Die Reise 2015

Das Geburtshaus unserer Mutter

 

Unsere Mutter mit Hund und Pferd im Garten

Wir verabredeten uns telefonisch für späten Vormittag des nächsten Tages, dem eigentlichen Jāņi-Tag, mit Līga, einer deutschsprechende Lettin, Angestellte der Talsenschen evangelisch-lutherischen Kirche, mit der Jörn bereits vorher wegen des Schicksals von Oskar Martinellis Nachfolger Janis Saulitis korrespondiert hatte. Dabei stellte sich heraus, dass ihre Mutter (Jahrgang 1933) Nachbarin des Rohdeschen Grundstücks ist. Wir waren auf die Begegnung gespannt.

Bevor wir mit Līga zusammentreffen wollten, gingen wir einer anderen Spur nach und zwar zum alten deutschen Friedhof, wo es noch den Grabstein unseres Großvaters Wilhelm Rohde geben sollte. Fotos davon hatte Līga uns bereits geschickt. Wir mussten zwar bei scheußlichem Regenwetter etwas herumsuchen, fanden den Friedhof aber bald und hatten sogar Glück, da wir geradewegs auf besagten Grabstein zugesteuert sind.

Daneben lag auch noch ein Teil vom Grabkreuz unseres Urgroßvaters Carl August Rohde, dem Begründer der Gärtnerei. Unglaublich, dass dieser, wenn auch recht kleine deutsche Friedhof, die Sowjetzeit beinahe unbeschadet überstanden hat und dort nur wenige Grabmale beschädigt oder zerstört waren, viele aber noch an ihrem Platz standen, so z. B. auch Vorfahren aus der Familie des Barons von Stromberg, in dessen Haus unsere Mutter als junges Mädchen ein- und ausgegangen war, befreundet mit Anne-Marie von Stromberg, später unsere liebe „Tante“ aus frühen Kindertagen. Da stehen nun zwei Nachfahren mit Blumen in der Hand vor zwei alten Grabstellen ihrer Großväter und können durchaus nacherleben, wie die eigene Mutter als junge Frau hier 1932 ihren Vater begraben und vorher schon die Grabstelle ihres eigenen Großvaters gepflegt hat, der schon 1893 vor ihrer Geburt gestorben war. Schön, dass es diesen Ort noch gibt.

Wilhelm Rohde galt nicht nur in seiner Familie als ein aufrichtiger und herzensguter Mensch und als eine geachtete Persönlichkeit seiner Stadt, sondern wird auch in der Talsenschen Historie anerkennend erwähnt. Er wurde in der Zeitung z. B. als „ein allgemeine Sympathie gewinnender Herr“ bezeichnet, wurde sogar noch nach Gründung des Lettischen Staats in den Stadtrat gewählt, obwohl in dieser Zeit die Deutschen nicht gerade hoch angesehen waren, und selbst gegnerische Blätter fanden in einem Nachruf positive Worte, wie solche, er sei „von Natur aus friedlich und tolerant gegenüber anderen Menschen, ohne Unterschied der ethnischen Herkunft, obwohl er selbst ein Deutscher“ sei. Auch würde er „die Bedürfnisse der Arbeitnehmer und deren Sorgen“ verstehen, würde deshalb von ihnen hoch angesehen. Hervorgehoben wurde sein großer Sinn für Gerechtigkeit und Fairness. Und so lebte die Familie Rohde auch in bestem Einvernehmen mit der lettischen Bevölkerung, ohne sich hervorzutun, als sei sie etwas Besseres. Das war in deutschen Kreisen nicht so selbstverständlich.

Līga kam zu uns ins Hotel und hatte ein Buch zur Stadtgeschichte mitgebracht, in dem auch Wilhelm Rohde mehrfach genannt wird. Wir unterhielten uns sogleich sehr angeregt. Ihr Großvater war, etwas später zwar, aber ebenso wie Wilhelm Rohde, im Stadtvorstand tätig gewesen. Da er auch in direkter Nachbarschaft zu Rohdes gelebt hatte, werden sich die Familien ohnehin gekannt haben.

