Herta Martinelli

Bisher habe ich nur die hellen und schönen Seiten unseres Lebens im Pastorat aufgezeigt, und nun will ich auch von dem schweren und leidvollen Leben unserer unmittelbaren Nachbarn berichten: den Leprakranken im nahegelegenen Lepraheim. Dieses war ½ km vom Pastorat entfernt und beherbergte zu unserer Zeit etwa 150 bis 180 Kranke, die ihr trauriges Schicksal lebenslänglich, isoliert von der Außenwelt, ertragen mussten. Der Staat sorgte in großzügiger Weise für die bedauernswerten Menschen, die von einem Anstaltsarzt ständig betreut wurden. Mein Mann hielt regelmäßig ein paarmal im Monat Gottesdienst und besuchte auch die Kranken in den Baracken. Ich erinnere mich an meinen ersten Besuch zusammen mit meinem Mann, wobei uns ein gut aussehender Mann dienstbeflissen die Tür öffnete, worauf ich ihm die Hand reichen wollte und er seine Hand spontan zurückzog, damit ich sie nicht berühren konnte. Dabei wurde mir schlagartig die Tragik dieser eingesperrten Menschen klar, die sich nur in ihrem umzäunten Bezirk aufhalten durften, abgeschlossen von der Außenwelt. Ein Gottesdienst, den ich mitmachte, ist mir unvergesslich geblieben: ein hübsches junges Mädchen wurde von meinem Mann eingesegnet. Sie kniete in ihrem schwarzen Samtkleid vor dem Altar und weinte bitterlich. Sie war sehr blass und hatte auf der einen Wange einen dunklen Fleck, sonst sah man ihr die Krankheit noch nicht an. Später untersagte der Hausvater des Lepraheims meine Besuche, weil ja immerhin eine Ansteckung bestehen konnte und Gesunde das Leprosorium nicht betreten durften. Mein Mann wollte gern, dass ich alle Gebiete seiner Amtstätigkeit kennen lernen sollte, auch berichtete er von der Lepragemeinde, dass sie für das Gotteswort aufgeschlossen war und immer große Kollekten spendete.

In den Sommer 1939 fiel die Hochzeit meiner jüngsten Schwester Elly mit Robert Burmeister, der schon vorher in unserer Gärtnerei tätig gewesen war. Die Hochzeit wurde bei schönstem Wetter in unserem Pastorat gefeiert. Es war das letzte fröhliche Fest, das wir in der Heimat feiern sollten.

Der Beginn des II. Weltkrieges Anfang September 1939 machte unserem friedlichen Leben ein Ende. Am Sonnabendnachmittag vor dem Erntedankfest schmückte ich mit besonderer Liebe zusammen mit einigen Gemeindegliedern die Kirche. Ich hatte einen schönen Kranz aus Früchten und Blumen für die Kanzel geflochten, als meine Schwester Elly voller Aufregung die Kirche betrat und sagte, eben wäre durchs Radio eine Meldung gekommen, dass alle Deutschbalten im Laufe einiger Wochen nach Deutschland umgesiedelt würden. Das war für und ein gewaltiger Schreck, der uns durch die Glieder fuhr! Das bedeutete, dass man in kurzer Zeit allen Besitz und alle Haushalte auflösen sollte und von allem Abschied nehmen musste, was einem lieb und teuer war.

Mein Mann erklärte gleich, er würde nicht fortgehen und seine Gemeinde nicht verlassen. Auch sagte ihm in diesen kritischen Tagen ein Gemeindeglied, er solle nicht fortgehen, sie würden das letzte Stück Brot mit ihm teilen. Aber der Telefonanruf eines lettischen Rechtsanwalts machte ihm klar, dass es für die Deutschen eine Notwendigkeit sei fortzugehen. Es war gut, dass mein Vater die Umsiedlung nicht mehr erlebt hatte, denn er hatte immer gesagt, man solle nie die Heimat verlassen, auch nicht bei politischen Veränderungen. Und doch war es für uns die Rettung gewesen, wie es sich später herausstellte, sonst wären wir auch, wie viele lettische Heimatgenossen in Sibirien gelandet. Mein Mann hatte sich vorgenommen, erst fortzugehen, wenn die Gemeinde durch einen anderen Pastor versorgt sein würde. Er nahm Rücksprache mit dem Konsistorium in Riga, das seinen Abschied als Pastor der Talsenschen Gemeinde annahm, der er fast 30 Jahre lang gedient hatte (später noch 10 Jahre in Deutschland). Zugleich wurde vom Konsistorium ein junger sympathischer Vikar mit Namen Saulītis als Nachfolger bestimmt, der dann eine Zeit lang mit uns zusammen im Pastorat wohnte. Wie wir später hörten, soll er erschossen worden sein, unter welchen Umständen, haben wir nicht erfahren.

Nachdem alles mit dem Konsistorium geregelt war, konnten wir uns ganz der Auflösung des Haushaltes widmen. Wir durften das Mobiliar für drei Zimmer mitnehmen, das übrige wurde verkauft, auch die Pferde, was meinem Mann besonders schmerzlich war. Auch von meinem lieben “Pucki” musste ich Abschied nehmen, – ich tat es mit Kuss und Umarmung und bat den Käufer, ihn immer gut zu behandeln. Hier möchte ich noch erwähnen, dass unser Hund “Ingo” offenbar spürte, dass etwas besonderes im Hause vorging, denn er ging ruhelos durch die leer gewordenen Zimmer, in denen gepackt und gehämmert wurde und soll nach unserer Abreise tagelang an der Landstraße gelegen und auf uns gewartet haben. Wenn wir früher von einer Fahrt nach Hause zurückkehrten, kam er uns immer freundlich wedelnd und brummend entgegen gelaufen.

Am 14. November 1939 war der Tag unserer Abreise. Wir verließen am Abend das Pastorat. Unser Kutscher Ernst Großvalds begleitete uns zum Auto und sagte zum Abschied: “Verzeihen Sie, Herr Pastor, wenn ich Ihnen vielleicht nicht immer so gedient habe, wie sie es von mir erwartet hatten” Diese Worte sind mir unvergessen geblieben.
An der Bahnstation Stenden erwarteten uns schon die Verwandten, meine alte Mutter, Schwager und Schwester und die Bekannten. Wir fuhren im Sonderzug nach Windau, wo wir erst ausgebürgert und dann in einen Bananendampfer verfrachtete wurden. Am Abend verließ das Schiff den Hafen. Ich stand mit einem Ehepaar Baron Brüggen (Stenden) auf Deck, schweigend. Wir erlebten es, wie die Küste Kurlands vor unseren Augen undeutlich wurde und dann ganz verschwand! Ich werde diesen Augenblick nie vergessen!
Die 700jährige Mission der Deutschbalten war im Ostseeraum beendet.