Die Reise 2015

Es wurde Montag, und wir glaubten, auf arbeitende Menschen zu treffen und auf Betriebsamkeit in den Straßen. Doch nein, es herrschte feiertägliche Ruhe. Wir hörten bald, dass zwar der folgende und dann auch noch der nächstfolgende, also der 23. und 24. Juni, Feiertage seien.Auch in Lettland gibt es Brückentage. Am 23. wird das Johannifest begangen, gefeiert mit den dort allbekannten Ligo-Gesängen im Freien und beim Sonnenwendfeuer und mit viel, viel Alkohol bis zum Sonnenaufgang des nächsten Tages. Da kann dann natürlich an beiden Tagen nicht gearbeitet werden, ist doch ganz selbstverständlich. Also gab es im Hotel auch nur ein kleines Frühstückchen, vorbereitet von einer Frau, die eigens gegen halb neun angehetzt kam. Wir warteten schon und wurden vertröstet. Das kann man ja in Kauf nehmen, dass aber die Zimmer nicht gereinigt wurden an all den Tagen, grenzte schon an Zumutung. Wir wissen übrigens nicht, ob dies nur an den Feiertagen lag, oder doch allgemeingültig ist bei einer derartig geringen Hotelauslastung, so dass das Reinigungspersonal auch stark minimiert worden ist.

Wir machten uns auf, das Rohdesche Haus noch einmal näher zu betrachten, liegt es doch nur wenige hundert Meter entfernt vom Hotel. Wir wollten sehen, ob es vielleicht auch den Birnenbaum noch gibt, der in einer modernen Stadtwanderkarte als „Talsens Schöne“ bezeichnet wird, der Urbirnenbaum, der bis heute viele Ableger gefunden haben soll. Diese Birnensorte wurde auch von unserer Mutter in ihren Berichten aus der Jugendzeit mehrfach erwähnt, dass aber unser Großvater diese eigens gezüchtet haben sollte, ist wohl eher einer modernen Interpretation zuzuschreiben, um einer touristischen Attraktion willen. Es gibt in dem ehemaligen Anwesen einige Birnenbäume, aber alle sind nicht so alt, wie beispielsweise sich der auf einem in der Familie erhaltenen Bild zeigt.

Blick von der Gärtnerei zum Kirchberg (Baznickalns)

Übrigens hörten wir am nächsten Tag von der Tochter einer ehemaligen Nachbarin der Rohdes (Liga; von ihr sprechen wir später), dass in deren Garten ein viel größerer und weitaus älterer Birnenbaum dieser Sorte steht. Wir haben ihn gesehen und können es bestätigen. Schön aber ist, dass der Name unseres Großvaters in Talsi lebendig bleibt, und sei es vor allem durch den Birnenbaum. Bei Eingeweihten, so bei unseren neuen Freunden der örtlichen Historikergruppe (Verein Aleksandra Peleca Lasitava), auf die wir in der Mittagszeit getroffen sind, ist die Rohdesche Gärtnerei höchst lebendig und in einem schönen Aufsatz von Antra Grube festgehalten.

Das Rohdesche Haus aber steht nach wie vor an seinem Platz an einem Hang und beherbergt jetzt eine Bioenergie-Firma (Talsu Bio-Energija), die alles schön restauriert und innen recht umgebaut hat. Wir durften zusammen mit den drei lettischen Freunden hineingehen. Der Geschäftsführer dieser Firma war trotz Feiertag eigens gekommen, um uns den Zutritt zu ermöglichen, und führte uns herum.

Familie Rohde im Wohnzimmer (ca. 1918)

Es ist ein eigenartiges Gefühl, in Räume zu treten, die einst unseren Großeltern und Eltern gehört haben, aber seit über 75 Jahren von der Familie nicht betreten werden konnten. Wir versuchten, uns den Zuschnitt der großelterlichen Wohnung vorzustellen, glaubten auch den großen Raum – sozusagen „die gute Stube“ – zu erkennen, der jetzt allerdings durch eine Leichtbauwand aufgeteilt ist. Das Familienbild von 1916 könnte dort aufgenommen worden sein.

