Die Reise 2015

Fahrt nach Lettland

Am 20. Juni, es war ein Sonnabend, machten wir uns auf die Reise. Die eigentlichen Ziele waren Talsen (lett. Talsi) in der Provinz Kurland (lett. Kurzeme), der Geburtsort unserer Mutter. mit der Gärtnerei, die sie nach dem Tode ihres Vaters leitete, und Ligat (lett. Ligatne) in der Provinz Livland (lett. Vidzeme), der Geburtsort unseres Vaters mit der seinerzeit berühmten Papierfabrik, in der unser Großvater als Chemiker und Papiermacher zur engeren Leitung gehört hat. Dazu wollten wir auch anderen, noch eventuell sichtbaren Spuren unserer Ahnen nachgehen, Orte besuchen, in denen sie gelebt und gewirkt haben, Ortschaften, Güter, Kirchen.

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Lomza Panorama By Patryk Korzeniecki, CC BY-SA 3.0, Link

Die Sonne schien und es versprach, ein schöner Tag zu werden. So fuhren wir von Dresden aus eine direkte Route an Görlitz, Wroclaw und Lodz vorbei (meist Autobahn) durch Warschau hindurch und kamen über auffallend gut ausgebaute Landstraßen am späteren Nachmittag bis nach Lomza (gelegen an der Narew), eine im Kriege weitgehend zerstörte polnische Stadt, die durch oftmals fremdländische Besetzungen (darunter mehrfach in deutschem, russischem und schließlich auch sowjetischem Machtbereich) im Laufe der Jahrhunderte und in neuerer Zeit, viel Schrecken erlebt hat – Judenvernichtung im großen Maße.

Dem nächsten Tag (Sonntag, 21. Juni) war die 2. Etappe vorbehalten, von Lomza über Augustów und Suwalki (bald dahinter die Grenze zu Litauen), also ein wenig durch Masuren, quer durch Litauen (bei Jurbarkas über die Nemunas (Memel), dann nach Lettland, dort über Saldus, Kuldiga (Goldingen) bis nach Talsi (Talsen). Die Straßen in Litauen sind oft recht gut, wenn auch nicht so gut wie in Polen. Man hat einen schönen weiten Blick über das flache Land mit saftigen und blumenreichen Wiesen, über die vielen, oft recht kleingeschnittenen Felder, durchmischt von etwas Wald. Die Dörfer wirken freundlich, in den Städten – man fährt allerdings selten durch größere Ortschaften, weil Umgehungsstraßen gebaut worden sind – trifft man oftmals auf hässliche Sowjetbauten. Wen wundert es nach all den Jahren unter der Sowjetherrschaft.

Der Grenzübergang nach Lettland ist ganz unauffällig auf einer Landstraße beim Dorf Ezere. Es ist ein frohmachendes Gefühl, durch mehrere Länder reisen zu können, ohne jemals einem Grenzregime ausgesetzt zu sein. Man fährt einfach durch, ohne jede Grenzkontrolle und ist plötzlich da, 1400 km entfernt vom eigenen Zuhause. Talsi empfing uns nach reichlichen acht Stunden Fahrzeit im Regen.