Herta Martinelli

Inzwischen hatte sich in unserem gesellschaftlichen Kreis manches geändert: Pastor Bergengruen war gestorben und seine Gattin in eine kleine Wohnung gezogen, der Sohn Siegfried hatte sich aktiv der Bernondt-Armee als Offizier angeschlossen und war nach ihrem Zusammenbruch nach Deutschland geflohen. Zum neuen Pastor der deutschen Gemeinde war Pastor Wieckberg gewählt worden, der mit seiner großen Familie das Pastorat bewohnte. Bald fanden meine Schwester Elly und ich Kontakt zur Wieckbergschen Jugend und es entspann sich ein reger Verkehr zwischen uns . Der Sohn Rolf studierte Germanistik am Herder-Institut in Riga, kam in den Semesterferien nach Hause und berichtete dann über die geistigen Strömungen und Interessen der Jugend. Er schwärmte von Rilke und war erfüllt von den Idealen der Jugendbewegung und verstand es, mich für den “Wandervogel” zu begeistern. Da wir in Talsen keine Gruppe des “Wandervogels” hatten, fuhr ich zu mehreren “Nestabenden” nach Riga und machte auch die Sonnwendfeier des Jugendrings am Rigaschen Strande mit, die mir unvergesslich ist. Ich gehörte zum christlichen Kreis der weiblichen Jugend, war aber zugleich erfüllt von den Idealen der Jugendbewegung, die die Rückkehr zur Natur, zur Schlichtheit und Natürlichkeit anstrebte. Das Volkslied und der Volkstanz wurden gepflegt und das Wandern durch die Natur gefördert. In diese Zeit fiel für mich eine beglückende und harmlose Jugendfreundschaft, die mich jahrelang erfüllte.

Oskar Martinelli Quelle: zudusī latvija

Im Sommer 1927 verlobte ich mich mit dem Pastor der lettischen evangelisch-lutherischen Gemeinde Oskar Martinelli. Wir heirateten am 6. Januar 1928, am Epiphaniasfeste.
Am Polterabend in meinem Elternhause erschien die Wieckbergsche Jugend und führte ein selbst gedichtetes Singspiel auf mit dem Inhalt, dass die junge Pastorenfrau dem Wandervogel einen Raum für seine Nestabende in einer Scheune am Pastoratsee einrichten werde mit dem Refrain “die böse Lina erschreckt uns nicht mehr”. Lina war die bisherige energische Wirtschafterin im Pastorat, vor der alle Respekt hatten.

Der Altar der Talsenschen Kirche, vor der wir am 6. Januar 1928 getraut wurden.

Die Trauung in der Kirche am nächsten Tage war eine Sensation für die große lettische Gemeinde. Sie fand um 6 Uhr abends in der hell erleuchteten Kirch statt, die so besetzt war, dass wir als Brautpaar uns kaum zum Altar hindurch drängen konnten. Alle wollten miterleben, wie ihr schon etwas bejahrter Pastor in den heiligen Stand der Ehe treten würde. Sogar aus der 18 km entfernt liegenden Filialgemeinde Wandsen waren neugierige Gemeindeglieder gekommen. Der Pastor der deutschen Gemeinde Wieckberg vollzog die Trauung und hielt eine deutsche und lettische Ansprache.

Der Trautext war: Epheser 4, 1-3: “So ermahne ich euch nun, dass ihr wandelt, wie sich’s gebührt eurer Berufung, mit der ihr berufen seid in aller Demut und Sanftmut, in Geduld und vertragt einer den anderen in der Liebe und seid fleißig, zu halten die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens.” Am selben Abend fand ein Konzert im Lettischen Vereinshaus von Rigaschen Künstlern statt. Diese wurden vom Kirchenrat gebeten, einige Sololieder zur Trauung zu singen. Dadurch wurde es eine besonders festliche Feier, die sich lange hinzog, so dass ich schon fürchtete, nicht mehr länger vor dem Altar stehen zu können. Im Elternhause gab es nachher eine kleine Hochzeitsfeier für Verwandte und Freunde.

Mein Mann und ich verabschiedeten uns bald und fuhren für einige Tage nach Riga, wo ich die Verwandten meines Mannes kennen lernte und von dort direkt nach Dorpat, der geliebten Universitätsstadt meines Mannes, die er mir zeigen wollte, was ihm viel Freude machte. Dann ging es weiter nach Reval (Tallinn), der schönen Stadt am Meer.

Wieder zu Hause angelangt, begann für mich ein neuer Lebensabschnitt. Das Pastorat lag drei Kilometer von Talsen entfernt, war vor der Landenteignung der lettischen Regierung ein größeres Pfarrgut gewesen und hatte jetzt die Größe eines mittleren Bauernhofes. Die Bewirtschaftung desselben war für den Pfarrer neben seinem Amt nicht ganz einfach. Es war ein ziemlicher Stab an Arbeitskräften eingestellt, der besoldet und zum Teil auch beköstigt werden musste. Zwei Arbeiterfamilien wohnten in der sogenannten Herberge, ein Kutscher war zur Pflege der sieben Pferde und für die Fahrten eingestellt, eine Magd war für das Haus und zwei weitere für den Kuhstall mit zwölf Kühen und den Schweinestall. Es war für mich nicht ganz leicht, mich in den großen Haushalt hineinzufinden.

Das Pfarrhaus war ein gemütlicher alter Holzbau mit neun Zimmern, außer den Räumen für das Personal. Der erste Bewohner dieses Hauses war vor etwa 100 Jahren der Freund Beethovens gewesen, Probst Karl Amenda. Er war in seiner Jugend nach Wien gegangen, wo er sich mit Beethoven befreundet hatte, denn er war ein guter Cellospieler, auch wurde er in Wien der Lehrer von Mozarts Kindern. Nach Abschluss seiner Studien kehrte Amenda nach Kurland zurück und nahm die Pfarrstelle in Talsen an. Später wurde er Probst des Talsenschen Sprengels. Er ist auf dem kleinen Pastorenfriedhof beigesetzt worden. Eine deutsche Gedenktafel an seinem Grabe ist leider später von einer lettischen ersetzt worden. Die lettische Inschrift hat den Text:”Draudzība ir paēna pret saules stariem un aizsargs pret lietus gāzēm – Ludwig van Beethoven, 1953 15.6. Beethovena draugi Latvijā“.
Die Übersetzung lautet: “Die Freundschaft ist der Schatten gegen die Sonnenstrahlen und der Schutz gegen die Regengüsse. Ludwig van Beethoven, 1953 15.6. Beethovens Freunde in Lettland“.
Der Briefwechsel zwischen Beethoven und Amenda ist im Beethoven-Archiv in Bonn erhalten. Beethoven teilt seinem Freund Amenda als erstem Menschen seiner Umgebung seine beginnende Taubheit mit.