Talsen 1905 nach dem Beschuss

Der Dachboden jedenfalls ist durchgängig offen, die ehemalige Kammern bzw. Stübchen (auch das Stübchen mit der Dachgaube), sind verschwunden. Im Keller konnten wir uns lebhaft vorstellen, wie die Familie im Revolutionsjahr 1905 angsterfüllt dort saß, als Kanonen aus dem Stadtpark (Mühlenberg) heraus auf den gegenüberliegenden Hang schossen und besagter Birnenbaum einen großen Ast verlor, was das Haus gerettet haben mag:

Das erste große Ereignis meines Lebens war die russische Revolution 1905, allerdings kann ich davon nur nach Berichten anderer Menschen er- zählen, da ich als Einjährige nichts davon begriffen habe. Die Geschwister erzählten viel davon, auch mein Vater. Durch unser Dienstmädchen, die Freunde unter den letti- schen Revolutionären hatte, waren in unserem Garten al- lerlei bewaffnete Männer, die durch die Zwischenräume der Zäune auf die russischen Soldaten schossen. Diese Dragoner hatten sich auf der Höhe des Stadtparks mit ihren Kanonen aufgebaut und schossen auf die Stadt und die Revolutionäre. So natürlich auch auf unseren Garten, und es wäre wohl mit unserem Hause vorbei gewesen, wenn nicht ein Birnbaum den Hauptteil am Schrapnellschuss abgefangen hätte und nur Splitter das Haus und die kleine Friedhofshalle neben unserem Grundstück trafen.”

Miks und seine beiden Begleiterinnen, Antra und Dace, führten uns durch die Stadt, erst einmal aber zu Miks Vater Zigurds, ein älterer Mann, der als Rentner einem ausgefallenen Hobby frönt, einen kleinen privaten Verlag allein betreut und sich begeistert mit Heimat- und Brauchtumliteratur beschäftigt und eine große Sammlung von Fotografien besitzt, die teilweise über die Lettische Nationalbibliothek im Internet verfügbar sind. Er ist zwar nicht selbst der Autor solcher Bände, Heftchen und Bilder, doch neben eigenen Herausgaben layoutet, druckt und bindet er alle Druckwerke allein – ein fröhlicher Mensch, dem die Begeisterung aus den Augen leuchtet. Ihm haben wir den Kurenring übergeben. Ob er ihn behält oder später ins Museum bringt, soll ihm überlassen bleiben. Auch hierüber wurde von Antra Grube berichtet.

Elementarschule

Wir gingen den Kirchenberg hinauf, an der evangelisch-lutherischen Kirche vorbei, die wir am Folgetage besuchen wollten, bogen dann links hinter dem der Kirche gegenüberliegenden neuen Gemeindehaus zur alten deutschen Elementarschule ab, wo auch unsere Mutter den ersten Unterricht empfangen hatte.

 

Wir spazierten weiter zum Heykingschen Haus, eine großzügige Anlage voller vergangener Pracht, einer Familie gehörend, von der unsere Mutter immer mit respektvollem Unterton sprach und von kleinen Begebenheiten aus dem damaligen freundschaftlichen Miteinander berichtete. Unser Weg führte weiter über einen grasbewachsenen Platz, wo einst eine alte Holländermühle gestanden hat (deshalb Mühlenberg) und über einen schmalen Weg (Padweg, wie unsere Eltern so etwas nannten) hinunter zum einstigen Rohdeschen Anwesen.
Wir hatten zum Mittagsessen ins „Martinelli“ geladen und wurden köstlich bewirtet. Unsere lettischen Freunde hatten uns einen Bildband über Talsen in den 20ern des vergangenen Jahrhunderts mit Bildern des einheimischen Fotografen Ansis Druvinš und ein Fotobuch über die heutige Umgebung Talsens überreicht. Die persönlichen Widmung des örtlichen Bürgermeisters im Buch war eine hübsche Geste des Willkommens.

