Herta Martinelli

Es folgte nun wieder eine Zeit froher und sorgloser Jugendjahre. Die Leseabende bei Elisabeth Goercke wurden regelmäßig weitergeführt und erfuhren eine Erweiterung, indem sich unter Siegfried Bergenguens Regie eine “Dramatische Sektion” des “Elternverbandes” bildete. Der “Elternverband” war die Zusammenfassung aller Deutschen, wie früher der “Deutsche Verein”, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die deutschen Schulen zu unterstützen. Die “Dramatische Sektion” beschäftigte sich mit dem Einüben von Theaterstücken, wozu dann ein Regisseur aus Riga kam, ein Freund von Siegfried, der uns den letzten Schliff beibringen sollte. Wir spielten mit mehr Begeisterung als Talent, fuhren sogar mit dem Stück “Der Raub der Sabinerinnen” nach Wenden, in eine livländische Kleinstadt, wo wir großen Ruhm ernteten.
Vom Deutschen Elternverband wurden auch Feste, wie ein Kostümball im Winter veranstaltet, dazwischen Konzerte von namhaften Künstlern. Der Höhepunkt war aber die Aufführung von “Minna von Barnhelm”, in dem Elly mit viel Charm die “Minna” spielte, Siegfried den Tellheim. Die Kostüme zu “Minna von Barnhelm” wurden vom deutschen Theater in Riga geliehen. Ich nahm regelmäßig Klavierstunden bei der Mutter von Siegfried Bergengruen, der Pastorin Bergengruen, die mir viel Freude machten.

Im Jahr 1922 fuhr ich wieder nach Kiel, um meine Schwester im Haushalt zu entlasten, die ihr zweites Kind erwartete. Der zweite Sohn, Lothar, wurde im November geboren. beide Söhne sind als hoffnungsvolle Offiziere im 2. Weltkriege gefallen, im Alter von 21 und 23 Jahren. Ich benutzte diese Zeit in Kiel, um etwas zu erlernen und besuchte einen Kursus einer Haushaltsschule. Doch waren die Jahre 1922-23 die schwersten Jahre der Inflation. Wenn mein Schwager mit seinem Gehalt von vielen Millionen Mark nach Hause kam, rief er meiner Schwester gleich zu, sie solle unverzüglich in die Lebensmittelgeschäfte gehen, um so viel, wie möglich einzukaufen, denn am nächsten Tage war der Wert des Geldes wieder gesunken und der Preis der Lebensmittel gestiegen. Es war eine aufregende Zeit. In der Haushaltsschule erklärte eines Tages die Lehrerin, sie bekäme keine Lebensmittel mehr zugeteilt und wir sollten uns auf das Anfertigen von Hausschuhen umstellen. Dazu sollten wir Stoffreste von zu Hause mitbringen. Ich beschloss, diese nicht mitzumachen und trat aus dem Kursus aus. Um die Zeit in Kiel auszunutzen, meldete ich mich zum Klavierunterricht bei einem Dr. Oppel, der ein tüchtiger Musiker, aber ebenso tüchtiger Theoretiker war. Er stellte andere Anforderungen, als ich sie bei früherem Unterricht gewohnt war, ließ mich viel Bach spielen und richtete sein Hauptaugenmerk auf die die Einführung in die Theorie der Harmonielehre. Die letztere machte mir besonders viel Mühe, denn Dr. Oppel gab mir z.B. von einer Woche bis zur anderen bis zu 20 Choräle zum harmonisieren auf. Da ich ja in der Hauptsache meiner Schwester im Haushalt helfen sollte, war es nicht leicht für mich, die Zeit für meine Musikübungen am Tage zu finden. Ich setzte mich daher schon um sechs Uhr ans Klavier und versuchte leise die Akkorde anzuschlagen und die passenden Harmonien nach den Musikgesetzen für die Choräle zu finden, bis sich die unter uns wohnenden Mieter über die Störung in der frühen Morgenstunde beklagten. Trotz aller Mühe, haben mir die Stunden bei Dr. Oppel doch einen Einblick in den Aufbau und die Gesetze der Musik vermittelt, die ich nicht missen möchte. Nach einem Aufenthalt von zehn Monaten fuhr ich nach Hause, wo ich recht elend und erholungsbedürftig ankam.