Garten in Talsen

Für uns wurde es sehr interessant, als Līga uns die Lage der damaligen Gärtnerei auf dem heutigen Gelände im Detail zeigte, wir auch Fundamentreste einiger ehemaliger Glashäuser und entsprechende Erdaushebungen in dem Hang fanden. Dies verglichen mit dem Foto, das unsere Mutter als junge Frau vor den Glashäusern zeigt. Jetzt konnten wir uns ein recht gutes Bild davon machen, wie der Rohdesche Garten zur Zeit unserer Mutter ausgesehen hatte.
Wir sahen plötzlich, dank der Ortskenntnis unserer Führerin, auch große Lebensbäume  und alte -hecken (zum Schutz gegen die störenden Nordwinde, wie unsere Mutter in ihren „Erinnerungen“ schreibt). An denen waren wir bisher mehr oder weniger achtlos vorbeigegangen. Wir bedachten die vom Hang herabführenden Wege plötzlich mit wissenden Augen und konnten uns vorstellen, wo die Zäune als Begrenzung des Gartens gestanden haben dürften. Aus der Wiese unterhalb des jetzigen Weges zeichnete sich im Geiste die alte Gartenanlage quasi ab, ein merkwürdiges Gefühl, kann man wohl sagen. Diese Gartenanlage hatte noch eine ganze Weile nach dem Kriege existiert, wurde dann aber doch wohl endgültig in städtisches Eigentum überführt und schließlich aufgelöst. Die Rohdesche Gärtnerei war die erste in Talsen und blieb es auch lange Zeit, wie Ortskundige zu erzählen wussten.

Die Kupffersche Kapelle oben neben dem Haus hat wohl, wie Līga meinte, einst zum Grundstück gehört und wurde, das wissen wir aus einer anderen Quelle, einer Erzählung von Mia Munier-Wroblewski, von Rohdes gepflegt. In einem anderen Bändchen (Elisabeth Goercke: Heimat in uns) fand ich eine handschriftliche Notiz von der Hand unserer Tante Herta: „Der Friedhof an unserem Grundstück in Talsen gehörte der Familie Heintz. Die Großmama Heintz (von der E. Goercke in einer ihrer Erzählungen berichtet) ist dort beigesetzt.“
Wir hatten uns, trotz des Regens, ziemlich lange auf dem alten Grundstück aufgehalten, und nun war noch der Besuch der Kirche vorgesehen. Wir alle mussten uns vorher jedoch umziehen, da völlig durchnässt. Das war schnell geschehen.
Diese Kirche hat für uns insofern einen besondere Bedeutung, als unsere Mutter dort getauft worden ist, konfirmiert wurde und die Eltern dort auch heirateten. Außerdem war unser Onkel Oskar Martinelli, der Mann ihrer Schwester Herta, dort zwischen 1910 und 1939 Pastor der lettischen Gemeinde.
Diese Kirche wurde bereits 1567 gebaut. Bis zur Mitte des 18. Jh. hatte sich um die Kirche herum ein Friedhof befunden, der nun längst eingeebnet ist, und auf dem Platz neben der Kirche stand der so genannte Schandpfahl, ein Ort, wo Strafen ausgeführt wurden. Bis zu den 1930er Jahren fand hier freitags auch der Fischmarkt statt. Sagen berichten, dass die Keller der Kirche durch unterirdische Gängen mit dem Burgberg (Pilskalns) und dem Mühlenberg (Dzirnavkalns) verbunden waren. In dieser Kirche hat von 1802 bis 1836 Carl Ferdinand Amenda (1771-1836), der Jugendfreund Ludwig van Beethovens, als Pfarrer für die lettische Gemeinde gedient. Und unser Onkel Oskar war einer seiner Nachfolger und lebte in dessen Pastorat außerhalb der Stadt. Dorthin wollten wir später auch noch fahren.

Bevor wir die Kirche betraten, wurden wir eingeladen, das gegenüberliegende neue Gemeindehaus anzusehen, ein großes Haus mit mehreren Gemeinderäumen, Büros und einfach ausgestatteten Gästezimmern. Uns interessierte besonders eine gestaltete Wand in einem langen Flur mit den Bildern der dort einst tätigen Pastoren. Hier fanden wir auch Fotos von unserem Onkel Oskar. Līga äußerte sehr nachdrücklich die Bitte, ob wir Material beschaffen könnten über das weitere Leben und Wirken von O. Martinelli. Man sei sehr daran sehr interessiert, die neuere Kirchengeschichte aufzuarbeiten und die ältere zu vervollständigen. Auch gab es eine Tafel mit Bildern und Lebensdaten von Oskar Martinellis  Nachfolger Janis Saulitis, der von den Sowjets 1946 verhaftet wurde und 1947 im Lager umgekommen war. Er war der erste Lette, der das Amt in dieser Gemeinde übernommen hat, davor waren dort nur deutsche Pastoren tätig gewesen. Unser Onkel hatte den jungen Vikar seinerzeit in seinem Haus aufgenommen und ihn noch einarbeiten können, bevor die Deutschbalten ihr Heimatland 1939 verlassen mussten.