben Meinung. Dabei schmerzte uns das Herz, dass wir unsere geliebte Heimat verlassen mussten. Wir wurden nun zur Einbürgerung geführt und nachher bekamen wir Nachtquartiere bei Privatpersonen. Wir kamen zu einem Baron, wo uns ein eiskaltes, ungeheiztes Zimmer angeboten wurde, in dem sich mein Mann erkältete. Am nächsten Morgen kauften wir uns selbst Brötchen, den Kaffee stiftete die Baronin. Uns kam das alles so engherzig und spießig vor, aber wir ahnten ja noch nicht die kümmerliche Wirtschaftslage in Deutschland. In Lettland gab es alle Lebensmittel in Hülle und Fülle. Es wurde erzählt, dass ein reichsdeutscher Helfer bei der Umsiedlungskommission gesagt hätte: “Überlegt es euch doch, ob ihr von eurem Schlaraffenland wirklich fortziehen wollt.” Wir wurden nun in einen Eisenbahnzug verfrachtet und in ein Dorf Köselitz gebracht, wo wir bei den Einwohnern einquartiert wurden. Mein Mann und ich kamen zu einer Bauernfamilie Berkner, die in guten Verhältnissen lebte und und zwei schöne Zimmer als Wohnung anwies. Der alte Bauer mit seiner Frau waren schlichte freundliche Leute. Sie hatten zwei erwachsene Söhne, von denen der jüngere beim Militär, aber gerade in Urlaub war. Er hörte täglich heimlich die feindlichen Nachrichten im Radio, so dass er genau den Frontbericht kannte. Der Pfarrer der Köselitzer Gemeinde, die als Filiale bedient wurde, stellte meinen Mann gleich für die Gottesdienste und den Konfirmandenunterricht an. Ich möchte hier bemerken, dass der Staat in großzügiger Weise für den Unterhalt der Umsiedler sorgte, so dass unsere Hauswirte keinen Nachteil durch den Aufenthalt der ungebetenen Gäste hatten.

Das Weihnachtsfest 1939 war für uns traurig. Elly erwartete ihr erstes Kind und war niedergedrückter Stimmung und unsere Mutter war in ihrem Einzelstübchen in einem anderen hause viel allein. So verging der Dezember und Januar. Dann erhielt mein Mann eines Tages von Oberpastor Grüner, früher Riga, jetzt im Konsistorium in Berlin tätig, die Anfrage, ob er ein Pfarramt in der Neumark übernehmen wolle, was er natürlich gleich bejahte. Es wurde ihm darauf die Pfarrgemeinde Mantel, Kreis Königsberg, Neumark, angeboten. Er würde zur Abhaltung der Probepredigt von dem Pfarrer Rink aus Jädickendorf begleitet und der Gemeinde vorgestellt werden. Das geschah auch. Pfarrer Rink stieg schon zu uns in den Zug und wir machten uns bekannt. Er stammte aus einer deutschen Kolonie in Russland, war mit einer Baltin verheiratet. Wir freundeten uns an und besuchten einander in der Folgezeit.