Herta Martinelli

Das Pastorat lag in einer reizvollen hügeligen Landschaft, in unmittelbarer Nähe eines kleinen Sees. Man ging morgens an warmen Sommertagen nur leicht bekleidet durchs taufrische Gras einer Wiese den Abhang hinunter u. stürzte sich in die erfrischenden Fluten. Oder man machte eine Kahnfahrt rings um den kleinen See. In der Erinnerung erscheint alles vielleicht anziehender und leuchtender, als es in Wirklichkeit war.

Eine riesige Linde umschattete die Einfahrt zu unserer, von Pfeifenkraut umsponnenden Veranda. Von dort aus ging es geradeaus in den Blumengarten zur kleinen Brücke über einen Graben und die Wiese hinunter zum See.

  

Jeden Sonntagmorgen um neun Uhr fuhr mein Mann nach Talsen, um den Gottesdienst für die große lettische Gemeinde zu halten. Ich fuhr meistens mit und hatte auch in späteren Jahren, als ich besser lettisch sprechen konnte, ein Gruppe lettischer Kinder im Kindergottesdienst.

Oskar und Herta Martinelli mit Kindern des Kindergottesdienstes  Quelle: Zudusī Latvija
Im Winter vor der Veranda mit dem Pferd “Silwa” – Fuchs
Mein kleines Pferd “Pucki”, das mir mein Mann nebst kleinem Wagen und Schlitten geschenkt hatte

 

 

 

 

 

Den Höhepunkt des Jahres bedeutete für die lettische Bevölkerung das Johannifest, die Sonnenwende. Das war ein richtiges Volksfest, das sich gewiss noch aus der heidnischen Zeit herübergerettet hatte. Auch bei uns im Pastorat wurde der 23. Juni, der Johanniabend für die Angestellten groß gefeiert. Es wurde vorher ein Kalb geschlachtet, Bier gebraut u. alles befand sich in großer Geschäftigkeit. Am Johanniabend wurde in der Küche der Tisch mit einem weißen Tischtuch schön gedeckt, in allen Stuben waren Birken aufgestellt, es roch festlich nach Kalbsbraten, frischgebackenem Weißbrot u. Speckkuchen. Am taghellen Abend erklangen dann die lettischen Ligolieder in der ganzen Umgebung. Mein Mann und ich gingen auf die Veranda hinaus u. hörten schon die aus der Ferne sich nähernden Gesänge unserer Leute, die dann zur Veranda kamen u. uns unter Gesang schöne Kränze aus Eichenlaub u. Wiesenblumen umhängten, die unser Hütemädchen “Anning” beim Kühehüten geflochten hatte. Darauf wurden alle zum Abendessen in die Küche gebeten. Nachher ging es dann auf eine Anhöhe, wo schon vorher auf die Spitze einer Tanne eine Teertonne gesetzt war, die nun angezündet weithin als Johannifeuer leuchtete. Von allen Seiten flammten nun in der Ferne u. Nähe Feuer auf, dazu erschallten die Gesänge von fern ,Ligo, ligo‘ bis in die warme Sommernacht hinein. Ligo ist die Göttin der Liebe.