Wir Brüder zusammen mit Dace – Aufnahme Antra Grube

Diese Zeit am Mittagstisch nutzten wir für ernstere Gespräche, stellten unsere Fragen und bemerkten sehr schnell, dass die allgemeine Stimmung sehr deutschfreundlich ist, auch die damalige Zeit im Zusammenleben zwischen Deutschen und Letten im Rückblick  positiv angesehen wird. Es hatte nicht den Anschein, als wolle man uns Freundlichkeiten erweisen und uns vielleicht gar zum Munde reden. Aber aus allem konnte auch herausgehört werden, dass man allein schon deshalb die deutsche Zeit freundlich bewertet, als man eine tiefe Abneigung, wenn nicht gar einen Hass auf die „Russenzeit“ verspürt. Die Zeit der Zugehörigkeit Lettlands zur Sowjetunion wird „Okkupationszeit“ genannt. Wir hörten von der Verschleppung und Verbannung sehr vieler Letten in den Jahren nachdem das freie Lettland infolge des Hitler-Stalin-Pakts in sowjetische Hände geriet. Eine erste praktische Umsetzung des deutsch-sowjetischen Paktes war die Aussiedlung der in Lettland und Estland lebenden Deutschen gewesen. Nach dem Ende der deutschen Okkupation kamen die sowjetischen Truppen zurück. Wieder folgten Verhaftung, Verbannung und oftmals Tod vieler lettischer Bürger. Fast jede lettische Familie war von dieser Willkür betroffen.
Man berichtete auch von den täglichen Ärgernissen, von Frust und Abhängigkeit während der Sowjetzeit. Heute ist man stolz, sich mit Gesang und guter Stimmung („Singende Revolution“) aus den fremden Banden gelöst zu haben.
Wir haben später noch andere Anzeichen gefunden, die auf Russenhass hinweisen. Im Gauja-Nationalpark fanden wir Bild-Texttafeln mit dort vorzufindenden Gewächsen in lettischer, englischer und russischer Sprache; russisch war mit scharfem Gegenstand zerkratzt worden. Überhaupt wird von älteren Letten ungern russisch gesprochen, die Sprache des „Feindes“; deutsch, so noch bekannt oder wieder als Fremdsprache erlernt, ganz selbstverständlich und von jungen Leuten englisch immer. So gesehen, schneiden die ehemaligen deutschen „Herrenmenschen“ im lettischen Gedächtnis immer noch besser ab, obwohl, wir wissen es aus kritischer Literatur älterer Zeit, die Herren Grundbesitzer nicht gerade feinfühlig mit der Landbevölkerung umgegangen waren und auch die „Literaten“ (so nannte man die deutsche Intelligenz) auf die sich entwickelnde geistige Elite aus der lettischen Bevölkerung, gelegentlich wohlwollend, wenn auch meist sehr herablassend geblickt haben.
In den Gesprächen wurde immer wieder betont, dass wir eine gemeinsame Geschichte haben, die bewertet werden muss und schwierige Erkenntnisse dabei zutage kommen, dass es nicht nur auf deutscher Seite Verfehlungen gegeben habe, sondern auch seitens der Letten (s. auch: Krieg der Erinnerung). Alle waren sich einig, dass die jüngste Geschichte den heutigen Menschen nahe gebarcht werden muss, um zu begreifen, worauf die gegenwärtige Gesellschaft fußt. In den Sowjetschulen Lettlands wurde wenig bis nichts über die lettisch-deutsche Geschichte berichtet. Die aber gehört zum Leben unserer Völker.

Unsere drei lettischen Begleiter sehen heute ihre Aufgabe als Ortshistoriker auch darin, die erzählte Vergangenheit auszugraben und sie weiterzugeben*. So sind sie sehr daran interessiert, die Aufzeichnungen unserer Tante Herta Martinelli zu bekommen, um Einzelheiten aus dem damaligen Leben authentisch zu erfahren, wie z.B. Einzelheiten des Schulalltags in Talsen während der Zarenzeit.
Wir fanden in unseren Gesprächspartnern aufgeschlossene Menschen, mit denen wir viele Stunden über alte und neue Themen reden konnten, so auch über die Flüchtlinge, die von der EU aufgenommen werden sollen und vor denen sich die Einwohner Lettlands fürchten oder über die Ängste vor dem russischen Nachbarn und einer erneuten Okkupation, seit die Krim von Russland besetzt wurde. Es scheint, als habe die lettische Bevölkerung wenig Zutrauen zum Engagement Europas für die baltischen Länder. Traurig, aber durchaus verständlich, denn wer sollte Putin direkt in den Arm fallen!?
Wir hörten Erklärungen, warum Lettland keine Flüchtlinge aufnehmen darf: Weitere Überfremdung, denn das Land habe durch die Bewohner russischer Nationalität schon genug Fremde. Ein kleines Land mit sehr wenigen Einwohnern würde Probleme mit andersstämmigen und Menschen fremden Glaubens bekommen. Unser Einwand, dass auch unsere Vorfahren als Fremde mit der Absicht, ein besseres Leben zu erreichen, einst in dieses Land kamen und zu dessen positiver Entwicklung beigetragen hätten, wurde nicht akzeptiert. Wir nahmen die Erklärungen und die Ängste, die daraus sprachen ernst, auch wenn wir mit ihnen nicht übereinstimmten.

Jāņi – Johanni


Wir erkundigten uns auch über das Alltagsleben, speziell über das Jani-Fest (Johanni) die Gebräuche, die Ligo-Gesänge und hörten eine einhellige Begeisterung über diese alte Tradition, die fest in das Leben des Volkes integriert ist und von allen Menschen mitgetragen wird. Ich las aus den Erinnerungen unserer Tante Herta die Beschreibung eines Ligo-Festes im Pastorat Talsen vor. Sie erklärt darin den Begriff Ligo als Bezeichnung der Göttin der Liebe, was unsere lettischen Freunde als falsch bezeichneten uns aber die wahre Bedeutung nicht erklären konnten oder wollten.

Unsere Tante schreibt in ihren „Erinnerungen“ über das Logo-Fest im Pastorat Talsen:
Den Höhepunkt des Jahres bedeutete für die lettische Bevölkerung das Johannifest, die Sonnenwende. Das war ein richtiges Volksfest, das sich gewiß noch aus der heidnischen Zeit herübergerettet hatte. Auch bei uns im Pastorat wurde der 23. Juni, der Johanniabend für die Angestellten groß gefeiert. Es wurde vorher ein Kalb geschlachtet, Bier gebraut u. alles befand sich in großer Geschäftigkeit. Am Johanniabend wurde in der Küche der Tisch mit einem weißen Tischtuch schön gedeckt, in allen Stuben waren Birken aufgestellt, es roch festlich nach Kalbsbraten, frischgebackenem Weißbrot u. Speckkuchen. Am taghellen Abend erklangen dann die lettischen Ligolieder in der ganzen Umgebung. Mein Mann u. ich gingen auf die Veranda hinaus u. hörten schon die aus der Ferne sich nähernden Gesänge unserer Leute, die dann zur Veranda kamen u. uns unter Gesang schöne Kränze aus Eichenlaub u. Wiesenblumen umhängten, die unser Hütemädchen ,Anning‘ beim Kühehüten geflochten hatte. Darauf wurden alle zum Abendessen in die Küche gebeten. Nachher ging es dann auf eine Anhöhe, wo schon vorher auf die Spitze einer Tanne eine Teertonne gesetzt war, die nun angezündet weithin als Johannifeuer leuchtete. Von allen Seiten flammten nun in der Ferne u. Nähe Feuer auf, dazu erschallten die Gesänge mit frm ,Ligo, ligo‘ bis in die warme Sommernacht hinein. Ligo ist die Göttin der Liebe.

Wir hatten eigentlich vor, an diesem Abend dieses Fest zu erleben, um alles selbst einmal kennenzulernen. Doch es regnete stark an diesem Abend (Volksweisheit: „Es regnet wie zu Ligo“). An solchen Regentagen wird das Fest auch mehr und mehr im Familienkreise gefeiert, wie wir hörten. So blieben wir auch am Abend im Hotel und sahen auf youtube ein kleines Filmchen über ein solches Fest. Später erlebten wir vor unserem Hotelfester einige Besoffene mit Ligo-Ligo-Geschrei, weniger schön als der Gesang im Film.

* Literatur zur lettischen Historikersicht der Okkupation: 
THE HIDDEN ÄND FORBIDDEN HISTORY OF LATVIA UNDER SOVIET AND 
NAZI OCCUPATIONS 1940-1991; 
 Selected Research of the Commission of the Historians of Latvia; 
Institute of the History of Latvia, Riga 2005